Ballett-Kritik: Staatsoper Hamburg – Das Lied von der Erde

Die getanzte Mahler-Verniedlichung

(Hamburg, 6.12.2016) John Neumeier verhebt sich an Mahlers weltabschiedsweisem sinfonischem Liedzyklus

Staatsoper Hamburg/Das Lied von der Erde © Kiran West

Szenenbild "Das Lied von der Erde"

Staatsoper Hamburg/Das Lied von der Erde © Kiran West

Als triumphalen Hymnus auf die Liebe hatte John Neumeier im Sommer die „Turangalîla“-Symphonie von Olivier Messiaen vertanzt. Nun wagte der bekennende Mahlerianer sich an „Das Lied von der Erde“ – und hat doch nur wenig Erhellendes zu diesem Bekenntniswerk über Leben und Tod, über Jugend und Schönheit, über Sehnsucht und Vergänglichkeit zu sagen. Nach der von der Kritik eher unsanft bedachten Pariser Uraufführung von 2015 wollte der Ballettchef der Hansestadt in seiner Hamburger Premiere nun so manchen Aspekt vertiefen und verdichten. Herausgekommen ist freilich eine ausgesprochen demütige und altersmilde, letztlich aber auch eine weitgehend kraft- und saftlose Mahler-Anverwandlung, die indes kaum weniger begeistert beklatscht wird, als dies bei Neumeier-Neudeutungen an der Elbe so üblich ist.

Von der Harmonie verwandter Seelen

Da das Originalwerk nur eine gute Stunde dauert, stellt der Meisterchoreograph der Orchesterfassung von „Das Lied von der Erde“ Fragmente des 6. Satzes in der von Mahler selbst eingerichteten Klavierfassung voran. Ein ruhiger Prolog ist das, in dem wir die beiden Hauptfiguren seiner Interpretation kennenlernen. Ein junger Mann (Alexandr Trusch) rutscht auf einem kleinen grünen Hügel gleichsam hinein ins Leben, klettert immer mal wieder wie Sisyphos empor – und rutscht erneut hinunter. Eine Frau, etwas älter als er, schreitet voller Anmut durchs Bild, sie könnte für das mütterliche Prinzip schlechthin stehen, ein huld- und hingebungsvolles Marien-Wesen jedenfalls, das in seinem Unschuldsweiß nicht ganz von dieser Welt zu sein scheint. Die wunderbare Hélène Bouchet vermittelt diese zarte Urweiblichkeit ganz hinreißend. Ein Spiegelbild und Doppelgänger des jungen Mannes trifft dann noch auf ihn, in ihrer Begegnung wird mindestens höchste Freundschaft verwandter Seelen und die Sehnsucht nach Gleichklang, vielleicht auch Homoerotisches tänzerisch vermittelt.

Neumeier illustriert und verdoppelt die Musik

Szenenbild "Das Lied von der Erde"

Szenenbild „Das Lied von der Erde“

Sind in dieser innigen initialen Männerbegegnung synchrone Bewegungen dramaturgisch einleuchtend, wird mit dem Einsetzen der Orchesterlieder ein Mangel dieses Abends immer deutlicher: Neumeier illustriert die Musik viel zu oft „eins zu eins“. Er verdoppelt die klingenden Gesten in einer für ihn ungewohnten Plattheit. Die sportive Gruppennummer zu „Das Trinklied vom Jammer der Erde“ ist dank der großartigen Compagnie natürlich eine Augenweide. Doch Sinn und Zusammenhänge neu Stiftendes ereignet sich kaum. Neumeiers tänzerischer Schönheitsdiskurs ist von einer kaum inspirierten Glätte. Wenn es im dritten Lied „Von der Jugend“ heißt, baut Neumeier nach den Momenten ritueller Strenge und Ruhe so fröhliche Folkloreelemente ein, als befänden wir uns in der Tanzeinlage zur komischen Oper „Die verkaufte Braut“. Nachdem die flotten Jungs in Jeans und T-Shirts ihre virile Lebensfreude getanzt hatten, dürfen die Damen in „Von der Schönheit“ mit eigebauten asiatischen Gesten eine entzückende Nummer von jungfräulicher Mädchenhaftigkeit auf die Bühne bringen. Hoch lebe das Geschlechterklischee.

Szenenbild "Das Lied von der Erde"

Kann Sterben so schön sein?

Neumeier verniedlicht die komplexe Partitur, er vertieft sie nicht, wie man gerade von ihm wohl erwarten darf. Kaum je findet er zu einer die Musik in ihrer Dialektik von Leben und Tod ernstnehmenden Dynamik der Kontraste. Nichts ist hier eckig, kantig, konfliktreich, heutig. Alles ist freudig meditative, ewig fließende, ganz dezente Weltabschiedsweisheit, die sich bedeutungsschwanger gibt, nur so wenig Bedeutendes transportiert. Wie zu erwarten, kehrt am Ende die heimliche Mutter Gottes in Gestalt von Hélène Bouchet zurück, nun als eine edle Todesbotin. Und unser junger Mann lernt von seinem grünen Sisyphoshügel aus fast das Fliegen – vielleicht fühlt sich so ja das Sterben an. Das wäre dann fraglos angenehm.

Kammermusik ohne Kern

Durchaus einig mit Neumeiers Konzept weiß sich Simon Hewett am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, das die Partitur in kammermusikalischer Zurückhaltung, aber ganz ohne Kern und Strukturschärfe angeht. Da plätschert Mahler dahin, wie er auf der Bühne müde bebildert wird. Hier können auch die wackeren Sängersolisten wenig helfen, die mit dem Heldentenor Klaus Florian Vogt und dem Bariton Michael Kupfer-Radecky durchaus prominent besetzt sind.

Staatsoper HamburgSzenenbild "Das Lied von der Erde"
Mahler/Neumeier: Das Lied von der Erde

Besetzung: John Neumeier (Choreografie, Bühnenbild, Licht & Kostüme)
Simon Hewett (Leitung)
Klaus Florian Vogt (Tenor)
Michael Kupfer-Radecky (Bariton)
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Weitere Aufführungs-Termine:

09.12.2016
13.12.2016
15.12.2016
17.12.2016
15.07.2017

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