Opern-Kritik: Oper Köln – Falstaff

Hochgenuss aus einem Guss

(Köln, 30.10.2016) Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und Dirigent Will Humburg heben Verdis größte Genietat auf den Gipfel der Lebendigkeit

© Paul Leclaire

Hochgenuss aus einem Guss

„Tutto nel Mondo é Burla – alles ist Spaß auf Erden“ heißt es am Ende der berühmten Schlussfuge. Dieser Spaß vergeht einem schon mal beim Besuch von Verdis letzter, größter Genietat, weil die Anforderungen an Sänger, Musiker und den koordinierenden Dirigenten besonders in dieser Keimzelle des Werkes beträchtliche sind. Nicht so in Köln. Hier perlte dieser Schluss wie ein guter Sekt. Will Humburg legte mit seinem Orchester die komplexe Struktur offen, ohne dass der Klang zerfiel, und Dietrich W. Hilsdorf sorgte mit seinem enthusiastischen Ensemble dafür, dass das Publikum jeder der zehn Figuren noch einmal in die Seele schauen durfte.

Gleichzeitig heutig, geschmackvoll und opulent

Gab es im ersten Teil noch den einen oder anderen kleinen Makel, etwa das ein wenig gehemmt vorgetragene Doppelquartett, entwickelte sich dieser Kölner Falstaff-Premiere spätestens nach der Pause zum Hochgenuss aus einem Guss. Dieter Richter macht aus der schwierigen Raumsituation im Kölner Staatenhaus das Bestmögliche. Er setzt einerseits auf Einfachheit und verzahnt andererseits mit wunderbar rationell eingesetzten Mitteln Bühnen- und Zuschauerraum.

Ensemble © Paul Leclaire

Falstaffs Behausung ist ein Tisch vor einem romantischen Gemälde. Sind wir bei Familie Ford, wird das Bild wie ein Vorhang zur Seite gezogen, der Tisch verlängert sich, und mit Schränken, Türen und dem Fenster zum Fluss ergibt sich ein großbürgerliches Vestibül. Viele kleine optische Effekte verschönern diesen einfachen Raum. Dazu gelingt Renate Schmitzer das Kunststück, die Kostüme gleichzeitig heutig, geschmackvoll und opulent aussehen zu lassen.

Traumwandlerisches Timing

Dietrich W. Hilsdorf vermittelt die komplexe Handlung souverän und detailliert, lässt die vielen komischen Momente mal wie selbstverständlich mitlaufen, mal drastisch ausagieren, stets traumwandlerisch sicher im Timing. Vor allem aber gelingt es dem Regisseur bei aller handwerklichen Meisterschaft, Haken im Jetzt und Hier einzuschlagen, ohne die Substanz des Werkes anzutasten.

Lucio Gallo (Sir John Falstaff), Ralf Rachbauer (Bardolfo), Lucas Singer (Pistola) © Paul Leclaire

Im Mittelpunkt steht dabei die Selbstgerechtigkeit einer bürgerlichen Repräsentationsgesellschaft, die die eigenen Schwächen verdrängt und dem, der nicht dazugehören kann oder will, unnachgiebig und geradezu brutal gegenüber tritt. Da bleibt minutenweise das Lachen durchaus in der Kehle stecken.

Das Kölner Ensemble begeistert wie die internationalen Gastsänger

Die Inszenierung kann nur auf diesem Niveau gelingen, weil die musikalische Seite dieser Produktion internationales Format hat. Hellwach und lebendig musiziert das Gürzenich-Orchester unter Will Humburg, der teilweise extreme, aber immer organisch wirkende, leistbare Tempi vorgibt. Besonders die Streicher klingen sinnlich und flexibel wie selten. Auch das Kölner Ensemble begeistert, angeführt von der fast hexenhaften Quickly von Dalia Schaechter, dem vor allem mit seiner großen Musikalität bezaubernden Martin Koch als Dottore Cajus und Emily Hindrichs, deren mit silberstiftschlankem Sopran unbezwingbar charmant gesungenes Feen-Solo der Nanetta in Erinnerung bleiben wird. Dazu drei herausragende Gäste: Nicholas Pallesen ist ein grandioser Ford mit großer schauspielerischer Präzision und urgesundem, mühelos expansionsfähigem Bariton.

Nicholas Pallesen (Ford) © Paul Leclaire

Der junge Liparit Avetisyan verzaubert das Publikum geradezu mit seinem sinnlich timbrierten, mühelos geführten Tenor. Zudem gibt er dem Liebhaber Fenton Charme, Ausstrahlung und Beweglichkeit auf der Bühne mit. Hier hat die Kölner Oper an der Nationaloper Armeniens vielleicht einen zukünftigen Star entdeckt! Lucio Gallo ist bereits einer. Machtvoll tönt sein Bariton in der Titelrolle, immer noch gut fokussiert und beweglich. Er hat den für die Rolle nötigen bezwingenden Charme, vermittelt glaubhaft die Wurschtigkeit und Egomanie dieser Ausnahmefigur – und tut uns doch leid im letzten Akt, da ihm so übel mitgespielt wird. Wäre Oper immer so wie diese bis in die Applausordnung hinein ausgefeilte und lebendige Aufführung, wäre sie tatsächlich stets einer der größten Späße auf Erden!

Oper Köln im Staatenhaus
Verdi: Falstaff

Will Humburg (Leitung), Dietrich W. Hilsdorf (Regie), Dieter Richter (Bühne), Renate Schmitzer (Kostüme), Andrew Ollivant (Chor), Lucio Gallo, Natalie Karl, Nicholas Pallesen, Dalia Schaechter, Liparit Avetisyan, Emily Hindrichs, Martin Koch, Adriana Bastidas Gamboa, Ralf Rachbauer, Lucas Singer, Chor der Oper Köln, Gürzenich-Orchester Köln

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