Interview Ben Becker

„Es geht um Leben und Tod“

Zurückhaltung ist nicht seine Sache: 2008 gab Ben Becker mit seinem Bibel-Projekt den Bühnen-Messias, nun folgt „Ich, Judas“

Ben Becker © Fritz Brinckman/faceland.com

Ben Becker

Ben Becker © Fritz Brinckman/faceland.com

Gläubig? Ja, in gewissen Momenten wird selbst ein Ben Becker von dieser Sehnsucht nach einer anderen Welt jenseits der schnöden Realität erfasst. Zumal ja auch die Bibel ganz große Oper ist, wie der Schauspieler und Sänger vor sieben Jahren mit seiner multimedialen Reise durch Altes und Neues Testament offenbart hat. Nun wagt sich der ewige Punk und wilde Mann mit seinem „Ich, Judas“- Projekt erneut an eine Auseinandersetzung mit dem Buch der Bücher – ein Kanzel-Donner im Berliner Dom samt Orgel-Wumms.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Orgelmusik? 

Die erste große Begegnung war eine sehr schräge, nämlich bei der Verfilmung von „Schlafes Bruder“. Da hatte ich die großartige Aufgabe, diesen Blasebalg zu treten, während André Eisermann so tat, als wäre er das Orgelgenie des Herrn. Da bin ich erstmals der Orgel begegnet und habe sie wahrgenommen als ein überdimensionales, großes schönes Instrument – mehr geht nicht. Und als ich dann Andreas Sieling kennengelernt habe …

… den Organisten des Berliner Doms, der Sie bei dem „Ich, Judas“-Projekt begleitet …

… da hat er mir an der Orgel im Dom gleich demonstriert, wie er sich das vorstellt und knallte sich über diese ganze Tastatur, so dass es einen gewaltigen Wumms gab! Das hat so geballert, dass all die Touristen empor guckten und dachten: Was ist denn jetzt los? Will sagen: Ich glaube, ich habe mit dieser Orgel einen guten Partner. 

Klingt nach einem überwältigenden Eindruck, den die Orgel bei Ihnen hinterlassen hat. 

Das knallt halt – anders als bei Keith Richards, aber auch toll. Außerdem ist der Dom ein ausgeflippter Ort, um Theater zu spielen. Das finde ich interessant, auch wenn ich jetzt schon weiß, dass es dafür wieder auf den Deckel gibt. Doch auch darauf freue ich mich: Sollen sie doch hauen, mittlerweile bin ich schmerzfrei.

Können Sie nachvollziehen, dass die Orgel auch Königin der Instrumente genannt wird?

Mein Gott, hört sich das schön an: Königin der Instrumente … für so etwas bin ich gern zu haben. Wir haben es ja nicht mit Micky Maus zu tun, insofern habe ich nichts dagegen, aber es steckt natürlich schon viel Pathos und Verklärung in solch einer Bezeichnung. Ich finde es auch schön, wenn du mich mit einer Akustikgitarre überraschst: Das kann auch toll sein – aber vielleicht das falsche Instrument im Berliner Dom … zumal ich es ja nicht mit evangelischen, 14-jährigen Mädchen zu tun habe, sondern wir etwas für große Jungs machen.

Nun haben Sie sich diese Königin ausgerechnet als Begleitung für einen Verräter und Bösewicht ausgesucht…

… wer sagt, dass das ein Verräter und Bösewicht ist?

So wird der Judas gemeinhin gesehen.

Gemeinhin wird er so gesehen – ich stelle das ebenso wie Amos Oz und auch Walter Jens sehr in Frage. Ich werde mich aus dem Fenster lehnen und den Versuch machen, ihn in seiner Auseinandersetzung mit seiner eigenen Geschichte heilig zu sprechen: Habe ich verraten oder habe ich nicht verraten?

Und wie lautet Ihre Antwort?

Eine Antwort weiß ich nicht und will ich auch nicht geben. Ich möchte diese schwierige Frage einfach weiterleiten, diese Frage der Auseinandersetzung mit sich selber und mit unserer eigenen Person in der Gesellschaft: Wer sind wir? Wo spielen wir eine Rolle? Wieweit mischen wir uns ein? Wenn man da ans Eingemachte geht, dann tut das auch ein bisschen weh.

Was ist dabei so schmerzhaft?

Man wird mit sich selbst konfrontiert, es wird existentiell. Was mich weniger interessiert, ist ein Jesus von Nazareth, der übers Wasser gehen konnte: Uri Geller gucke ich mir in der Samstagabend-Show an. Hier aber geht es ans Eingemachte – und das ist der Grund, warum ich Kunst mache: ein Tanz auf dem Drahtseil, es geht um Leben und Tod.

Manch gläubiger Christ wird Ihnen vorhalten, Sie machten da einen Täter zum Opfer: Schönschreibungen der Geschichte, die wir auch aus anderen Bereichen des Lebens kennen. 

Diese Auseinandersetzung scheue ich nicht – und ich muss auch ganz klar sagen: Ich verteidige hier nicht Herrn Mengele – Täter zum Opfer, das lasse ich mir nicht vorwerfen, dafür spielt der Mann auch in der Bibel eine zu große Rolle.

Zweifellos aber machen Sie einen Verräter zum Opfer.

Das ist die Frage. Ich muss mir das bestimmt vorwerfen lassen – aber: Ohne den Kuss des Verräters kein Kreuz. Kann man da also überhaupt von einer unmittelbaren Wahrheit sprechen? Josef Mengele können wir benennen, dessen Verbrechen recherchieren – hier aber haben wir es mit einer biblischen Figur zu tun, die in diesem Text behauptet, dass sie diesen Liebe predigenden Menschen Jesus einfach geliebt hat. Und dass es ihre Aufgabe war, diese Revolution anzuzetteln.

Nun erwecken Sie ja oft den Eindruck, als müssten Sie immer mal wieder die Grenzen austesten und über die Stränge schlagen – gehört dazu auch dieses Judas-Projekt?

Ein Ausloten ist es auf jeden Fall – das mache ich gern und mag auch Künstler, die das tun, ob nun Schriftsteller oder Filmemacher: Das interessiert mich. Einfach weil ich Menschen so gerne mag, weil ich so gerne beobachte und sensibel bin – denn im Grunde möchte ich alle in den Arm nehmen … 

Loten Sie also aus, was Menschen bereit sind zu ertragen?

Nein, ich will ja den anderen nichts antun – wenn überhaupt lote ich aus, was ich abkann. Es ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem, was ich sehe und reflektiere. Eine künstlerische Auseinandersetzung aber muss existentiell sein, sonst interessiert sie mich nicht. Wenn jemand im Fernsehen bei „Alarm für Cobra 11“ mitwirkt, dann macht er das, weil er seine Familie zu ernähren hat: Dann kann er aber nicht behaupten, dass das große Kunst sei. Ich versuche, meine Familie zu ernähren mit einer ernsthaften, existentiellen Auseinandersetzung mit dem, was ich beobachte – und das bereitet mir große Freude.

Haben Sie nie Angst, sich bei solch einer grundsätzlich-existentiellen Herangehensweise zu übernehmen?

Klar habe ich Angst und auch großes Lampenfieber – aber wer sich aus dem Fenster lehnt, muss sich nicht wundern, wenn er ein Ei an den Kopf bekommt. Und ich habe schon so viele Eier an den Kopf gekriegt, dass mir das inzwischen scheißegal ist.

Sie attestieren sich selbst eine gewisse Gläubigkeit, jedoch nicht im Sinne eines christlichen oder anderen Gottes. Mit Konfessionen haben Sie also nichts im Sinn?

Nicht in dem Sinn, dass ich mich da irgendwo anschließe – ich trete ja auch nicht der FDP bei. Aber ich setze mich gern mit Menschen auseinander, die sich bewusst für eine Konfession entschieden haben, weil das immer unheimlich interessant und spannend ist. Auch wenn ich selbst mich nicht dazu hinreißen lassen werde, einer Konfession beizutreten, sondern kindlich-naiv sage: Ich bin immer noch Kommunist und glaube an den dialektischen Materialismus. Ein Tisch ist ein Tisch und ist kein Tisch – denn der Tisch, an dem wir jetzt sitzen, ist in 20 000 Jahren weg.

Können Sie aber nachvollziehen, dass andere Menschen sich am Glauben festhalten?

Ja. Menschen brauchen einen Halt – und man kann niemandem vorwerfen, irgendwo Halt zu suchen und einen Ruhepunkt für sich zu finden. Gefährlich wird es, wenn sie sich festhalten und fordern: Du musst dich auch an dieser Stange festhalten und nicht an deiner, denn die ist scheiße – und sich dann den Schädel einhauen. Es ist schon so viel Grausames passiert im Namen der Religion: Man muss doch keinem den Kopf abschneiden mit dem Taschenmesser – was soll das für ein Gott sein, in dessen Namen man das macht?

Woran halten Sie sich fest?

Ich muss um acht Uhr auf der Bühne stehen – das ist mein Glaube. Wenn ich irgendetwas liebe, ist das meine Tochter, aber die ist ihr eigener Mensch: Die halte ich nicht und sie hält mich nicht. Ich passe auf sie auf und versuche bis zu einem gewissen Grad Verantwortung zu übernehmen, kaufe ihr zu Weihnachten ein Fahrrad oder schicke sie auf eine vernünftige Schule – mein Halt aber ist, dass ich um 20 Uhr raus auf die Bühne gehe. 

Wenn Sie selbst um die Wichtigkeit eines Halts im Leben wissen, hat es da nicht etwas Ketzerisches, diesen Judas-Monolog ausgerechnet in einer Kirche zu halten – an einem Ort, der doch für viele Menschen Halt bedeutet?

Nein. Mit Leuten, die sich an einer Konfession festhalten kann man sehr gut diskutieren – und wenn es irgendwo erlaubt ist, Fragen zu stellen, dann doch im Haus Gottes! Das kann man machen, solange man wie ich reinen Herzens ist. Es ist nicht meine Intention, irgendjemand weh zu tun. Und in Kirchen und Theatern ist es erlaubt, ganz ernst Fragen zu stellen und sich auseinanderzusetzen. 

CD-Tipp

Zweistimmig –
Gedichte von Paul Celan

Ben Becker (Rezitation)
Giora Feidman (Klarinette)
Random House

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