Infektion! Festival für Neues Musiktheater

Zwei Literaturopern entfliehen der Wirklichkeit

Das Festival Infektion! zeigt Werke von Aribert Reimann und Wolfgang Rihm

Jakob Lenz/Staatsoper im Schiller Theater © Bernd Uhlig

Szenenbild aus "Jakob Lenz"

Auch wenn Baustellen in Berlin ein leidiges Thema sind: Für das zeitgenössische Musiktheater war der sanierungsbedingte Umzug der Staatsoper Unter den Linden ein Gewinn. Denn seitdem das Opernhaus im Ausweichquartier Schiller Theater in Charlottenburg untergebracht ist, findet hier immer am Ende der Spielzeit das Festival Infektion! statt: Erst- und Uraufführungen, Avantgarde-Klassiker, Strenges, Eigenwilliges, Experimentelles, Berührendes. Infektion! ist jedes Mal eine runde Sache und lockt im Sommer interessierte Touristen und die große Neue-Musik-Fangemeinde Berlins an.

Infektion! trumpft mit Reimann und Rihm auf

Diesmal konzentriert sich das Festival auf zwei Grandseigneurs der Neuen Musik: Aribert Reimann, mittlerweile 81 Jahre alt, und Wolfang Rihm, der dieses Jahr 65 geworden ist. Von Reimann gibt es eine Neuinszenierung seiner suggestiven Strindberg-Vertonung „Die Gespenstersonate“, die seit ihrer Uraufführung Anfang der 1980er Jahre einen festen Platz im Repertoire hat. Zudem wird Rihms Frühwerk „Jakob Lenz“ gezeigt, 1979 in Hamburg uraufgeführt und eines der am meisten gespielten Stücke des jüngeren Repertoires: Der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, Vertreter des Sturm und Drang, Autor von „Die Soldaten“, war ein Jugendfreund Goethes. Lenz, hochintelligent, sensibel und labil, litt unter Wahnvorstellungen und Angstzuständen. Freunde brachten ihn 1778 zum elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin, der als einfühlsamer Seelsorger galt. Doch bei Lenz, der mehrfach versuchte, sich umzubringen, scheiterte er. Später hat der Dichter Georg Büchner diesen mehrwöchigen Aufenthalt im Elsass in einer Erzählung literarisch verarbeitet.

Auskomponiertes Psychogramm für die Bühne

Den jungen Wolfgang Rihm hat der Stoff Ende der 1970er Jahre angesprochen, als der reale Wahnsinn atomaren Wettrüstens einen Höhepunkt erreicht hatte. Seine Oper „Jakob Lenz“ ist ein auskomponiertes Psychogramm, „eine Zustandsbeschreibung innerhalb eines Zerfallsprozesses“, so Rihm einst. Die expressive Musik kommt dem Protagonisten und seinem Innenleben dabei sehr nah. Das war das Frappierende damals – und wirkt heute noch immer. An der Staatsoper im Schiller Theater ist jetzt die hochgelobte, eindringliche Inszenierung zu sehen, die Andrea Breth Ende 2014 für die Oper Stuttgart erarbeitet hat.

Hier ein kleiner Einblick in „Jakob Lenz“:

Die Festivaldaten im Überblick:

Infektion! Festival für Neues Musiktheater
25.6.–14.7.2017
Mit: Georg Nigl, Alexander Melnikov, Franck Ollu, Minguet Quartett u. a.
Staatsoper im Schiller Theater

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