Publikum des Jahres 2017: Sommerliche Musiktage Hitzacker

Niedersachsens Mitmach-Festival

Jeden Mittwoch stellt Ihnen die concerti-Redaktion einen Nominierten des Wettbewerbs Publikum des Jahres genauer vor. Heute sind es die Sommerlichen Musiktage Hitzacker

Sommerliche Musiktage Hitzacker. Festival-Auftaktkonzert auf dem Marktplatz 2017 © Kay-Christian Heine/Sommerliche Musiktage Hitzacker

Sommerliche Musiktage Hitzacker. Festival-Auftaktkonzert auf dem Marktplatz 2017

Bei vielen klassischen Sommerfestivals ist es ja so: Innerhalb eines gewissen Zeitraums gibt es zu einem thematischen Schwerpunkt ein Konzert nach dem nächsten. Die Besucher kommen hin, hören zu und gehen dann wieder. Bestenfalls unterhält man sich in der Pause noch mit anderen Gästen oder mit dem Sitznachbarn. Auch die Sommerlichen Musiktage Hitzacker stehen jedes Jahr unter einem Thema (2018 wird es Beethoven sein – eine ganz bewusste Entscheidung des Intendanten Oliver Wille, der 2020 nicht auf den zu erwartenden Hype aufspringen will, wenn eh alle Welt den 250. Geburtstag des Komponisten feiern wird). Damit endet die Gemeinsamkeit mit anderen Sommerfestspielen aber auch schon.

Mischung aus Alter und Neuer Kammermusik

1946 gegründet, sind die Sommerlichen Musiktage Hitzacker das älteste Kammermusikfestival Deutschlands – und nach eigenen Aussagen zugleich eines der „geistig jüngsten“. Denn das Festival der niedersächsischen Elbstadt besticht von Anfang an mit seiner Mischung aus alter und neuer Kammermusik. Und das ist auch heute noch so, wie Oliver Wille bestätigt: „Ich meine, wir durchdringen tatsächlich die Möglichkeiten eines Festivals, sich Zeit zu nehmen, um einzutauchen, alles Alltägliche zu vergessen und an einem besonderen Ort das Wunder Kammermusik in aller Vielfalt, mit allem Avantgardismus zu begreifen.“

Ein Profil, das von Hans Döscher, der bis zu seinem Tod 1971 Intendant war, entscheidend geprägt wurde. Und vom Publikum selbst. Denn bereits im fünften Festspieljahr strich die Stadt Hitzacker dem Festival die finanziellen Mittel – es war einfach nicht genügend Geld da. Kurzerhand wurde von den Besuchern der Trägerverein „Gesellschaft der Freunde der Sommerlichen Musiktage Hitzacker e.V.“ gegründet, der bis heute die finanziellen Mittel bereitstellt.

Sommerliche Musiktage Hitzacker. Opern-Air Konzert 2017

Sommerliche Musiktage Hitzacker. Opern-Air Konzert 2017 © Kay-Christian Heine/Sommerliche Musiktage Hitzacker

Wenn das Publikum den Intendanten verblüfft

Nun finanzieren sich auch andere Festivals durch diverse Fördergelder. Der Unterschied liegt ganz eindeutig in der Praxis. Denn während bei vielen anderen Festspielen klassische Musik ausschließlich konsumiert, wird sie in Hitzacker gelebt. Das hat auch Oliver Wille schnell feststellen müssen, als er 2015 seine Stelle als Intendant antrat: „Bei der Staffelübergabe der Intendanz im Sommer 2015 legte ich einen Zettel aus. Die Idee war ein ‚Wunschkonzert’ der ‚Sommerlichen’ („Welches Werk wollen Sie erstmals, wieder, besonders gern hören in meinem ersten Jahr meiner Intendanz?“). Die zahlreichen Antworten verblüfften mich: Brahms, Mozart, Beethoven – Fehlanzeige! Stattdessen eine lange Liste von Webern über Schnittke, Kurtág, Joseph Joachim, bis Widmann und Rihm und darüber hinaus.“

Sommerliche Musiktage Hitzacker beeindrucken mit Aktivität

Dass sich das Publikum engagiert – daran hat sich nichts geändert. „Zu jeder Gelegenheit werde ich während des Festivals angesprochen: mit neuen Ideen, Kritik, Lob, Anregungen, detaillierten Meinungen, Begeisterung, Aufregung – das geht beim Frühstück los und endet nachts beim Glas Wein. Die Konzertpausen sind daher stets länger als geplant, denn der Gesprächsbedarf ist riesig“, bestätigt Wille.

Oliver Wille, Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker

Oliver Wille, Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker © Kay-Christian Heine/Sommerliche Musiktage Hitzacker

Aber das Publikum der Sommerlichen Musiktage hat nicht nur Ideen und Vorschläge parat – es beteiligt sich auch aktiv am Programm an sich. So beginnt zum Beispiel jeder Morgen mit einem „Chorsingen für alle“. „Ich war wie erschlagen, als ich erstmals in die Kirche kam und dort etwa 150 begeisterte Sängerinnen und Sänger antraf, die alle mit Anspruch und in bester Laune auf den Chorleiter warteten … alles Besucher und Publikum der abendlichen Konzerte. Und die, die mehr wollen, treffen sich täglich zusätzlich zum Kammerchor oder nehmen Instrumentalunterricht bei Künstlern des Festivals. Am Nachmittag platzt die Kirche aus allen Nähten, wenn es ‚Hörer-Akademie’ heißt. Gebannt lauscht unser Publikum den Referenten, Musikern, Komponisten – die versuchen, Antennen und Bewusstsein für unser gemeinsames Anliegen zu schärfen.“

Überall erklingt Musik

Sommerliche Musiktage Hitzacker. Pre-Concert der Festival-Akademie 2017

Sommerliche Musiktage Hitzacker. Pre-Concert der Festival-Akademie 2017 © Kay-Christian Heine/Sommerliche Musiktage Hitzacker

Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker haben also ein prall gefülltes Programm, das vom Publikum sehr rege und vor allem aktiv in Anspruch genommen wird. Dazu hat Oliver Wille eine schöne Anekdote parat: „Einst beschwerte sich eine ältere Besucherin, dass die Tage zu lang wären, die Veranstaltungen zu dicht und zu viel. Denn schließlich beginnen die Tage früh und enden spät nachts, non stop Musik und ‚über Musik’ an verschiedenen Orten unseres Mitmach-Festivals. Auf den Vorschlag, sie müsse doch nicht alles mitmachen, entgegnete sie entrüstet: Das ginge ja gar nicht, alles wäre viel zu interessant.“

Allein diese kleine Begebenheit zeigt, wie außergewöhnlich die Teilnahme der Zuschauer an den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker ist. So verwundert es auch nicht, dass es das Festival beim Voting zum Publikum des Jahres 2017 auf die Nominierungs-Shortlist geschafft hat.

Folgen Sie unserem Wettbewerb Das Publikum des Jahres auch auf Facebook und Twitter – suchen Sie einfach nach #publikumdesjahres. Die Suche nach dem Publikum des Jahres wird begleitet von unseren Partnern Niehoffs Vaihinger Fruchtsäfte, Thalia Buchhandlungen und GeloRevoice.

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