Opern-Kritik: Aalto-Musiktheater Essen – Lohengrin

Weiße Stufen im blau-goldenen Fluss

(Essen, 4.12.2016) Tatjana Gürbaca fehlt der Wagner-Instinkt, aber Chor und Orchester triumphieren über alle Missverständnisse der Regie

Aalto-Musiktheater Essen/Lohengrin © Forster

Szenenbild "Lohengrin"

Über die ganze, bekanntlich fast vier Stunden lange Strecke hält Thomas Netopil diese vielleicht romantischste aller Partituren in einem – tatsächlich! – blaugolden schimmernden Fluss. Die geradezu aufregenden dynamischen Steigerungen werden organisch aus den musikalischen Strukturen entwickelt. Der Farbenreichtum dieser Musik, die Selbstverständlichkeit, mit der die vielen Instrumentalsoli artikuliert werden, hat bei Netopil und den Essener Philharmonikern etwas geradezu Berauschendes.

Das Volk im Dauerzustand der Gerührtheit

Szenenbild "Lohengrin"
Leider kann die Inszenierung von Tatjana Gürbaca mit dieser Ausnahmequalität nicht mithalten. Ihre Stärke ist die genau beobachtete, kleinteilig aufgefächerte Führung von Solisten und Chor, ihre Schwäche tritt vor allem im oft instinktlosen Umgang mit Wagners dramatischen Abläufen offen zu Tage. So bebildert Gürbaca das Vorspiel mit aus Elsas Sicht gezeigten, verschiedenen Kammertableaus. Diese sinnlich-abstrakte, einzigartig durchlichtete Musik verträgt jedoch offensichtlich eine konkrete Bebilderung nicht, zumal die Perspektive Elsas über den ganzen Abend nicht wieder kehrt. Wenn der König, der sauber singende, etwas ausstrahlungsarme Almas Svilpa, die Reihen der Brabanter im klinisch weißen, klaustrophobisch engen Raum abgeht, sinken diese bewusstlos zu Boden. Später löst ein offenbar zombiehaft wiederbelebter, weiß gekleideter Junge als Schwanenwunder Faszination aus, was dem unauffällig von der Seite auftretenden, genauso ausstrahlungsarmen Lohengrin offenbar sofort die Herzen des Volkes zufliegen lässt, das sich hinfort in einer Art Dauerzustand der Gerührtheit befindet. Am Aktende reckt der König eine Maschinenpistole hoch, es wird ein Transparent mit der Aufschrift „Krieg“ hereingetragen und alle jubeln natürlich. Die Rührung ist vergessen, kommt aber später mehrfach zurück.

Unnötige Überdeutlichkeit und unzulässige Verkleinerungen

Es sind diese unmotivierten Sprünge um Wagners Musik und Libretto herum, in Tateinheit mit unnötiger Überdeutlichkeit und unzulässigen Verkleinerungen, die letztlich dazu führen, dass Tatjana Gürbaca „Lohengrin“ verfehlt, am eklatantesten vielleicht in der Schlussszene.

Szenenbild "Lohengrin"Da will sie eine Solidarität zwischen den beiden Frauenfiguren zeigen, deren intensive Begegnung sie im zweiten Akt hochspannend gearbeitet hat. Ortrud will Elsa Trost spenden, nähert sich ihr verzweifelt und Schutz spendend, bricht dann in ihre im Stück stehenden Rachephantasien aus, um danach wieder in die vorherige Haltung zurückzugehen. Dieses ausgestellt schizophrene Verhalten findet im Spiel von Katrin Kapplusch, die sich im Lauf des Abends selbst im Merkel-artigen Kostüm als hervorragende Darstellerin erweist, keinerlei Motivation.

Durchwachsene Sängerbesetzung

Überhaupt, die Sänger: Daniel Johansson muss den Lohengrin durchgängig stemmen und steuert zudem viele Töne von unten an, Heiko Trinsinger wird als Telramund viel zu oft viel zu laut und flüchtet sich zudem häufig in abgestandene Opernposen, und Martijn Cornet ist der Heerrufer-Partie mit seiner lyrischen Stimme – noch – nicht ganz gewachsen. Jessica Muirhead intoniert rein, phrasiert fein und eigenständig, hat aber eine für die Partie zu lyrische Stimme. Ist Expansion gefordert, verrutscht der Stimmsitz und das obere Register vibriert so ungesund wie unschön. Sollte sie die Partie öfter singen, scheinen Beschädigungen dieser wunderschönen Stimme nicht ausgeschlossen.
Rückhaltlos zu bejubeln ist hier einzig der resonante, wortdeutliche und spürbar engagierte Chor unter der neuen Leitung von Jens Bingert. „Lohengrin“ auf der Bühne bleibt schwierig!

Aalto-Musiktheater Essen
Wagner: Lohengrin

Szenenbild "Lohengrin"Ausführende:
Tomáš Netopil (Leitung)
Tatjana Gürbaca (Regie)
Marc Weeger (Bühne)
Silke Willrett (Kostüme)
Stefan Bolliger (Licht)
Jens Bingert (Chor)
Daniel Johansson (Lohengrin)
Almas Svilpa (Heinrich der Vogler)
Jessica Muirhead (Elsa von Brabant)
Heiko Trinsinger (Friedrich von Telramund)
Katrin Kapplusch (Ortrud)
Martijn Cornet (Der Heerrufer des Königs)
Michael Kunze (Vier brabantische Edle I)
Arman Manukyan (Vier brabantische Edle II)
Stoyan Milkov (Vier brabantische Edle III)
Swen Westfeld (Vier brabantische Edle IV)Szenenbild "Lohengrin"
Uta Schwarzkopf (Vier Edelknaben I)
Michaela Sehrbrock (Vier Edelknaben II)
Helga Wachter (Vier Edelknaben III)
Sabina Wehlte (Vier Edelknaben IV)
Chor und Extra-Chor des Aalto-Theaters
Essener Philharmoniker

Weitere Aufführungs-Termine:

09.12.2016
11.12.2016
22.12.2016
28.12.2016
30.12.2016
07.01.2017
11.01.2017
26.03.2017
01.04.2017

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Eine Antwort zu “Weiße Stufen im blau-goldenen Fluss”

  1. Ullrich Haucke sagt:

    Die Kritik an den Sängern kann ich nicht nachvollziehen. Vor allem Jessica Muirhead war die beste Elsa, die ich jemals live erlebt habe, und ich habe über fünfzig Aufführungen gesehen. Aber so ist das: es gibt viele verschiedene Meinungen. Der orkanartige Beifall für Elsa spiegelt allerdings wohl die einhellige Meinung des Publikums wieder, dass man an diesem Abend etwas Außergewöhnliches erlebt hat. Ich sage Frau Muirhead eine Weltkarriere voraus.
    Auch Daniel Johansson wird den Lohengrin sicher an vielen Bühnen singen, er ist einer der wenigen (auch optisch), denen man den Gralsritter abnehmen kann.
    Die Kritik an der Regie ist gut nachzuvollziehen. Aber Wagners Musik bleibt das Wichtigste, und darum sollte man unbedingt einen der Aufführungstermine wahrnehmen – es lohnt sich!!!

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