Interview Olaf Schubert

„Mich hat dieses Gespräch eher zurückgeworfen“

Trotzdem gab sich Comedian Olaf Schubert alle Mühe, ernsthaft über Klassik und Knechtschaften im Orchestergraben zu sinnieren

© Amac Garbe

Auf sieben Opernbesuche kommt Olaf Schubert bislang - das sollte reichen für den richtigen Einsatz

Auf sieben Opernbesuche kommt Olaf Schubert bislang - das sollte reichen für den richtigen Einsatz

Vor Olaf Schubert ist nun selbst die altehrwürdige Semperoper nicht mehr sicher. Doch was die meisten Fernseheulen nicht wissen: Der Weltverbesserer hat nicht nur gesanglich, sondern auch an Schlagzeug und Violine eine Ausbildung genossen – und so kommt er mit dem MDR Sinfonieorchester und dem Sächsischen Bergsteigerchor ins Walhalla der heimischen Hochkultur. Das Stottern bleibt, wurde aber redigiert.

Hand auf das Dresdner Herz: Wie oft sind Sie in der Semperoper?

Ich würde sagen: Vier Mal bis jetzt.

Zum Zugucken?

Da muss ich mich korrigieren, drei Mal im Publikum, vier Mal dienstlich.

Welche Werke haben Sie da genossen?

In meiner Jugend habe ich Hänsel und Gretel gesehen, dann war da noch Janáček – ich glaube, das ist von Dvořák, kann das sein?

So ungefähr.

Dann weiß ich’s nicht mehr.

Wie viel Ahnung haben Sie denn davon? Ihre Agentin behauptet, das wäre mehr, als sich das unsere Schulweisheit träumen lässt.

Jetzt fällt’s mir ein, Die Nase hab ich noch gesehen.

Klar, mit dem großen Schlagzeugsolo.

Ach, und Rusalka, die gibt’s doch auch noch. Und so was Italienisches.

Also Soll erfüllt.

Eigentlich bin ich durch.

Stimmt es denn, dass Sie musikalisch gebildet sind?

Ich verfüge über ein allumfassendes, tiefgreifendes Halbwissen.

Führt das dazu, dass Sie sich mehr langweilen oder mehr essen?

Weder noch – entweder man ist begeistert oder ablehnend. Langweilen kann man sich ja nicht so richtig, weil die Oper alle Sinne und Emotionen herausfordert: Depression, Aggression, Fluktuation. Nur selten Duldungsstarre.

Sind Sie mehr depressiv, oder fluktuieren Sie eher?

Meist bin ich doch eher euphorisiert. Das mit den Kostümen und der Inszenierung und so geht ja eher an mir vorbei – mit dem Klang des Orchesters und der Stimmen bin ich schon vollständig ausgelastet.

Würden Sie als Musiker gern mal selber im Orchestergraben mitmischen?

Aus dem Alter bin ich raus, das ist was für junge Leute.

Was eint Sie mit den Musikern dort?

Die bittere Erkenntnis, nichts Vernünftiges gelernt zu haben im Leben.

Und künstlerisch?

Ich weiß ja nicht, was die Musiker so antreibt, da fehlt mir der tägliche Umgang mit dieser Spezies. Ob sie freiwillig tagtäglich nach dem Besten strebt oder doch eher unter dem Dirigat geknechtet ihr Dasein fristet.

Aber sicher haben Sie doch als Geiger und Schlagzeuger eine Vorstellung davon.

Eigentlich bin ich Betroffenheitslyriker und kein Musiker: Das ist doch mehr ehrenamtlich, das macht man

nebenbei.

In Plauen, wo Sie aufgewachsen sind, hatten 
Sie sicher schon viel mit Hochkultur zu tun. Wurden 
Sie bereits da vom Leben gezeichnet?

Die Hochkultur zeichnet in jedem Fall. Andererseits sind auch die Niederungen des Kultursediments prägend, dagegen kann man sich gar nicht wehren. Permanent werden ja die Sinneswerkzeuge mit allem möglichen zugeömmelt.

Aber als Sie Kind waren, 
gab es noch gar keine Töne, 
es gab ja nichts in der DDR.

Das stimmt. Man musste lernen zu improvisieren, und so habe ich immer so getan, als hörte ich etwas.

Seit 2012 sollen Sie selbst Vater sein. Zu welchem Instrument haben Sie Ihr Kind gezwungen?

Eigentlich bin ich schon fast seit Anfang der 70er Vater. Die Kinder versuche ich natürlich so lange wie möglich von Instrumenten fernzuhalten, könnte mir aber vorstellen, dass mein Blut in der Bagage fortblubbert. Ich würde sie gern zum Fagott zwingen, da kann man so schön fluchen: „Fagott!“, so eine Mischung aus „Fuck off!“ und „Oh Gott!“ – Fuck-ottogott! Und die klangliche Mischung aus Nasallaut und Umbra 
gefällt mir.

Ist aber schwer für so ein Kind.

Ja, die sollen erst mal in Ruhe in den Kindergarten kommen, ich fange ja mit der musikalischen Frühförderung nicht nach dem dritten Geburtstag an, danach ist es zu spät. In Wahrheit geht das schon im Uterus los: Beim Zeugungsakt habe ich bereits dafür gesorgt, dass die Samenzellen musikalisch stimuliert werden. Deswegen tanzen die auch so.

In Dresden treten mit Ihnen nicht nur Tänzer, sondern auch Chöre und das MDR Sinfonieorchester in der Oper auf. Haben die Musiker dann einen Schattendirigenten?

Ich glaube, die bringen einen mit, aber wenn mir das Konzept nicht passt, werde ich eingreifen und das Dirigentenzepter selbst in die Hand nehmen. Notfalls muss ich auch am vierten Bratschenpult einspringen oder fange mit der Konzertmeisterin noch mal ganz von vorne an. Also dal segno im zweiten Kasten.

Was spielen Sie dann überhaupt für sinfonische Operettenballetts?

Das wird eine stilistische Melange aus Oper, Liedermacherei und Sprachballett, eine Art Musikroulade.

Kann man auch vom Schlagzeug aus so ein Orchester dirigieren?

Durch Schalldruck sicher. Schumann mit durchgehender Backtrommel: Eins, zwei, drei, vier – da hat man Möglichkeiten einzugreifen.

Haben Sie eigentlich in Ihrer Jugend in verpickelten Schulorchestern gespielt?

Derlei gab es bei mir nicht. Ich habe aber aktiv musiziert im Jugendblasorchester und im Bezirksmusikkorps der Stadt Dresden. Da durfte ich musikalischen Meilensteinen beiwohnen: Ich werde nie vergessen, wie wir Wagners Einzug der Gäste auf der Wartburg mit 25 verstimmten Blasinstrumenten gespielt haben. Da wurde Tannhäuser zum ersten Mal überhaupt richtig aufgeführt. Bei mir stand von Anfang an ein dramaturgisch konzeptionelles Konzept.

Sind Oper und Sinfoniekonzert überhaupt etwas fürs niedere Volk – und wenn nein, warum doch?

Hochkultur muss vermittelt werden. Dafür bin ich exakt die richtige Kupplung zwischen Kunst- und Sozialabbau. Das ist meine eigentliche Bestimmung: ein sich selbst zum Brunnen tragender Eimer.

Trauen Sie sich das zu, dass ein Publikum nach der Erleuchtung durch Sie plötzlich Wagner schätzt?

Die Quintessenz müsste sein, dass es mich schätzt. Es muss sagen: Wagner, Mozart, gut und schön, aber der Schubert hat sie alle an die Wand gespielt. Ich bin gegen die noch nicht angetreten, aber dazu wird es ja kommen. Ich habe schon mit Wagners Eltern gesprochen: Er darf gegen mich.

Was hat die klassische Musik noch zu sagen? Wofür ist sie nütze?

Die Frage ist ja, was man überhaupt braucht: Wasser und Brot reichen auch. Die klassische Musik ist ja sowieso da. Wie sie nun vom Rezipienten angedengelt wird – das geht alles von alleine. Die Dinosaurier haben Jahrmillionen die Wälder dominiert, und man hat sie nicht gebraucht. Was war noch mal die Frage?

Wofür braucht man Klassik?

Zum Schuheputzen und zum Einpacken von Weihnachtsgeschenken ist sie sehr nützlich. Und man kann sie vom Schlagzeugcomputer unterlegt zum Medley auf eine CD pressen.

Nur warum nimmt sie sich so ernst und kommt immer so fracksteif daher?

Die Musik ist daran unschuldig, es sind doch die Institutionen, die sie so schlotzig auf die Bretter deckeln: die Dramaturgen, die Einlasskräfte, die Beleuchter und Platzanweiser. Vielleicht wollen die sich damit selbst schmücken und wie Christbaumkugeln ans Bein nageln. Andererseits: Es gibt ja nicht umsonst die E- und die U-Musik, so habe ich das in der Schule gelernt, ernste und unernste Musik. Also wenn die E-Musik nicht ernst ist, welche dann? Und dann gibt es ja noch irgendwas zwischendrin.

Sie machen also die Mischung aus U und E – die Ü-Musik sozusagen …

Unbedingt! Die Ü-Musik ist ja die türkische Musik, die sich momentan einer großen Popularität erfreut.

Aber Ziegen lassen Sie nicht mit auftreten?

An so einem Abend ist alles möglich – in der Oper gibt es ja auch einen unterirdischen Zoo, ein kleines geheimes chemisches Labor und eine Eisenbahn, mit der die Ausstattung hin- und hergefahren wird.

Klingt, als wären Sie lieber Bühnenarbeiter geworden.

Lieber Homöopath. Oder Schornsteinfeger.

Sie hatten nie den Wunsch, sich die Bretter von hinten oder unten anzusehen?

Wünsche sind etwas, was ich mir nicht leisten kann.

Dann wäre jetzt Platz für Ihr Schlusswort.

Ein hochphilosophisches, was in den nächsten hundert Jahren noch Bestand haben wird?

Ja, bitte.

Da kann ich nur sagen: Musik ist ein fleischgewordener Kosmos zum Hören ohne Anfassen.

Da muss ich erst mal drüber schlafen.

Es ist ja gleichsam sinnlich und esoterisch. Präziser habe ich es noch nie formuliert.

Das können Sie ja dann noch einbauen.

Bestimmt habe ich bis dahin meine Erkenntnisse noch erweitert. Immerhin ist ja zwischendurch Fußball-EM.

Vielleicht schlägt uns Kroatien?

Oder Mozart zum Kroaten.

Mit einer Salami vom Balaton, das könnte sein. Dann wäre die Haffner-Serenade quasi ein Vorgriff auf Tannhäuser, der seinerseits ein Vorgriff auf sich selbst ist.

Danke, Ihre Erkenntnisse haben uns weitergebracht.

Das ist die Hauptsache, ich geb’s gern. Mich hat das Gespräch eher zurückgeworfen. Aber ich rapple mich schon wieder hoch.

CD-Tipp

So! – Live aus 
dem Coloneum Köln
Olaf Schubert, Jochen 
Barkas, Bert Stephan
Sony Music

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