Opern-Kritik: Oper Leipzig – Lucia di Lammermoor

Schottland total!

(Leipzig, 26.11.2016) Ein Schicksalsstern verdunkelt sich sinnstiftend: Katharina Thalbach setzt Donizetti grandios in Szene und spielt spontan mit

Oper Leipzig/Lucia di Lammermoor © Kirsten Nijhof

Szenenfoto "Lucia die Lammermoor"

Dreißig Stunden vor Beginn der Premiere twitterte es – und pfiffen es alle Spatzen Berlins und Leipzigs von den Dächern: Nach einem akuten Bänderriss wagt und singt Anna Virovlansky die kraftfordernde Paradepartie der Lucia di Lammermoor an der Oper Leipzig im Rollstuhl trotzdem – geschoben von der Regisseurin Katharina Thalbach, die sie in der spontan zugefügten Rolle als Geist der verstorbenen Mutter listig in die blutspritzende Katastrophe geleitet. Die Applausgebärden aus dem Saal am Ende waren ebenso massiv wie der musikalische Grundgestus des Abends: Laut und weit vernehmbar schallend – ein Triumph!

Ganz viel Blut

Immer wieder gab es während der kraftvoll ausgesungenen Ensembles des Abends szenische Ruhepunkte, bei denen man sich fragen konnte, ob die Darstellung des Mordes am Bräutigam in der Hochzeitsnacht ohne Rollstuhl-Lösung ebenso packend geraten wäre. Über einer monumentalen Aussicht auf schottisches Bergland prunkt ein riesiger, Schaudern machender Vollmond. Davor hat Momme Röhrbein eine bei den riesigen Bühnendimensionen der Oper Leipzig besonders eindrucksvolle Galerie gesetzt, darunter eine Art Foyerraum mit vielen Türen. Hinter denen sind immer punktgenau zur katastrophalen Unzeit Hochzeitskleider und andere Accessoires bereit. Und auch ein Hinterraum, aus dem die Vision der im blutigen Liebeswahn verreckten Ahne höchst plakativ herausschießt. Rau ist das Leben bei den Clans in den Bergen, beklemmend die schaurigen Ahnungen!

Und sinnstiftend rau ist deshalb die musikalische Gangart durch eine Partitur, in der Donizetti die berückenden Farben Bellinis just in dessen Todesjahr 1835 übertrumpfen wollte und damit alle anderen Vertonungen von Walter Scotts Roman „The Bride of Lammermoor“ in die Fußnoten der Theatergeschichte verbannte. Darunter auch Michele Carafas Oper „Le nozze de Lammermoor“, die mit Katharina Thalbachs Ideen zum historischen Schauerroman sogar noch besser konveniert hätte. Da ist die skrupellose Mutter tatsächlich Drahtzieherin, die Lucia in Hoffnung auf höhere Reputation und wirtschaftliche Sanierung einem ungeliebten Bräutigam bestimmt. „Der Mutter Geist“, den Katharina Thalbach jetzt mit dem hintergründigen Ausdrucksspektrum einer Charaktertänzerin mimt, wird ebenso von der pragmatischen Notlösung zum vereinnahmenden Blickfänger.

Fesche Männer im Kilt

Die grelle Klangmalerei aus dem Graben ist planvolles Konzept. Denn wie Kugeln aus der Revolvertrommel schießen die Rhythmen und vor allem die Argumente, mit denen alle Männer die im Rollstuhl noch armseligere Lucia attackieren. Da hat der Abend sehr individuelle Kontur, wenn Anthony Bramall am Pult dem Gewandhausorchester mit künstlerischem Gestaltungswillen das versagt, was es am besten kann: Zum Beispiel Elegisches für die Hörner gäbe es in dieser Partitur ja reichlich. Auch Donizettis durch die bemerkenswerte Behandlung der Bratschen besonders membranösen Streicherlinien bleiben aufgespart bis zu den tragischen Finalszenen Lucias und Edgardos.

Szenenfoto "Lucia die Lammermoor"

Ausdrucksstark ist der von Alessandro Zuppardo glänzend präparierte Chor. Da setzte die Regie Akzente: Die Highlander sind am Beginn recht originäre Nerds, die den enteigneten Edgardo mit Stöcken jagen und später bei der Hochzeit kräftig einen drauf machen. Für die vielen Kilts und schwarzen Netzschleier von drei viktorianischen Schicksalsschwestern wandte Angelika Rieck beeindruckende Mengen Tweed und Tüll auf. Taschenlampen und Kandelaber mit Elektrokerzen werfen dazu gleißendes Licht aufs böse Treiben.

Das Opfer im Rollstuhl

Szenenfoto "Lucia die Lammermoor"

Die Schieflage des Mann-Frau-Gefälles bekommt durch die machoide Blickrichtung der standwilligen Kerle immer abwärts zu Lucia im Rollstuhl noch mehr „Blickfälligkeit“. Schon wenn Edgardo sie beim Abschied grob am Unterarm packt. Doch gibt es auch subtile Kontraste: Später, wenn der um Besitz und Liebe gebrachte Edgardo am Familiengrab todessehnsüchtig das verlorene Glück besingt, will der junge Italiener Antonio Poli endlich ungebremst die ihm eigene Fülle des Wohllauts zeigen und nicht nur den Heißsporn. Doch treibt der Dirigent auch hier unerbittlich zur Eile. In perfekter Übereinstimmung mit der szenischen Aussage hat Mathias Hausmanns markant helltimbrierter Bariton für Lucias Bruder Enrico die aggressive Textur. Der im Roman Vierzehnjährige ist hier ein Kraftpaket wie bei Verdi. Da braucht es keinen weiteren Tenorino mehr wie den rollenadäquat aufschneiderischen Sergei Pisarev zur Vollendung von Lucias Schicksal, denn das besorgt im Einklang mit der hellen Timbrierung von Mathias Hausmann bereits Sejong Chang. Er ist ein junger und offenbar reformierter Seelsorger Raimondo mit schlankem und zugleich starkem Bass. Es liegt nicht an ihm, dass er einigen breit aufgefahrenen Fortissimi mit etwas Druck kontern muss.

Blühender Belcanto einer freudlosen Frau

Dieses martialische Produktionskonzept gerät für die junge Russin Anna Virovlansky rundum zum Vorteil, weil es für ihren langen und vielschichtigen Part die bestdenkbare Kontrastfolie bildet. Am schönsten wird es immer dann, wenn ihr farbendichter Sopran zu den Legati und Bögen der hohen Mittellage anhebt und mit unverzagter Sicherheit aus Donizettis Melodienfülle auch emotionalen Reichtum holt. Gut, dass sie sich nicht vom aggressiven Treiben um sich herum infizieren lässt. Bei ihr gibt es ausschließlich Ariosi – nie Rezitative. Es zeigt einnehmende künstlerische Bescheidenheit, dass sie sogar die Extremkoloraturen der Wahnsinnsszene immer auf dem musikalischen Gedanken aufbaut, davor nie ein geatmetes „Jetzt kommt’s“ setzt. Anna Virovlansky verdichtet Gesangslinien und intensives Bewusstsein derart, dass der zweimalige Sturz aus dem Rollstuhl kaum noch Erklärendes hinzufügt. Nicht ganz verständlich ist deshalb, dass ihr und den Hörern zwei Extrempole des Parts vorenthalten werden: Die selbstgewisse Bravourkadenz am Ende der ersten Arie und Lucias zerfaserte Einwürfe in Raimondos Appell zur Selbstaufgabe in süßer Pflicht. Doch andererseits zeigt das Konsequenz in der Verbildlichung eines Paramount-Schottlands, in dem Männer mit frontalen Posen Konflikte reißen und Frauen rein gar nichts zum Freuen haben.

Szenenfoto "Lucia die Lammermoor"

Oper Leipzig
Donizetti: Lucia di Lammermoor

Anthony Bramall (Leitung), Katharina Thalbach (Regie), Momme Röhrbein (Bühne), Angelika Rieck (Kostüme), Alessandro Zuppardo (Chöre), Anna Virovlansky (Lucia), Antonio Poli (Sir Edgardo di Ravenswood), Mathias Hausmann (Lord Enrico Ashton), Sejong Chang (Raimond Bidebent), Sergei Pisarev (Lord Arturo Bucklaw), Dan Karlström (Normanno), Sandra Janke (Alice, Lucias Vertraute), Chor und Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

Weitere Aufführungs-Termine:

02.12.2016
10.12.2016
01.01.2017
25.02.2017
06.05.2017

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