Interview mit Julia Lezhneva

„Die Musik geht einfach direkt ins Herz“

Die russische Sopranistin Julia Lezhneva über ihre Karriereanfänge, Gesangswettbewerbe und die Musik von Karl Heinrich Graun

Julia Lezhneva © Uli Weber/Decca

Julia Lezhneva

Ihre Stimme wurde einmal als „engelhaft mit makelloser Technik“ beschrieben – was nur eine von vielen euphorischen Meinungen über Ihren Gesang darstellt. Was geht Ihnen durch den Kopf bei derartigem Lob?

Wenn ich so etwas über mich höre, zittere ich meist erst einmal etwas. Doch grundsätzlich ist Lob immer etwas Großartiges. Ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dass ich das machen kann, was ich sehr liebe, und das schon fast mein ganzes Leben lang. Ich bin äußerst dankbar dafür. Natürlich ist öffentliches Lob sehr gut, um Aufmerksamkeit zu bekommen und neue Einladungen zu erhalten. Und wenn ich derart gute Kritiken bekomme, bedeutet das gleichzeitig für mich, dass ich auf dem richtigen Weg bin!

Wann kamen Sie erstmals mit der Opernwelt in Berührung?

Meine Eltern haben mich hin und wieder zu Konzerten mitgenommen, ganz selten auch in die Oper. Ich war aber noch zu jung um zu begreifen, was da eigentlich auf der Bühne vor sich ging. Ich konnte mich besser auf konzertante Opernaufführungen konzentrieren. Alleine die Musik war für mich etwas wahnsinnig Aufregendes. Als ich dann mit meinen Eltern nach Moskau umzog, änderte sich viel. Auf dem Konservatorium kam ich natürlich mit dem klassischen Opernrepertoire in Kontakt. Wir haben sehr viele Aufnahmen gehört und Fernsehübertragungen angeschaut.

Julia Lezhneva

Julia Lezhneva © Simon Fowler/Decca

Wann haben Sie festgestellt, dass Ihre Stimme etwas Besonderes ist?

Es waren eher meine Lehrer, die mir sagten, dass ich eine großartige Koloratur habe und meine Stimme Potential hat. Angefangen mit meinen ersten Lehrern, dann mit der großen russischen Mezzosopranistin Jelena Obraszowa, die mir sagte, ich solle Rossini singen. Aber ich persönlich habe immer nur Freude am Singen gehabt, seit ich als Kind im Chor gesungen habe.

Ihre Eltern sind Geophysiker. Wie reagierten sie auf Ihr Talent?

Großartig! Besonders meine Mutter hat mich immer sehr unterstützt, obwohl sie es natürlich gerne gesehen hätte, wenn ich auch in Richtung Geophysik etwas gemacht hätte. Als ich drei Jahre alt war, sagte eine Kindergärtnerin zu ihr, dass ich auffallend musikalisch sei. Sie hat es sich gemerkt und mich zwei Jahre später zum Klavierunterricht angemeldet.

Sie haben am Moskauer Konservatorium, dann an der Cardiff International Academy of Voice und später an der Guildhall School of Music & Drama in London studiert. Gab es einen Grund, warum Sie diese Studienorte auswählten?

Nachdem mir klar wurde, dass ich mich speziell im Barock-Repertoire weiterentwickeln wollte, ist mir gleichzeitig bewusst geworden, dass ich in Russland einfach zu wenig Möglichkeiten hatte. Weitere vier Jahre am Moskauer Konservatorium ohne spezielle Barockfächer hätte mir also wenig gebracht. Ich hätte mich wesentlich mehr auf das russische Repertoire konzentrieren müssen, was ich nicht wollte. Glücklicherweise habe ich dann Marylea van Daalen getroffen, die Dennis O’Neill, den Direktor der Cardiff International Academy of Voice kannte und dafür sorgte, dass ich einen Studienplatz bekam. Wobei ich sagen muss, dass es für mich ein großer Schritt war, meine Heimat und meine Familie zu verlassen. In Cardiff hatte ich zwar zunächst auch keinen speziellen Barock-Unterricht, aber der Unterricht in Europa ist generell ein anderer als in Russland. Ich hatte fantastische Lehrer, dazu kamen die Meisterklassen verschiedener renommierter Sänger und Sängerinnen. Das war einfach unbezahlbar. Es ist eine fantastische Schule, wo man sehr fokussiert lernen kann.

Sie haben bisher einige Künstlerpersönlichkeiten erwähnt, die Sie gefördert haben. Wer hat Sie maßgeblich beeinflusst?

Es wäre sehr schwer für mich, eine bestimmte Person hervorzuheben – fast schon unmöglich! Meine ersten Lehrer halfen mir, vor nichts Angst zu haben und nicht zu schüchtern zu sein. Wenn man ein neues Stück lernt, ist man natürlich zunächst etwas unsicher, was aber ein ganz normaler Prozess ist. Dann kam Jelena Obraszowa, die in Russland eine Legende ist und mir sehr half, mein Selbstbewusstsein auszubauen. Gleichzeitig hat sie mir in den Meisterklassen entscheidende Hinweise gegeben, auf welches Repertoire ich mich konzentrieren sollte. Beeindruckend war auch meine Zusammenarbeit mit Marc Minkowski. Er hat einfach an mich geglaubt. Das war eine großartige Erfahrung. Ich war mit sechzehn Jahren noch sehr jung, und er sagte mir immer wieder, wie großartig sich meine Stimme entwickelt. Er war es auch, der mich einlud, an der Aufnahme von Bachs h Moll-Messe mitzuwirken. Immerhin mein erster professioneller Job in Europa!

Julia Lezhneva

Julia Lezhneva © Uli Weber/Decca

Der Zuspruch dieser besonderen Menschen hat mir sehr geholfen, künstlerisch zu wachsen. Ähnlich war es mit Giovanni Antonini. Die Zeit mit ihm war für mich als Künstlerin unbeschreiblich. Er brachte mir, bei mit der italienischen Sprache umzugehen. Seine Art ist unglaublich. Er ist einfach kein Lehrer, sondern Musiker. Das macht viel aus. Er hat mich einfach nur sprachlos gemacht! In Cardiff war es dann Dennis O’Neill, der mich sehr unterstützte. An der Guildhall School of Music & Drama war es Yvonne Kenny die mir sehr bei meiner Körpersprache half. Sie hat mir beigebracht, wie ich mich auf der Bühne wohlfühlen kann. Einfach großartig. Und auch meine nur sehr kurze Zusammenarbeit mit Thomas Quasthoff hat mich sehr geprägt.

Lassen Sie uns über Gesangswettbewerbe sprechen. Wie wichtig sind diese Veranstaltungen für Sie gewesen?

Für mich und meine Karriere waren sie sehr wichtig. Meinen ersten großen Wettbewerb habe ich mit siebzehn gewonnen, und schon bald danach bekam ich mehrere Angebote.

Ihre große Leidenschaft gilt dem Barock. Was genau begeistert Sie am alten Repertoire?

Oh… Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll! Es ist einfach so passiert, als ich elf Jahre alt war. Ich habe die CD „Viva Vivaldi“ von Cecilia Bartoli gehört und wusste, dass das meine Welt ist. Es liegt wohl einfach in meiner Natur.

Julia Lezhneva

Julia Lezhneva © Simon Fowler/Decca

Auf ihrem aktuellen Album widmen Sie sich dem Werk von Carl Heinrich Graun. Vielen ist der Komponist heute kein Begriff mehr.

Grauns Musik ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich finde, seine Musik ist mit keiner anderen zu vergleichen. Er setzt die Stimmen einerseits fast wie Instrumente ein, andererseits ist es absolut Belcanto-typisch. Ich würde ihn absolut als seiner Zeit voraus beschreiben. Einige seiner Arien klingen für mich fast wie Popmusik. Grauns großes Talent war es, Gefühle und Stimmungen in seiner Musik zu transportieren. Die Musik geht einfach direkt ins Herz, auch wenn man gar nicht weiß, worum es in der Oper generell geht. Fast wie ein visueller Effekt, den man sofort versteht.

Habe sie wirklich in einer Bibliothek nach Informationen über Carl Heinrich Graun gesucht?

Ja! Mikhail Antonenko und ich hatten wenig Zeit und haben das gesamte Albumrepertoire in nur vier oder fünf Stunden ausgesucht. Wir haben immerhin fünfundzwanzig Opern durchgesehen, was gar nicht so einfach war, da wir nur abfotografierte Kopien zur Verfügung hatten. Die Zusammenarbeit mit Mikhail war einfach großartig, wir verstehen uns künstlerisch sehr gut.

War es allein Ihre Idee, ein Album mit Musik von Graun zu produzieren?

Nein, die Idee für das Album ist schon etwas älter. Genauer gesagt von 2012, als ich in Potsdam mit Max Emanuel Cencic an Johann Adolph Hasses „Siroe“ arbeitete. Wir entschieden uns, eine weitere Arie in meine Rolle einzubeziehen und so wurde ich auf Carl Heinrich Grauns „Mi Paventi“ aufmerksam. Nach dem Hasse-Projekt riet mir Cencic, mich mehr mit Graun zu beschäftigen. Er hatte das richtige Gespür. Es war an der Zeit, diesen großartigen Komponisten, über den ja sehr wenig geschrieben wurde und der auch selten aufgeführt wird, wieder hervorzukramen. Und ich muss sagen, ich war echt überrascht von dieser fantastischen Musik. Natürlich hatte ich gehofft, dass die Musik großartig ist, aber diese Schönheit der Arien hatte ich nicht erwartet. Für mich ist Graun ebenso talentiert gewesen wie Bach, Händel und Vivaldi. Ganz nebenbei das Repertoire zu singen ist nicht ganz einfach. Ich werde wohl nie zufrieden sein mit meiner Interpretation.

Julia Lezhneva singt Graun:

CD-Tipp

Graun: Opera Arias
Julia Lezhneva
Concerto Köln,
Mikhail Antonenko (Leitung)
Decca

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