Opern-Kritik: Staatstheater Nürnberg – Boris Godunow

Machtmensch Boris macht sich rüber

(Nürnberg, 1.10.2016) Peter Konwitschny rückt Mussorgsky in postideologischer Weitsicht mit der Brechtstange zu Leibe

© Ludwig Olah

Nicolai Karnolsky, Ida Aldrian

Nicolai Karnolsky, Ida Aldrian

Real existierende Wiedergänger des Boris Godunow oder solche, die es werden wollen, gibt es reichlich –von Russland bis Amerika, mögen sie nun Vladimir Putin oder Donald Trump heißen. Regisseure voller Aktualisierungswut können es sich somit leicht machen mit wohlfeilen Parallelen zu den Mächtigen der Gegenwart, deren Handeln kein Gewissen kennt, die sich dafür aber bestens in der Manipulation der Massen auskennen.

Die alten Feindbilder taugen eben nicht mehr – jene von den linken Gutmenschen und der blöd-bösen Konsum- und Spaßgesellschaft

Peter Konwitschny ist natürlich zu klug für solche billigen Kurzschlüsse. Der nie nachlassende Furor des Altmeisters der Musiktheaterregie treibt ihn stattdessen zu einer kompromisslosen Analyse gesellschaftlicher Prozesse, zu der er gern auch mal wieder die Brechtstange herausholt. Ein schlagkräftiges Regieinstrument ist das, unter dem er dann den Sozialismus wie den Kapitalismus gleichermaßen virtuos zu zertrümmern weiß. Die degenerierten Spätformen der medial inszenierten Demokratien kriegen natürlich auch ihr Fett weg. Die alten Feindbilder taugen eben nicht mehr – jene von den linken Gutmenschen und der blöd-bösen Konsum- und Spaßgesellschaft, von den fiesen Verführern da oben und den ach so armen Verführten da unten am prekären Rande der Gesellschaft.

Bei Konwitschny bleibt niemand verschont. Sein Kulturpessimismus ist gleichsam ganzheitlich und postideologisch. Und doch ringt  er sich am gar nicht mehr so traurigen Ende zu einer Botschaft hindurch, die in einer kleinen und gerade darin starken Hoffnungsgeste verborgen ist. Boris Godunow, der ohnmächtige Machtmensch, der so gern einfach nur ein liebender Vater wäre, macht sich rüber, hängt die Rolle des Retters von Russland an den Nagel seines güldenen Umhangs, zieht sein Hawaiihemd an und steigt hinab in den Orchestergraben – er ist dann mal weg. Bringt die Musik, die Kunst und das durch sie ermöglichte Zu-Sich-Kommen die Lösung, die Erlösung von allen Gewissensqualen? Kann es für ihn im Rückzug ins Private eine Welt jenseits des Politischen geben?

Konwitschny-Konstanten: Das hoffnungsvolle Lächeln des Apokalyptikers

Man sieht an diesem verstörenden wie hellsichtigen Opernabend viele Konwitschny-Konstanten: Das hoffnungsvolle Lächeln eines Apokalyptikers, der das Stück nicht nur ernstnimmt, sondern es weiterdenkt. Die zutiefst menschliche Anteilnahme für einen eigentlich so leicht zu verdammenden Antihelden, der doch eine so tragische Figur ist. Das bewusst plakative Zuspitzen der Eigenarten gleichgeschalteter dumpfer Massen, dargestellt vom fantastisch aktivierten Chor, in ihrer Entwicklung vom bunten Wodka-saufenden Arbeiter- und Bauernkollektiv zu den goldblondperückt Champagner-schlürfenden Scheinindividual-Edelproletariern.

Aufschwung Ost? Konwitschnys Kritik an den Verhältnissen, die so sind, wie sie sind, hat man zumal in seinen wegweisenden Hamburger Arbeiten (von Lohengrin bis Freischütz) gern gesehen. In Nürnberg variiert er die Motive neu, konfrontiert das Stück mit eigenen Leitmotiven, findet dabei indes zu einer handwerklich fundierten Leichtigkeit, die selbst für ihn nicht selbstverständlich ist. Das sonst vor Sentiment triefende russische Volksstück kommt mit viel Humor auf die Bühne des Staatstheaters.

Die Leichtigkeit des kindischen Klamauks

Das Inszenierungssignet des Kasperletheaters steht beispielhaft dafür. Mit der frech karikierenden, dabei präzise ausgespielten Leichtigkeit des kindischen Klamauks also führt Konwitschny vor, wie die Mechanismen des Politischen heute funktionieren. Da scheinen dann selbst die Wutbürger, die in ihrem Stammtischjargon faselnd all die Kasper der aktuellen Politmischpoke verlachen, eine Stimme auf der Opernbühne zu bekommen. Konwitschny ist eben nichts heilig, er kennt keine Berührungsängste, und politisch korrekt muss er längst nicht mehr sein. Ein Humanist mit Botschaft und Liebessehnsucht ist und bleibt er.

GMD Marcus Bosch setzt auf unsentimentales Erzählen und leidenschaftliche Deutlichkeit. Sein Orchester ist in Hochform

Großes Musiktheater entsteht an diesem Abend in Franken freilich erst, weil Generalmusikdirektor Marcus Bosch mit Konwitschny an einem Strang zieht. Er bedient wie der Regisseur keine Russlandklischees, sondern kehrt die Radikalität der Partitur hervor, die in Nürnberg in ihrer Urfassung erklingt. Die artikulationsprägnanten Holzbläser scheinen geradezu in ironischer Zuspitzung zu uns zu sprechen. Das Tempo ist hoch, ebenso die Spannung der sieben nur durch kurze Umbaupausen unterbrochenen Bilder. Das Klangbild ist scharf gezeichnet und von farbintensiver Differenzierung. Wie die Inszenierung setzt Bosch auf unsentimentales Erzählen und leidenschaftliche Deutlichkeit. Sein Orchester ist in Hochform. Und ein kleines Staatstheaterwunder ist die Sängerbesetzung – komplett aus dem Ensemble!

Stellvertretend seien nur die beiden grandiosen, das Stück tragenden Bässe genannt: Nicolai Karnolsky als scharf charakterisierender, slawisch timbrierter Boris und Alexey Birkus als prachtvoll sonorer Pimen. Nach der Premierenserie in Nürnberg wird die Produktion in späteren Spielzeiten auch in den koproduzierenden Theatern von Göteborg und Lübeck zu bewundern sein.

Staatstheater Nürnberg

Mussorgsky: Boris Godunow

Marcus Bosch (Leitung), Peter Konwitschny (Regie), Timo Dentler & Okarina Peter (Bühne & Kostüme), Tarmo Vaask (Chor), Nicolai Karnolsky, David Yim, Alexey Birkus, Tilmann Unger, Chor und Extrachor des Staatstheater Nürnberg, Staatsphilharmonie Nürnberg

Weitere Infos zum Staatstheater Nürnberg finden Sie hier.

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