Winterfestivals im Überblick

Klassik im Schnee

Außerhalb der lauen Sommerzeit huldigen Winterfestivals der Schönheiten der kalten Monate mit stimmungsvollen Konzerten

Das "Bergkirchli" in Arosa © Ch-info.ch/Wikimedia-Commons

Das "Bergkirchli" in Arosa

„Mein Gott, was machen wir denn bloß im Winter“, stöhnte FAZ-Autorin Elke Heidenreich bei ihrer Reise im Sommer 2009 durch die europäische Festivallandschaft, „wenn all diese Festivals vorüber sind?“ Keine Sorge, oft haben die Veranstalter der etablierten Sommerfestivals noch eine Filiale für den Winter eröffnet, manche sogar für alle Jahreszeiten.

Wie in Bad Kissingen. Kaiser, Könige und Künstler statteten einst dem unterfränkischen Kurort ebenso einen Besuch ab wie die Anverwandtschaftverschiedener Napoleons. Rossini, Richard Strauss, Max Reger oder die „schwedische Nachtigall“ Jenny Lind besuchten regelmäßig Bad Kissingen. Und auch wenn es sich im Winter nicht so gut im Kurgarten und dem prächtigen Arkadenbau flanieren lässt, weil die bunten Blumen und Bäume ihren Winterschlaf halten, so steht doch der „Kissinger Winterzauber“ bereit, das Publikum auf höchstem Niveau zu unterhalten mit einem Mix aus Klassik, Pop, Jazz und Crossover.

Kissinger Winterzauber. Regentenbau im Schnee

Kissinger Winterzauber. Regentenbau im Schnee © Bayerisches Staatsbad Bad Kissingen GmbH

In diesem Jahr wird das Klassische Russische Ballett aus Moskau mit „Schwanensee“ erwartet sowie Elbtonal Percussion, die Mozart Heroes und der Kontrabassist Renaud Garcia-Fons. Besondere Weihnachtsstimmung bietet der Max-Littmann-Saal im Regentenbau, einst der „Fürst unter den Konzertsälen“. Fast alle großen Orchester machten vor dem Zweiten Weltkrieg hier ihre Tonaufnahmen, denn nirgendwo war die Akustik besser. Richard Tauber, Benjamino Gigli, Zarah Leander traten hier auf, Franz Lehár und Oswald Kabasta dirigierten.

Winter auf dem Schloss

235 Kilometer südwestlich. Schwetzingen. Hier wandelt man auf den Spuren Friedrich Hölderlins, der über die Rokoko-Sommerresidenz der pfälzischen Kurfürsten Karl Philipp und Karl Theodor schrieb: „Beschreibung ist hier wenig. Man muß die Pracht, die außerordentliche Schönheit der Kunst, die ausgesuchten Gemälde, die Gebäude, die Wasserwerke und so weiter selbst gesehen haben, wenn man sich einen Begriff davonmachen will.“ „Affekt!“, ruft denn auch recht barock das Symposion zum zwölften „Winter in Schwetzingen“. Die neapolitanische Oper steht auf dem Programm und mit ihr Alessandro Scarlattis „Marco Attilio Regolo“ und Niccolò Antonio Zingarellis „Giulietta e Romeo“. Nicola Antonio Porpora wird an seinem 250. Todestag geehrt, und selbstverständlich erklingt Bachs Weihnachtsoratorium.

Von einem Schloss ins Bundesland der Schlösser: Mecklenburg-Vorpommern. Über zweitausend Burgen, Schlösser und Herrenhäuser soll es dort geben. Wie etwa Schloss und Gut Ulrichshusen, ein prächtiger Renaissancebau und ein Stück typisch deutscher Geschichte. In der DDR war hier ein „Konsum“ untergebracht, nach der Wende kaufte die Eignerfamilie von Maltzan die Ruine zurück und sanierte sie. Im Winter laden Carolin Widmann, das Armida Quartett und andere in der Adventszeit zu einer dreitägigen „Winterlichen Schubertiade“ mit Musik von Schubert, Bach und Mozart ein – inklusive Winterspaziergang zur Wüsten Kirche, Adventsliedersingen bei Stollen und Glühwein. Daniel Hope und Nils Mönkemeyer sind ebenfalls da sowie Martin Stadtfeld. Die temperamentvolle Simone Kermes wird auf dem Neujahrskonzert mit Strauss-Liedern, internationalen Chansons und Filmsongs einheizen.

Abstecher nach Salzburg

Blick auf die Salzburger Alstadt mit Festung

Blick auf die Salzburger Alstadt mit Festung © Tourismus Salzburg GmbH

Auch im Winter ist etwas los in Mozarts Geburtsstadt. Eislaufen kann man im Herzen der Stadt, direkt vor dem Dom und dem Glockenspiel am Mozartplatz, Rodeln gleich neben dem Schloss Leopoldskron. Ende November bis Anfang Dezember lockt das Avantgarde-Festival „Dialoge“ mit dem tschechischen Komponisten Miroslav Srnka. Und im Januar die „Mozartwoche“. Nein, Mozart liebte Salzburg nicht. Dafür aber lieben die Salzburger ihn, denn sie feiern ihn jedes Jahr in zeitlicher Nähe zu seinem Geburtstag. Eröffnet wird das Festival mit einer Neuinszenierung der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail“, unter der Leitung von René Jacobs, mit Peter Lohmeyer als Bassa Selim.

Die Wiener Philharmoniker werden erwartet, Valery Gergiev, Daniel Barenboim, András Schiff, Robert Levin, Piotr Anderszewski, David Fray, Marlis Petersen u. a. Stets mit von der Partie: das Mozarteumorchester. 50 Jahre war Mozart bereits tot, als seine Witwe Constanze, damals fast 80 Jahre alt, sich für die Gründung einer Orchesterakademie einsetzte, unterstützt von Franz Xaver Wolfgang und Carl Thomas, den beiden Söhnen Mozarts. 1908 erhielt das Orchester seinen heutigen Namen.

Winter in Schweden

Es geht weiter, fast 2.000 Kilometer hoch in den Norden nach Mora am malerischen Siljan-See, gut 350 Kilometer nord-westlich von Stockholm. Hier sagen sich Bär und Elch gute Nacht, hier ist Schweden am schwedischsten, denn hier werden die berühmten Dalarna-Holzpferde geschnitzt und bemalt. Jeder Schwede kennt Mora, weil hier auch der Vasa-Lauf, der älteste und mit 90 Kilometern längste Skilanglauf der Welt endet, der an jedem ersten Märzsonntag eine wahre Völkerwanderung in Gang setzt.

Vinterfest. Konzert der Dalasinfoniettan in der Kirche von Mora

Vinterfest. Konzert der Dalasinfoniettan in der Kirche von Mora © Martin Litens

Überschaubar ist eher das Publikum, das sich jedes Jahr zu einem Musikfestival einfindet, das man hier schlicht „Vinterfest“ genannt hat. Dabei ist der isländische Pianist und künstlerische Leiter Víkingur Ólafsson recht rührig, wenn es um sein Festival geht. Seine jungen Künstler, darunter der Cembalist Mahan Esfahani, der im letzten Jahr da war, bringen eine frische kreative Stimmung mit ein in die Konzerte, die in Kirchen, alten Kinos, Hotelhallen, Museen und sogar einer Werkstatt stattfinden. „Ein Klassikmusikfestival, das rockt“, schrieb die Times.

Hermann Hesses Schneeparadies

Der Winter ist lang, besonders in den Alpen, deshalb last but not least von hier aus ab in den Süden, 2.000 Kilometer in die Schweiz, nach Arosa. Hier auf 1.800 Metern über dem Meeresspiegel weht die reine Bergluft, die offenbar manchen im 19. Jahrhundert half, sich von der „weißen Pest“, der Tuberkulose zu befreien. Der begeisterte Skifahrer Hermann Hesse kurierte weniger seine Lunge als vielmehr seinen Fuß aus, als er unter dem Titel „Winterferien“ eine kleine Geschichte über seinen Aufenthalt 1928 und 1929 schrieb. Das schlichte „Bergkirchli“ von 1490 mit dem holzverkleideten, zehn Meter hohen Turm, das älteste Gebäude in Arosa, hat er wohl gekannt.

Heute wird im kargen Kirchenraum mit Platz für 70 Menschen auf Holzbänken und bei Kerzenlicht erhabene Musik geboten von der historischen Orgel von 1760 mit Flügeltüren und vier Registern. Wacker behauptet sich dieses kleine feine Festival gegen das brachiale „Humorfestival“, das die Skisaison mit Kabarett, Pantomime und Slapstick eröffnet. Hermann Hesse, der stets in Begleitung seiner Frau Ninon kam, amüsierte sich hier seinerzeit bei Wein und Jazzmusik und freute sich auf eine Welt von „vergnügten, eleganten, sportlichen, großstädtischen Menschen“.

Doch dann plagte den Nobelpreisträger das schlechte Gewissen: „Aber nachher sagte mir ein Katzenjammer, daß ich mich doch getäuscht habe und daß das Parkett, der Salon und der Tanzboden für mich weit gefährlicher und unbekömmlicher sei als der Übungshügel.“ Und: „Es ist leider so teuer und so viel Menschen, daß ich mich eigentlich schäme, in dieser Atmosphäre eines gewissen Luxuszusein“. Die Studentenkonzertkarte fürs Bergkirchli kostet heutzutage übrigens kaum mehr als eine Runde Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Vielleicht wird dann auch Elke Heidenreich bald den Winter zu schätzen wissen.

Die Winterfestivals im Überblick:

Winter in Schwetzingen
Zeitraum: 29.11.2017 – 9.2.2018
Mitwirkende: lautten compagney, Yasmin Özkan, Philharmonisches Barock Orchester Heidelberg, Hannah Zumsande, Julia Schröder, Gerd Amelung u. a.
Ort: Schwetzingen

Kissinger Winterzauber
Zeitraum: 16.12.2017 – 7.1.2018
Mitwirkende: Mozart Heroes, Berliner Symphoniker, Renaud Garcia-Fons, Shirley Brill u. a.
Ort: Bad Kissingen

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Winter
Zeitraum: 30.11.2017 – 7.1.2018
Mitwirkende: Martin Stadtfeld, Simone Kermes, Fauré Quartett, Carolin Widmann, Daniel Hope, Lucas und Arthus Jussen, Nils Mönkemeyer u. a.
Ort: Schwiessel, Ulrichshusen & Stolpe

arosa musik festival
Zeitraum: 27.1. – 18.3.2018
casalQuartett, Fathom String Trio, Oliver Schnyder, Duo Mar y Monte, Georgisches Kammerorchester Ingolstadt, Sebastian Bohren u. a.
Ort: Arosa (Schweiz)

Vinterfest. Musik i Dalarna
Zeitraum: 16.-19.2.2018
Mitwirkende: Yura Lee, Vikingur Ólafsson, Marianna Shirinyan, Anna Larsson, Jakob Koranyi, Mahan Esfahani, Dalasinfoniettan u. a.
Ort: Falun (Schweden)

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