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Magazin - Interview David Theodor Schmidt - „Und auf einmal ist die Welt in Ordnung“

 

Interview David Theodor Schmidt

„Und auf einmal ist die Welt in Ordnung“


Der Pianist David Theodor Schmidt über Schumann, das Wettbewerbsunwesen und den Reiz des Solo-Rezitals


von Arnt Cobbers

© Felix Broede
David Theodor Schmidt © Felix Broede
© Felix Broede
David Theodor Schmidt © Felix Broede
© Felix Broede
David Theodor Schmidt © Felix Broede

Er hat an keinem großen Wettbewerb teilgenommen, und seinen Ausflug zu einem Major-Label beendete er bald wieder. Dennoch hat sich der 29jährige Erlanger David Theodor Schmidt unüberhörbar in die Riege der führenden jungen Pianisten gespielt. Im November und Dezember geht er mit Schumanns Kreisleriana auf Tournee durch die deutschen Bechstein-Zentren. 

 

Herr Schmidt, wie sind Sie zum Klavier gekommen?

 

Meine Eltern hatten wenig mit Musik am Hut, aber sie waren der Meinung, zur kulturellen Grundausstattung gehört ein Instrument. Klavier oder Geige war die Frage, und Klavier sah irgendwie einfacher aus. Nach der ersten Stunde, da war ich sechs oder sieben, sagte mein Lehrer, das kann ein Großer werden. Wie er das sagen konnte, ist mir völlig schleierhaft. Ich habe anfangs nur vielleicht zehn Minuten am Tag geübt, bis ich 13 war.

 

Wie kam dann der Umschwung?

 

Wir waren bei Verwandten im Urlaub, die einen schönen Flügel hatten. Daran habe ich mich versucht und habe eine Ahnung bekommen, was gehen kann. Wenig später habe ich einem Bekannten meiner Großmutter vorgespielt, der Klavierprofessor war, und der sagte: Wenn du vier Stunden am Tag übst, kannst du Pianist werden. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Diese Möglichkeit am Horizont ist zu einem Wunsch geworden, der so übermächtig wurde, dass er dann – jetzt bringe ich das Unwort des Jahres 2010 – alternativlos wurde. Und das muss es auch sein. Wenn Sie die Entscheidung treffen, diesen Weg zu gehen, können Sie noch nicht sagen, ob er erfolgreich wird. Selbst wenn es nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat, muss man sagen können: Es war die richtige Entscheidung. Es kommen Momente, wo es nicht leicht ist, und da muss man sich dann sicher sein: Das ist dein Weg, da musst du jetzt einfach durch.

 

War es die richtige Entscheidung?

 

Hundertprozentig. Ich habe das Privileg, dass ich konzertieren und aufnehmen kann. Die Musik macht einem einfach so viel Freude. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.

 

Sie haben nie versucht, sich über Raritäten zu profilieren, sondern immer das „große“ Repertoire gespielt – für einen jungen Pianisten eine mutige Entscheidung.


Es hat ja einen Grund, warum die großen bekannten Werke die großen bekannten Werke sind. Sie sind einfach sehr fordernd und reich an Ausdruck, sie können einen berühren. Und die will ich dann auch spielen. Wenn man Werke auswählt, muss man überzeugt sein, dass man dazu jetzt etwas Eigenständiges zu sagen hat.

 

Wie entwickeln Sie Ihre Interpretationen?


Das ist kein bewusster Prozess. Ich setze mich ans Klavier und lese die Noten, ich analysiere nicht. Natürlich hat man Erfahrung und ein Wissen über das musikalische und kulturelle Umfeld, was dann in die Interpretation einfließt. Aber ich bin überzeugt, dass ein Kunstwerk letztlich aus sich selbst spricht und somit in gewisser Weise auch unabhängig vom Komponisten ist. 

 

Wenn Sie auf die Bühne gehen, steht dann die Interpretation fest?


Ja. Was die künstlerische Aussage angeht, bin ich mir sehr sicher. Wenn ich monatelang über ein Werk nachgedacht habe, halte ich die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf der Bühne plötzlich auf eine bessere Idee komme, für sehr gering.

 

Was hat das Publikum für einen Einfluss?


Es ist Inspiration und Druck – beides. Alle Künstler, die ich kenne, haben zu einem gewissen Grad Lampenfieber. Da sitzen hundert oder tausend Leute, und Sie wissen, Sie haben genau eine Chance, denen zu vermitteln, was sie wollen. Das ist Anspannung und Inspiration. Das sorgt dafür, dass Sie auf den Punkt da sind.

 

Gehen Sie auch Risiken ein?


Durchaus. Ich bin zwar immer sehr gründlich vorbereitet. Aber ich möchte zum Beispiel nicht vor lauter Angst, dass mir in der Mittelstimme mal ein g fehlt, ein Pianissimo lauter spielen, als ich es für richtig halte. Technisches Können ist Grundbedingung, aber ob mal etwas nicht zu hundert Prozent klappt, ist nicht entscheidend. In Wettbewerben ist das anders. Wenn da mal ein Ton wegbleibt, ist das ein Problem. Die Wettbewerbswelt hat sich von der Konzertwelt vollkommen entfremdet.

 

Haben Sie deshalb nie an einem großen Wettbewerb teilgenommen?


Um den Durchschnitt einer Jury hinter sich zu bringen, müssen Sie Werke spielen, die technisch möglichst beeindruckend sind und interpretatorisch nicht viel Raum lassen – denn sobald Sie eine eigene Interpretation bringen, polarisieren Sie fast automatisch. Und das sind Werke, die in der Regel sehr viele Noten und sehr wenig Geist haben. Sich monatelang hinzusetzen und z.B. eine Liszt-Rhapsodie zu üben, die einen eigentlich nicht interessiert, ist doch deprimierend. Ich glaube nicht daran, dass man einen Wettbewerb gewonnen haben muss. Es gibt für Pianisten 600 Wettbewerbe, allein in Europa vielleicht 20 wichtige, die ständig neue Sieger hervorbringen. Das ist doch inflationär! Ich habe mir gesagt: Mit dem, was ich machen will, habe ich da keine Chance. Ich habe mit 22 meine erste CD aufgenommen, das war für mich die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erringen – mit dem Repertoire, das ich spielen wollte. Ich würde heute vielleicht manches anders spielen, aber ich kann zu jeder Aufnahme stehen. Wenn ich diesen Beruf wähle, der nicht einfach ist, um dann Repertoire zu spielen, das ich nicht spielen will – das wäre wirklich furchtbar.

 

Eine CD ist für Sie mehr als eine Momentaufnahme?


Mein Anspruch ist schon, dass eine Aufnahme gültig ist, das ist ein Wort, das ich sehr mag. Ich werfe niemandem vor, etwas zu tun aus dem Wunsch heraus, eine Karriere zu machen. Aber ich habe das nicht gemacht – für mich ist eine CD mehr. Ich möchte nie sagen: Zu dem, was ich da gemacht habe, kann ich nicht stehen. 

 

Alfred Brendel sagt, als junger Pianist sollte man früh die Werke herauszufinden versuchen, mit denen man sein Leben verbringen will. Haben Sie die gefunden?

 

Das glaube ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 60 bei Strawinsky oder Rachmaninow lande. Was einen an Musik reizt, ist ja, dass sie einen auf eine gewisse ästhetische Weise anspricht, vor allem aber dass die Denkweise und die künstlerische Aussage – das hat zumindest in großer Musik etwas Philosophisches – zur eigenen Geisteswelt kompatibel ist, sagen wir mal. Mein Fühlen und Empfinden ist natürlich anders als das Schumanns, und ich hoffe, meine geistige Gesundheit wird sich länger erhalten. Aber Schumann ist sehr impulsiv, sehr unmittelbar, wie er sich mitteilt. Rachmaninow genießt das Gefühl mehr. Bei Schumann ist das Gefühl sofort da, ohne Kompromiss, aber er badet nicht darin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich Rachmaninow einmal so ansprechen wird, wie mich Schumann jetzt anspricht. 

  

Aber im Zentrum bleibt Bach?


Bach und die deutsch-österreichische Klassik und Romantik. Bach ist für mich immer sehr wichtig gewesen, aber es gibt andere Komponisten, die ich genauso liebe.

 

Spüren Sie nicht eine Verpflichtung, etwas für die Musik von heute zu tun?


Ich verstehe die Musik, die heute geschrieben wird, nicht. Und ich kann mich nicht auf die Bühne setzen mit einem Werk, das ich nicht verstehe. Das wäre unehrlich. Ich habe nichts gegen das Wort Verpflichtung. Aber für mich besteht die Verpflichtung darin, das, was ich spiele, so durchdrungen zu haben, dass ich sagen kann: Ich liefere eine Interpretation, die gültig ist, die dem Werk gerecht werden kann, so wie sie sich in meiner Persönlichkeit spiegelt. 

 

Haben Sie auch eine gewisse sportliche Freude am Klavierspielen?


Natürlich, Klavierspielen macht Spaß. Im Studium kam ich nicht drum herum, auch mal Virtuosenstücke zu spielen. Und das zu können, war mir schon eine gewisse Befriedigung. Auch ein schönes Legato zu spielen, ist verdammt schwer auf dem Klavier. Oder ein richtiges Pianissimo – wenn das klappt, ist das auch eine physische Freude. Eine innere Freude, dass man in der Lage ist, diese Feinheiten herauszuarbeiten. 

 

Warum treten Sie vor allem solo auf?


Auch Orchesterkonzerte können große Freude machen, keine Frage, aber ein Solo-Rezital ist künstlerisch die Krone. Sie dürfen alles – und Sie müssen alles. Sie müssen allein überzeugen, aber Sie können Ihre Vorstellungen auch voll umsetzen. Das ist etwas unglaublich Intensives. 

 

Muss man das wohldosieren?


Ich könnte keine 80 Konzerte im Jahr geben – mit dem Grad an Vorbereitung, den ich für notwendig halte. Wenn ich auf einer Tournee sechs, sieben Konzerte in zwei Wochen mache, dann brauche ich wieder Abstand. Ich genieße es, auf der Bühne zu sein. Aber ein Schubert zum Beispiel ist so wahnsinnig intensiv und gleichzeitig so subtil, es ist geistig und musikalisch so eine große Herausforderung, das gut zu spielen... Das ist, glaube ich, der Grund, warum auch große Namen immer wieder weniger geglückte Konzerte abliefern. Sie spielen zu viel. 

 

In welcher Stimmung soll das Publikum aus einem Konzert hinausgehen?

 

Ich glaube, dass die Werke, die ich spiele, die Kraft haben, die Menschen wirklich in ihrem Innersten zu bewegen. Das sollte auch der Anspruch sein, wenn man diese Werke spielt. „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“, heißt es im Faust. Ich habe als Besucher in großen Konzerten die Erfahrung gemacht, dass auf einmal die Welt stimmt, dass alles in Ordnung ist. Für einen Moment kann große Musik einem das Gefühl geben, viel tiefer ins Dasein einzudringen, als man es sonst kann. Mein Wunsch ist, das meinem Publikum zu ermöglichen. 

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