Festivals für zeitgenössische Musik

Am Puls der Zeit

Festivals für zeitgenössische Musik sind so vielfältig und zahlreich wie nie zuvor – ein Überblick

ECLAT Festival – DIY or DIE © Martin Sigmund

ECLAT Festival – DIY or DIE

Man musste schon sehr aufmerksam die Nachrichten – oder vielmehr: Kurznachrichten – auf den Musikwebsites durchforsten, um auf die Hiobs-Botschaft Anfang Juli zu stoßen: Erstmals muss die Klangwerkstatt Berlin, seit 28 Jahren eines der wegweisenden Festivals für zeitgenössische Musik, abgesagt werden. Als Grund wurden – wieder einmal – fehlende Fördergelder genannt. Bis auf einige wohlmeinende offene Briefe von Kulturschaffenden und Organisationen gab es keinerlei Reaktionen oberhalb der Wahrnehmungsgrenze. 1989 an der Musikschule Kreuzberg gegründet, bewegte sich das Festival nicht nur am Puls der Zeit, sondern wagte vielmehr einen Blick voraus ins Ungewisse.

Natürlich hat so eine musikalische „Werkstatt“ immer den Charakter einer geschlossenen Veranstaltung, in der geniale Fanatiker unter sich sind und sich auf Augenhöhe austauschen können. Doch sind es gerade die kleinen, vermeintlich irrelevanten Veranstaltungen, die den Diskurs über die Weiterentwicklung und Evolution der Musik wesentlich vorantreiben. Ihre Zukunft liegt eben nicht nur in Darmstadt oder Donaueschingen, sondern auch beispielsweise in Dresden beim „TONLAGEN“-Festival. Dessen Intendant Dieter Jaenicke betonte im letzten Jahr, eben kein „ostdeutsches Darmstadt oder Donaueschingen“ zu sein. Ob bei diesem Bonmot ein gewisser Grad an Kritik vorliegt oder nicht, sei dahingestellt, offenbart es doch eine an sich sehr schöne Facette der zeitgenössischen Musik: Sie lässt sich nie richtig fassen, was schon mal eine gute Voraussetzung für Vielfalt und Offenheit ist. So sehen sich beispielsweise die Veranstalter der „TONLAGEN“ als interdisziplinärer Grenzgänger zwischen Tanz, Installation und avantgardistischer Popmusik.

Tonlagen – Instrumentarium für das Konzert für 50 Windgongs und kleines Ensemble

Tonlagen – Instrumentarium für das Konzert für 50 Windgongs und kleines Ensemble © Stephan Floss

Zeitgenössische Musik und ihre Nischen

Natürlich bringt so eine grenzenlose Definition des Begriffes „zeitgenössische Musik“ zahlreiche Nischen hervor, die man oft mit einem gewissen Argwohn betrachtet. Andererseits stellen solche Nischen auch einen Garant für Vielfalt dar, die inzwischen darin mündet, dass die Schwelle zur zeitgenössischen Musik so niedrig ist wie noch nie. Das Sommermusikfest „Modern Times“ der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz zum Beispiel, die seit 2009 unter ihrem Chefdirigenten Karl-Heinz Steffens in ihrer Vielseitigkeit fast schon chamäleonhafte Züge angenommen hat, vermittelt Werke des 20. Jahrhunderts einem klassisch versierten Publikum, dessen Fokus nicht zwingend auf Musik dieser Epoche liegt. Mit ihrer ausgeklügelten Programmdramaturgie gibt sie ihren Zuhörern gleichsam einen Schlüssel in die Hand, mit dem sich schon mal das Tor zur Musik der Moderne öffnen lässt, aus der die Musik der heutigen Zeit erwuchs.

Modern Times – Konzert der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz

Modern Times – Konzert der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz © Andreas Henn

Natürlich tut sich ein großes, mit öffentlichen Geldern subventioniertes Sinfonieorchester leichter, Zeitgenössisches in für die breite Masse verträglichen Dosen zu verabreichen. Doch gleich eine festivalartige Konzertreihe zu veranstalten wie die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, ist dann doch ein erstaunliches Wagnis – und trotzdem ging die Rechnung voll auf, die positiven Reaktionen seitens des Publikums und der Kritik für die „Modern Times“-Reihe kommen nicht von ungefähr.

Die meisten Festivalveranstalter indes müssen deutlich kleinere Brötchen backen. Die „intersonanzen“ etwa werden von einem Verein getragen, der insbesondere die Komponistenszene vor Ort fördern möchte, aber auch einen Austausch mit osteuropäischen Gleichgesinnten forciert. Das bestimmende Thema des dreitägigen Festivals im Oktober lautet „Zwischen.Töne“, das sich nicht nur die altbekannte „Botschaft zischen den Zeilen“ bezieht, sondern auch den Bereich zwischen Konsonanz und Dissonanz thematisiert.

Musik im übergeordneten Kontext

Bedeutungsschwere Mottos oder Leitthemen mögen den nicht selten als Vorwurf formulierten Eindruck erwecken, dass die Musik reduziert wird auf das klingende Beiwerk für einen Diskurs über die Befindlichkeit der Gesellschaft oder des einzelnen Menschen. Wobei die Gegenfrage, ob ein Festival nicht genau das tun soll, nämlich die Musik in einen übergeordneten Kontext zu stellen und dadurch auch zu hinterfragen, ungleich interessanter ist. In dieser Hinsicht halten sich nämlich zahlreiche konventionelle Festivals (und erst recht die Festspiele hierzulande) bemerkenswert bedeckt. Stattdessen setzen sie lieber auf Stargäste und auf eine Erlebniskultur, die sich allenfalls auf außergewöhnliche Spielorte und eine säuberlich vom eigentlichen Geschehen abgegrenzte Spielwiese für lebende Komponisten beschränkt.

ECLAT – Ensemble der Social Media Opera "iScreen, YouScream!"

ECLAT – Ensemble der Social Media Opera „iScreen, YouScream!“ © Jürgen Palmer

Ein wichtiges (wenn auch ausbaufähiges) Forum für Zeitgenössisches ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Mit großem Aufwand betreibt der BR die Konzertreihe „musica viva“, bei der sich der Glanz etablierter Interpreten mit dem Idealismus „junger Wilder“ kongenial paart, was sich auch im bemerkenswert durchmischten Publikum widerspiegelt. Beim Stuttgarter Festival ECLAT wiederum hat sich der SWR als Kooperationspartner eingeklinkt. 1980 unter dem Namen „Tage für Neue Musik Stuttgart“ gegründet und über dreißig Jahre lang vom Mitbegründer Hans-Peter Jahn geleitet, zählt ECLAT zu den alteingesessenen und etablierten Formaten für zeitgenössische Musik. Im Gegensatz zu den „intersonanzen“ gab man in Stuttgart indes das Konzept auf, übergeordnete thematische Bezüge herzustellen und stattdessen dem Publikum einen Bestandsaufnahme des gegenwärtigen künstlerischen Schaffens zu präsentieren. Die Suche nach neuen Konzertformen, die die Vermischung verschiedener Kunstformen nicht scheuen, steht seither im Mittelpunkt und brachte in den letzten Jahren spannende Uraufführungen hervor.

Wider dem Rotstift

Der SWR ist es übrigens auch, der die Mutter aller Neue Musik-Festivals mitverantwortet: 1921 als „Donaueschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“ gegründet, sind die Donaueschinger Musiktage das älteste Festival für zeitgenössische Musik weltweit. Anton Webern, Arnold Schönberg oder Alban Berg präsentierten hier in der Anfangszeit jene Werke, die heutzutage problemlos auf jedes noch so konventionelle Programm gesetzt werden könnten. Das sollte zu denken geben, wenn man das nächste Mal bei der Subventionierung eines Festivals für zeitgenössische Musik den Rotstift ansetzt.

Eine Komposition von Julius Holtz beim Festival Intersonanzen:

Einige Festivals für zeitgenössische Musik im Überblick:

Modern Times Festival
15.9. – 1.10. 2017
Mit: Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ray Chen, Karl-Heinz Steffens u.a.
Orte: Ludwigshafen, Weinheim, Mannheim, Heidelberg

Donaueschinger Musiktage
20. – 22.10.2017
Mit: SWR Vokalensemble, Iln Volkov, Solistenensemble Kaleidoskop u.a.
Ort: Donaueschingen

Intersonanzen – Brandenburgisches Fest der Neuen Musik
27. – 29.9.2017
Mit: Bremer Schlagzeugensemble, Aron Quartett, Neza Toskar u.a.
Ort: Potsdam

cresc… Biennale für Moderne Musik
22. – 26.11.2017
Mit: Ensemble Modern, hr-Sinfonieorchester, Ilan Volkov u.a.
Ort: Frankfurt am Main

ECLAT Festival neue Musik Stuttgart
31.1. – 2.4.2018
Ort: Stuttgart

TONLAGEN Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik
Oktober 2018
Ort: Dresden

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