Opern-Kritik: Staatsoper Hamburg – Béla Bartók und Péter Eötvös

Blaubart ohne Blut

(Hamburg, 9.11.2016) Dirigent und Komponist Péter Eötvös stellt der Oper „Herzog Blaubarts Burg“ seines Landsmannes Béla Bartók einen eigenen Einakter voran

© Monika Rittershaus

Blaubart (Bálint Szabó) verbirgt sein wahres Ich vor Judith (Claudia Mahnke)

Blaubart (Bálint Szabó) verbirgt sein wahres Ich vor Judith (Claudia Mahnke)

Zwei mal zwei macht selten zwei. In Hamburg geht die Rechnung indes mit eben diesem Ergebnis verblüffend gut auf. Wenn die Gattung Oper in ihrem innersten Kern um die Begegnung zwischen einer Frau und einem Mann kreist, um am Ende vom Scheitern ihrer Beziehung zu erzählen, dann ist Béla Bartók in seinem Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ ein einsamer Meister dieses Prinzips der Verdichtung. Judith und Blaubart, Mezzo und Bass-Bariton, umkreisen, erforschen und erkennen einander, können damit freilich nur in einem finalen schwarzen Nichts landen.

Opfer und Täter machen Erinnerungsarbeit – und schlafen miteinander

Gleichsam die Vorgeschichte lieferte jetzt Péter Eötvös nach – als dirigierender Komponist eines ungemein konzentrierten Musiktheater-Doppelabends, bei dem Dmitri Tcherniakov bewusst unspektakulär, dafür in zurückhaltendem wie konzisem szenischen Arrangement Regie führte. „Senza sangue“ heißt der Bartók vorangeschaltete Einakter, in dem sich natürlich ein Mann und eine Frau treffen, die schließlich gar erfreulich am Leben bleiben dürfen. Dafür ist ihr Vorleben tödlich, ja mörderisch: Vor Jahrzehnten waren drei einstige Soldaten in das Haus eines Arztes eingedrungen, an dem sie Selbstjustiz übten, sie wollten sich für dessen Kriegsverbrechen rächen. Einer der Mörder entdeckte die kleine Tochter des Arztes in ihrem Versteck und verschonte sie.

La donna (Angela Denoke) und L’uomo (Sergei Leiferkus) hadern mit ihrer Vergangenheit © Monika Rittershaus



Jetzt treffen die beiden sich wieder – um die Identität des anderen wissend. Opfer und Täter machen Erinnerungsarbeit, kehren zurück in die Hölle jenes Augenblicks zwischen Tod und Leben, ringen im Kaffeehaus nach Worten für das Unaussprechliche. Auge um Auge freilich, Rache für Rache steht ihnen nicht mehr im Sinn, sie beenden den immer wieder auftauchenden Alptraum anders, „senza sangue“, ohne Blut – und schlafen miteinander.

Nach „Tri Sestri“ oder „Le Balcon“ wieder eine formidable Eötvös-Oper

Péter Eötvös hat auf das Buch von Alessandro Baricco, das Mari Mezei zum Libretto kondensiert hat, einen furios expressionistischen, anregenden Alptraum-Sturm komponiert und damit wie schon bei „Tri Sestri“ oder „Le Balcon“ eine formidable, wenn auch nicht unbedingt seine bislang stärkste Opern-Partitur vorgelegt, die in ihrem Grundgestus sehr wohl an die Musik seines Landsmann Béla Bartók erinnert. Angela Denoke und Sergei Leiferkus sind in ihrem markanten Sprechgesang mit seinen melodramatischen Momenten, dabei aber auch etwas hölzernem Italienisch ein in ihrer Ungleichheit überaus spannendes Paar, das sich im nun filmisch nachvollzogenen Gang ins Hotelzimmer sogleich in Judith und Blaubart verwandelt.

Delikates, fein ausgehörtes Bartók-Rasen

Attacca schließt sich die Musik Béla Bartóks an – zwei Werke verschmelzen, aus zwei Paaren wird eins. Gesungen wird das Doppelgängerpaar nun von Claudia Mahnke und Bálint Szabó – mit verblüffender, nie überdramatisierender vokaler Wärme. Getreu der puren Psychologie, die der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov hier präzise vorführt, dirigiert auch Péter Eötvös ein ungewohnt kammermusikalisches, ja gleichsam delikates, fein ausgehörtes Bartók-Rasen. Nicht die großen Eruptionen begeistern hier, sondern das Filigran der sprechenden Holzbläsermotive, die irisierenden Streicherflächen, die Eötvös im Sinne maximaler Transparenz verschlankt hat. Nur jeweils acht erste und zweite Geigen sitzen im Graben der Staatsoper.

Im Horrorkabinett eines stinknormalen Hotelzimmers

Ingo Metzmacher hat das Werk in der früheren Konwitschny-Produktion einst moderner, schärfer, kantiger, auch aufbrausender zum Kochen gebracht. Hier lockt die Brutalität Blaubarts nun geradezu zärtlich, lässt uns weniger in seinen realen Waffenkeller oder seine wirkliche Folterkammer blicken, denn in die Abgründe seiner Seele, die Judith so hellsichtig zu erkunden versteht. Nichts Äußerliches stört dieses Eindringen in Innerstes, das dabei immer auch in die Abgründe des Sexus führt. Blaubarts Folterkammer ist allein in ihm selbst verborgen. Judith will davon wissen: Wen hast Du vor mir geliebt? Er kontert: Stell‘ keine Fragen mehr. Erfuhren wir bei Konwitschny in starken Bildern auch die gesellschaftlichen Folgen männlichen Größenwahns, ist bei Tcherniakov alles nur packend – schlüssiges Psychodrama im Horrorkabinett eines stinknormalen Hotelzimmers.

Staatsoper Hamburg
Bartók: Herzog Blaubarts Burg / Eötvös: Senza Sangue

Ausführende: Péter Eötvös (Leitung), Dmitri Tcherniakov (Regie & Bühne), Elena Zaytseva (Kostüme), Gleb Filshtinsky (Licht), Tieni Burkhalter (Video), Johannes Blum (Dramaturgie), Angela Denoke (La donna), Sergei Leiferkus (L’uomo), Claudia Mahnke (Judith), Bálint Szabó (Herzog Blaubart), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Weitere Aufführungs-Termine:
15.11.2016
19.11.2016
23.11.2016
26.11.2016
30.11.2016

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