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Interview Christiane Karg

„Jeder Schmerz bedeutet weniger Klang“

Nach ihrem Sturz auf der Bühne: Christiane Karg über notwendige Fitness, Kapriolen in der Oper und ein schockierendes Erlebnis

vonJakob Buhre,

Als unser Gespräch stattfindet, steht Christiane Karg kurz vor einer Knieoperation. Die Sopranistin war bei einer Aufführung in Glyndebourne gestürzt – ihre Partie sang sie dennoch bis zum Schluss. Nun wird sie eine mehrwöchige Bühnenpause einlegen müssen. „Ich habe jetzt Zeit für andere Dinge“, sagt Karg, so wolle sie jetzt die Theorie für ihre Segelscheinprüfung lernen. Dass sie mehrere Opernvorstellungen absagen musste, schmerzt sie jedoch sehr.

Frau Karg, unser Interview kam heute relativ spontan zustande, weshalb ich Sie am Anfang fragen möchte: Was war Ihr bisher spontanster Opern-Einsatz?

Christiane Karg: Als ich am Hamburger Opernstudio war, bin ich einmal eingesprungen in Händels „Radamisto“, in der Rolle des Fraarte. Das war von Null auf 100 in drei oder vier Tagen, eine ganz neue Partie mit mehreren Arien, sehr viel Rezitativ. Die ganzen Verzierungen waren zu lernen, dann auswendig, dazu Tanz, die Choreographie und natürlich die Inszenierung. Eigentlich war das Harakiri und man fragt sich währenddessen: Warum tue ich mir das an? Doch wenn man es hinter sich hat, weiß man: Ich habe das hier geschafft – jetzt ist alles möglich. Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen.

Haben Sie damals auch schon die Arien beim Fitnesstraining einstudiert? Sie erwähnten das kürzlich einem Interview…

Karg: Ja. Ich finde, mit Bewegung lernt man viel schneller, das geht dann irgendwie direkt in den Körper rein. Beim Crosstrainer hat man eine gleichmäßige Bewegung, man kann die Noten vorne auf die Ablage legen und die Musik höre ich dazu per Kopfhörer. Der Klavierauszug fällt vielleicht mal runter und manche Leute gucken komisch, weil ich den Mund bewege ohne laut zu singen. Aber nach ein paar Wochen wissen die auch Bescheid: Da trainiert eine Sängerin.

Ist Fitnesstraining heute für einen Opernsänger unabdingbar?

Karg: Natürlich müssen wir fit sein, wir müssen auf der Bühne sehr viel leisten, unmögliche Dinge tun. Wir sind Performer, die ans Limit gehen. Und die Leute lieben das, der Zuschauer hält den Atem an, eine gewisse Sensationslust des Publikums ist ja auch immer dabei.

Doch es gibt viele Opernsänger, bei denen man eher nicht den Eindruck hat, dass sie ins Fitnessstudio gehen.

Karg: Ich meine mit fit sein nicht, dass der Körper super gestylt sein muss – wir haben ja im besten Fall Kostüme, die uns gut aussehen lassen. Es geht dabei vielmehr um Kondition. Wir haben lange Arbeitstage bis 22 oder 23 Uhr, wir reisen viel, unterwegs trägt man Koffer, im Konzert hält man einen schweren Klavierauszug, oder es gibt eine schräge Opernbühne und man muss in ungewöhnlichen Stellungen singen – all das muss der Körper wegstecken können. Wenn ich regelmäßig trainiere oder schwimmen gehe, vermeide ich ja auch Dinge wie Rückenschmerzen. Und jeder Schmerz, jede Verklemmung oder Muskelverspannung lässt den Körper weniger klingen.

Durchaus schmerzhaft war für Sie zuletzt eine Aufführung von Mozarts OperLa finta giardiniera“ in Glyndebourne, bei der Sie stürzten. Was genau ist da passiert?

Karg: Ich musste zum Beginn einer Arie durch eine Papierwand springen. Das hatte ich auch oft geprobt, aber in einer der Vorstellungen hat sich das Papier unglücklich um meinen Fuß gewickelt. Ich bin gestürzt und mein Knie war anschließend nicht mehr da, wo es sein sollte, sondern komplett draußen. Zuerst habe ich noch im Liegen weiter gesungen, bis ich merkte, dass ich nicht aufstehen kann. Die Vorstellung wurde abgebrochen, es kam ein Arzt, der das Knie behandelt hat…

…und dann haben Sie weitergesungen.

Karg: Ja, das ging tatsächlich. Meine Stimme war ok, ich habe die Partie von einem Stuhl aus am Rand der Bühne zu Ende gesungen. Der Text einer Arie war sogar „ich kann mich nicht bewegen, wer hilft mir“ – da haben die Zuschauer und ich lachen müssen, weil das natürlich so absurd war. Ich habe mich dabei aber nicht als große Heldin gesehen, sondern ich habe einfach meinen Beruf gemacht. Ich wollte zu Ende bringen, was ich angefangen hatte.

Wie geht es Ihrem Knie?

Karg: Ich habe nach der Vorstellung erfahren, dass es nicht so gut aussieht. Das Knie muss operiert werden, weshalb ich mehrere Konzerte und die ganze Premierenserie von „Hänsel und Gretel“ in Frankfurt im Oktober und November absagen musste, was mir wirklich sehr weh tut.

…und all das wegen einer Papierwand. Verfluchen Sie manchmal die kühnen Ideen von Opernregisseuren?

Karg: Nein. Mir macht das Spaß, neue Dinge auszuprobieren. Zum Beispiel ausgefallene Positionen: Wenn man im Liegen singt, vielleicht auch noch den Kopf nach hinten überstrecken muss, dann lenkt das ab vom Technischen. Ich denke in schwierigen Körperhaltungen nicht mehr so sehr an meinen Gesang – meistens klingt es dann sogar besser. Und ich finde, bestimmte Dinge muss man als Opernsänger auch einfach riskieren.

Wie war Ihre Erfahrung mit Christoph Waltz, der letztes Jahr in Antwerpen mit dem „Rosenkavalier“ sein Regiedebüt gab?

Karg: Natürlich war es sehr interessant mit jemandem, der vom Film kommt, zu arbeiten. Ich hätte dennoch erwartet und mir gewünscht, dass mehr gewagt worden wäre, von Seiten der Inszenierung und des Kostüms. Aber vielleicht bin ich da auch zu übermütig. Es war auf jeden Fall ein guter erster Versuch.

Was unterschätzen Regisseure, die „von außen“ kommen, beim Inszenieren einer Oper?

Karg: Der große Unterschied beispielsweise zum Film und Theater ist das Momentum Zeit. Die Zeit wird in der Oper auf ein unnatürliches Maß gedehnt und viele wissen erstmal nicht, wie sie damit umgehen sollen. Im Film wird der Satz „Ich liebe dich“ einmal gesprochen und ist vorbei. In der Oper dagegen muss man so viele Farben, so viele sinnvolle Möglichkeiten finden, damit diese Aussage, die über die zehn Minuten einer Arie anhält, glaubhaft bleibt.

Die Süddeutsche Zeitung sah im Engagement von Christoph Waltz den Versuch, „die von Vorurteilen wie finanziellen Engpässen bedrohte Oper durch Prominente wieder ins allgemeine Bewusstsein zu bringen.“ – Eine gute Strategie?

Karg: Zunächst einmal: Die Oper ist nicht tot. Probleme, vor allem auf finanzieller Seite, waren schon immer da, aber zum Glück gab und gibt es das Mäzenatentum, Unterstützer und Liebhaber. In Glyndebourne haben wir im Sommer fast immer vor einem vollen Haus gesungen. Wichtig ist, dass sich die Oper und Kunstszene stets neu erfindet. Dass Sänger, Regisseure, Dirigenten, Chor und Orchester Idealismus mitbringen und etwas wagen. Nur wenn Leidenschaft im Spiel ist, kann der Funke auch auf’s Publikum überspringen.

So ein Wagnis war sicherlich auch die Inszenierung von Glucks Orfeo, dieses Jahr bei den Wiener Festwochen…

Karg: Ja, das war unglaublich. Der Regisseur Romeo Castellucci hat das Stück für mich in ein ganz neues Licht gerückt, eben weil er von außen, vom Schauspiel und der Bildenden Kunst kommt. Ich habe mir die Eurydike mit einer jungen Frau geteilt, die im Wachkoma liegt. Es gab eine Live-Schaltung zu ihr in die Klinik, sie wurde mit Kopfhörer mit unseren Stimmen beschallt – und das Publikum konnte auf einer Leinwand ihre Lebensgeschichte miterleben und auch Reaktionen auf die Musik verfolgen. Sie war die Eurydike, die in einem uns unbekannten Zustand schwebt.

Wie haben Sie die Zuschauer reagiert?

Karg: Es gab Zuschauer, die wirklich schockiert waren, vielen ging das zu weit, manchen wurde übel. Bei den Proben haben wir uns diese Frage auch jeden Tag gestellt: Dürfen wir das? Da sind auch einige Tränen geflossen. Sicher haben wir einen Punkt überschritten. Aber es gab einige begleitende Veranstaltungen, mit den Eltern der Patientin, mit Geistlichen, mit dem Regisseur. Es wurde viel diskutiert. Und am Ende war uns allen klar: Es wäre viel schlimmer gewesen, in der heutigen Zeit, einer Behinderten, die Tänzerin war, nicht zu erlauben, auf der Bühne zu stehen. Ich habe Karin kennen gelernt und ich bin sicher, dass sie sich gegenüber ihren Eltern artikulieren konnte, dass sie sich selber dafür entschieden hat. Das war eine Grenzerfahrung für alle Beteiligten, die zum Nachdenken angeregt hat, die uns aufgewühlt aber auch bereichert hat.

In Berlin singen Sie nun in Händels „Auferstehung“, allerdings nicht mit einem historischen Ensemble sondern mit den Berliner Philharmonikern.

Karg: Ich habe viel Alte Musik gemacht, ich habe mit dem Ensemble Arcangelo auch Arien von Mozart, Gluck und Gretry aufgenommen, in tieferer Stimmung auf 430 Hertz. Das macht stimmlich schon einen Unterschied und ich finde, dass man Händel heute eigentlich nicht mehr auf 440 Hertz machen kann…

…was bei den Philharmonikern aber der Fall sein wird.

Karg: Dort reizt mich etwas anderes. Denn wenn man nicht mit einem Spezialensemble arbeitet, kann das neuen Reichtum und Enthusiasmus einbringen. Händels „La Resurrezione“ haben sie wahrscheinlich noch nie aufgeführt. Und wenn man dann noch jemanden wie Emmanuelle Haïm am Pult hat – sie hat so viele Ideen und wird die Musiker mit ihrem Enthusiasmus anstecken – wird es spannend.

Im Oratorium haben Sie deutlich weniger zu singen als in einer Oper. Genießt man das?

Karg: Für mich ist es ehrlich gesagt schwieriger, wenn man nicht so gefordert ist. Am besten ist für mich: Ich gehe auf die Bühne und gehe erst zum Applaus wieder runter. Susanna zum Beispiel, da bist du auf der Bühne, von der ersten bis zur letzten Minute, du hast keine Zeit, drüber nachzudenken und bist die ganze Zeit in der Partie. Das ist das Beste.

Schauspieler und Opernsänger berichten häufig, dass sie nach Vorstellungen nicht sofort ins Bett gehen und zur Ruhe kommen können. Wie ist das bei Ihnen?

Karg: Ich kann das bestätigen. Es wird schon mal drei oder vier Uhr bis man einschläft. Wenn die Vorstellung um 23 Uhr vorbei ist geht man erst etwas essen, dann vielleicht noch auf einen Drink – aber wenn ich dann gegen 1 Uhr zuhause bin kann ich meistens noch nicht schlafen. Ich bearbeite dann oft noch E-Mails, überlege mir neue Programme – oder ich gucke auf Skype nach, wer noch wach ist von den Kollegen, die auch schlaflose Nächte haben.

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