Viktoria Mullova spielt Sergej Prokofjew

Wenn Experimente in eine Sackgasse führen

Viktoria Mullova sucht in Prokofjews zweiten Violinkonzert nach neuer Einfachheit

Viktoria Mullova © Henry Fair

Viktoria Mullova

Während der letzten seiner etlichen Konzertreisen, die mal wieder in die USA ging, keimte in ihm eine starke Sehnsucht nach seinem Heimatland auf. Sergej Prokofjew war nicht nur einerseits gelangweilt von den amerikanischen Tourneen, in denen er größtenteils als Starpianist auftrat und sich nicht verstanden fühlte, sondern hinterließ vor seinem Aufbruch andererseits ein Russland, das mit Stalins Sozialismus in eine neue Richtung gelenkt wurde.

Sehnsucht nach der Heimat

Sergej Prokofjew

Sergej Prokofjew © gemeinfrei

Die Oktoberrevolution veranlasste ihn zuvor dazu, 1918 sein Land zu verlassen und in die USA zu ziehen. Nach zwei Jahren wurde jedoch Frankreich sein neues Zuhause und damit Ausgangspunkt für seine Konzertreisen, die ihn letztendlich Moskau wieder näher brachten. Auf besagter letzter Tour verfasste er folgende Zeilen an einen Pariser Freund: „Ich muss mich wieder in die Atmosphäre meines Vaterlandes einleben. […] Ich muss wieder russische Laute in meinen Ohren hören und mit Leuten von meinem Fleisch und Blut reden, damit sie mir zurückgeben, was mir fehlt: ihre und meine Lieder.“ Im Zuge dieses Briefes fasste er den Entschluss, in seine Heimat zurück zu kehren.

Sein zweites Violinkonzert gleicht seinem ersten kaum. 20 Jahre liegen zwischen beiden Kompositionen, die exemplarisch für die Stilveränderung sind, die er durchlaufen hat. Kritiker vermuten hinter diesem Wandel Prokofjews Einsicht, dass seine experimentelle Phase zu keinem Ziel führe. In der Tat schwebt ihm eine neue Einfachheit vor, in der die Melodien im Vordergrund stehen – „ihre und meine Lieder“. „Romeo und Julia“ sowie „Peter und der Wolf“ schrieb er innerhalb eines Jahres nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion.

Viktoria Mullova spielt Sergej Prokofjew

Sein Fleiß wurde belohnt und die eingängigen melodieorientierten Werke feierten großen Erfolg; nicht zuletzt ob der politisch motivierten Suche nach nationalen Aushängekomponisten. Das zweite Violinkonzert gehört heute zum Konzertkanon und steht gleichrangig neben den Genrebeiträgen von Schostakowitsch und Berg.

Nach fast vier Jahren kehrt Viktoria Mullova als Solistin zur Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zurück und taucht auf ihrer „Jules Falk“- Stradivari in das 1935 komponierte, höchst anspruchsvolle Werk ein – Prokofjews Ode an Russland.

Viktoria Mullova spielt Sergej Prokofjew:

concerti-Tipp:

Sehnsucht nach Russland
Mi.-Fr., 13.-15.12., 20:00 Uhr
Mit: Viktoria Mullova (Violine), Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Paavo Järvi (Leitung)
Ort: Die Glocke, Bremen

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