Opern-Kritik: BÜHNEN HALLE – DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Gesamtkunstwerk zum Mitmachen

(Halle, 23.09.2016) Der Philanthrokapitalist und seine Braut in HETEROTOPIA

© Falk Wenzel

Heiko Trinsinger (Holländer), Dorothea Herbert (Senta)

Schon am Volkstheater Rostock, seiner vorherigen Wirkungsstätte, erlebte Stefan Rosinski, neuer Geschäftsführer der Bühnen Halle, eine maritime Metapher. Ähnliches zeigt jetzt der neue Intendant Florian Lutz an der Oper Halle. In Sebastian Hannaks eindrucksvoller Raumbühne HETEROPTOPIA sind Darsteller und Publikum zusammengeschweißt vor weißen Architekturelementen und Verschalungen. Diese bleibt für das zweiwöchige Eröffnungsspektakel stehen. Man lädt zu Kombiangeboten mit den Holländer-Produktionen in Dessau und Magdeburg.

Wir alle jobben in Dalands „solar valley“

Soviel interaktives Musiktheater gab es schon lange nicht, Wagners früher Geniestreich wird zum Spiegel der Gegenwart. Zur pausenlosen Urfassung ohne Erlösungsschluss strandet eine Gesellschaft in der großen Ratlosigkeit. Der Eindruck ist knallig, fordernd, spannend. Turbulente Rasanz kulminiert im höchsten und auch traurigen Unterhaltungswert. Zwiespältig polarisierend und zwingend, so ist Oper im Idealfall.

Schon zum Einlass wird das Publikum – ohne, dass man das gleich erkennt – zum Mitspieler. Es ist erstaunlich, wie reibungslos die freundliche Crew alles im Griff hat. Im Deck B erhält man Augenbinden, hangelt sich an einem Tau hinein. Die allzu heftige Aufforderung zur Selbstversenkung in Wagners musikalische Magie macht skeptisch. Gleich ist man mitten auf der Bühne und erblickt im Parkett Häppchen, Sekt und Fauteuils, überall Riesenscreens, ein dreigeschossiges Spielgerüst vor der Hinterbühne, Seitentribünen, Biertische. Ja, und auf der Hauptspielfläche sogar eines jener Autos, die man in Berlin aus den Nibelungen im Gorki-Theater, dem Wiener Wald der Komischen Oper und anderweitig gut kennt.

Massenhaltung und Karrierecoaching

Die Besucher auf der Bühne erhalten zitronengelbe Westen und passende Schutzhelme. Alle – Ensemble und Publikum – jobben in Dalands „solar valley“ und japsen im angeknacksten Wohlstand. Das ist Massenmenschenhaltung – hygienisch, kosmetisch und multimedial. Da ruft der als Supervisor angeheuerte Steuermann die Mannschaft zum Karrierecoaching, einer dümmlichen Gymnastiknummer. Witzig, dass dem Serviceteam schon mal eine (absichtliche?) Verwechslung der professionellen Mitwirkenden mit einigen der etwa 500 Eintrittskartenbesitzer unterläuft.

Die Frauen – jede blondmähnig mit Riesenherz auf der Latzschürze – verwirklichen alle ihre Vision als Teleshopping-Hostessen. Sie sind die Superstars der Livestream-Formate bei HOLL@NDER. Seitlich zusammengepfercht hinterm Gitterzaun schauen die (multikulturellen) Ausgegrenzten und Entrechteten zu. Ausgerechnet dann revoltieren sie, als sie etwas soziale Anteilnahme erhalten. Es kommt zur Katastrophe, einem übergriffigen Blondinen-Schlachten mit dem Kahlschlag von Livestream, Videokonferenz, Big Data und allgemeiner Ordnung. Da zeigt Florian Lutz auch Bilder der amtierenden  Bundeskanzlerin.

Die Zuschauer auf der Parkettebene dürfen sitzenbleiben. Überall ist man in touch mit den Solisten und Chorsängern. Man spürt die Energie der Darsteller direkt vis-à-vis. Ob eine Dame in der ersten Fauteuil-Reihe ihre Augenbinde angewidert von der neuen Hallenser Ästhetik oder aus persönlicher Beklemmung fast den ganzen Abend nicht abnimmt, ist ungeklärt.

Plakatives Musikdrama

Der Holländer haut am Ende ab, Senta bleibt in der Menschheitsdämmerung nach dem Ende aller Livestreams zurück – allen, aber lebendig. Gesungen wird unverstärkt, durch ständige Positionswechsel kommen Wagners Schroffheiten glänzend heraus. Wenn auch anders, als sich das seine strengeren Anhänger vielleicht wünschen. Carlos Caballé-Domenech konzentriert sich am Pult auf Koordination und klare Zeichen. Für die Musiker der Staatskapelle Halle ist es neu, dass der Sängerschall von  überall flutet. Man hört auf der Bühnenebene die Ouvertüre etwas fern und dumpf, Unebenheiten der Bläser und der in dieser Raumsituation etwas zurückgesetzte Streicherteppich klingen wirklich nach Gewitter, Sturm und fernem Meer. Der spielintensive Chor mit Extrachor kann der sicheren Einstudierung durch Rustam Samedov und Peter Schedding voll vertrauen. Das im Raum wandernde und wandelnde Musikgeschehen legt manches frei, was man sonst nicht hört. Gewiss polarisiert das, ist aber als Kampfansage gegen hohlen Klangperfektionismus höchst eloquent und körperlich.

Mechthild Feuersteins Kostüme belegen, dass sie alle Fashion Styles Mitteldeutschlands von Amazon in Leipzig/Heiterblick bis zu den Tramhaltepunkten nach Merseburg beherrscht. Facebook sei Dank: Man kennt die in HETEROTOPIA agierenden Typen und Hipster. Das Produktionsteam hat nämlich nicht nur Mark Zuckerbergs offenen Brief an seinen Säugling, sondern auch Dave Eggers‘ Bestseller-Roman Der Kreis genau studiert. Die bilderstürmerische Krisendarstellung hat einen fiesen Spaßfaktor.

Der Holländer – ein Medienmogul

Heiko Trinsinger, der superreiche Holländer, ist nach seinem Vampyr an der Komischen Oper jetzt der andere große Erschöpfte aus der romantischen Oper: Diesem „Holländer“ wird die verzückt abgedriftete Senta definitiv zu viel: Sein Bariton hat eine Klangpracht, die man an diesem Abend sonst nirgends erlebt. Damit ersingt Heiko Trinsinger sich in rauer musikalischer Umgebung die Krone.

Dalands Plan, sein im Wirtschafssturm auf Riff zusteuerndes Firmenschiff durch eine (Heirats-)Fusion zu sanieren, geht nicht auf. In Optik und Stimme gibt Vladislav Solodyagin einen Boss mit Ölspur und strategischer Distinktion. Damit legitimiert er Wagners Klischeefloskeln für den Part smart und stimmig.

Konsequent in diesem Rahmen ist die mit viel Applaus bedachte junge Senta. Dorothea Herbert dreht auf als echt „töricht‘ Kind“, das Opposition nur noch mit Accessoires wie einem rosa Bett, modisch gerissenen Jeans, Ethno-Sweater und Rasta-Strähnen artikulieren kann. Dafür hat sie haufenweise wunderschöne Töne und dann kommen auch Schattierungen, als sei diese Senta noch nicht ganz bei sich. Wie soll sie auch mit einem gewaltbereiten Erik, der jede Sekunde mit einem harten Schlag auf die Kühlerhaube oder einer übergriffigen Liebkosung droht? Ralph Ertel fährt stimmlich auf mit der weichen Schale des rabiaten Mackers – erst recht, wenn er und Senta zu seiner Traumerzählung im Auto sitzen… Robert Sellier vermeidet als Steuermann und verblassender Anzug-Fuzzi bewusst den Glanz. Und Lucie Ceralová ist ideal als elegante Human Resources-Einpeitscherin, die mit Lust ihre Funktion lebt.

Der Applaus am Ende: Heftig und mit kleinen Spuren von Reserviertheit. Vielleicht waren auf‘s erste die Überrumpelung, die spielerische Überfülle und der aktionsreiche Überbau eine Spur „too much“. Hinfahren und sich selbst ein Bild machen empfiehlt sich! – Tipp dazu: Deck B, da sitzt man auf der Bühne. Als Start in eine vielversprechend turbulente Spielzeit ist dieser Holländer eine Hochglanz-Visitenkarte mit Bestpreis-Garantie für dieses  philanthrokapitalistisch-kritische Megaevent.

Oper Halle

Der fliegende Holländer

Josep Caballé-Domenech (Leitung), Florian Lutz (Regie), Sebastian Hannak (Raumbühne „Heterotopia“), Mechthild Feuerstein (Kostüme), Rustam Samedov (Chöre), Peter Schedding (Extrachor), Konrad Kästner (Video), Heiko Trinsinger/Gerd Vogel (Holländer), Dorothea Herbert/Anke Berndt (Senta), Vladislav Solodyagin (Daland), Ralph Ertel (Erik), Robert Sellier (Steuermann), Lucie Ceralová (Mary), Chor, Extrachor und Statisterie der Oper Halle, Staatskapelle Halle

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