Opern-Kritik: Bayerische Staatsoper – Semiramide

Wahrheits-Belcanto

(München, 12.2.2017) Joyce DiDonato reinkarniert die Callas, David Alden dekoriert Rossini

Semiramide/Bayerische Staatsoper © Wilfried Hösl

Szenenbild aus "Semiramide"

Sie zündet ein so aufregend dunkel loderndes Koloraturenfeuer, sie durchpulst jede Phrase so dramatisch, sie geht mit einem so unbedingten Furor an Grenzen, dass man beim Rollendebüt der Joyce DiDonato als Semiramide jetzt unweigerlich an die Primadonna assoluta aller Zeiten denken musste: Maria Callas. Von dem Sich-Ausliefern an die Rolle, den Gefährdungen durch Verschmelzung von Person und Figur, denen sich die Griechin immer wieder aussetzte, ist die Amerikanerin freilich weit entfernt. Doch viele ihrer sängerischen Markenzeichen sind heute so sehr aus der Mode gekommen, dass man sie unweigerlich mit der Callas in Verbindung bringen muss: Da ist DiDonatos Risikobereitschaft, sich als Mezzo die Sopranpartie sogleich vollends zu erobern, da ist ihr extremes Anverwandeln an die dargestellte Figur der Königin von Babylon, da ist ihre raumgreifende, packende Präsenz, die gar nicht der Vertiefung eines Regisseurs bedarf, um uns das Schicksal dieser von Voltaire überlieferten hoch komplexen Frauengestalt zwischen Liebender und Mörderin sogleich ganz nahezubringen. Joyce DiDonato steht für einen Wahrheits-Belcanto, in dem keine Koloratur mehr bloßes Schmuckwerk, reine Girlande des Ziergesangs, virtuoser Selbstzweck bleibt, sondern zum Mittel des maximal gesteigerten Ausdrucks wird, der uns seelentief berührt. Was kann Oper mehr wollen, mehr leisten?

Der Inspirationsquell des angeblichen U-Musikers Rossini sprudelt ohne Unterlass

Joyce DiDonato als Semiramide an der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Jedenfalls wiederlegt die grandiose Sängerdarstellerin in dieser Münchner Premiere beherzt jedes Vorurteil, das selbst ausgewiesene Opernfreunde gegen den Schwan von Pesaro hegen: Rossini, der Vielschreiber mit den vielen schnellen Noten, der sein Buffo-Handwerk verstehende italienische Lustmensch, dem der wahre Tiefgang fehlt, Rossini, der Mann einer besseren U-Musik. Diese noch vom musiknationalistischen Denken des 19. Jahrhunderts stammenden Klischees, die sich erschreckend in unsere Gegenwart gerettet haben, bleiben indes so dämlich, wie sie schon damals waren. Denn der Inspirationsquell des gewitzten Genies Gioachino Rossini sprudelt gerade in seiner letzten ernsten Oper, die er in Italien vor der Übersiedlung nach Paris schrieb, ohne Unterlass. Und Rossini, der angeblich Konservative, erweist sich sehr wohl als ein Neuerer, dessen Formmodelle bis in die Konzeption der mittleren Opern Verdis weiterwirken und dessen psychologische Einfühlung in die Figuren so viel stärker ist, als das Vorurteil uns weismachen will.

Zukunftsmusiker Rossini nimmt Verdi vorweg

Alex Esposito (Assur), Daniela Barcellona (Arsace) © Wilfried Hösl

Zumal das große Duett von Semiramide mit Assur im zweiten Akt ist der gar nicht unerotische Showdown zweier Machtmenschen und nicht weniger als das heimliche Vorbild für die Begegnung von Lady Macbeth und ihrem mörderischen Gatten in Verdis düsterer Shakespeare-Oper. Rossini, der Zukunftsmusiker. In diesem Höhepunkt des Werks fährt nicht nur DiDonato einen das Rezitativische maximal schärfenden Ton auf, auch Alex Exposito findet zu bassbaritonal-viriler Überwältigung. Durchschlagskraft hatte er schon zuvor bewiesen, die wirkliche Bass-Schwärze, die ein Samuel Ramey oder Michele Pertusi bei Rossini verbreitet haben, fehlt ihm dennoch.

Wenn dem Regisseur nichts einfällt, zieht er die Ironiekarte

Der Rest der Sängerbesetzung ist nicht schweigen, sondern beglückend stimmig. Nur über David Alden möchte man diesmal den Mantel des Schweigens legen. Denn er kann mit Rossini so gar nichts anfangen. In München war der amerikanische Regisseur zu Zeiten des Sir Peter Jonas ein Stammgast, seine streitbare Sicht auf Wagners Tannhäuser, der hier nun bald von Romeo Castellucci neu gedeutet werden soll, ist noch heute in starker Erinnerung. Aber im Falle von Rossinis Opera seria weiß Alden nicht recht, was ihn am Stück interessieren könnte. Wenn ihm zu einer Figur nichts Besseres einfällt, zieht er die Ironiekarte und den Sänger der Rolle ins Lächerliche (Belcanto-Tenor-Star Lawrence Brownlee muss als Idreno den Folklore-Inder geben, Ensemblemitglied Elsa Benoit als Azema wie eine Fußgängerzonenattraktion des Tutanchamun im extra engen Goldkostüm über die Bühne staksen); wenn ihm aber so gar nichts einfällt, lässt er die Sänger im Regen der Nicht-Regie stehen, was im Falle der mezzopastosen Daniela Barcellona in der Helden-Hosenrolle des Arsace schmerzlich anzuschauen ist.

Lustfreier Verschiebebahnhof der Figuren heischt Aktualität

Daniela Barcellona (Arsace), Joyce DiDonato (Semiramide), Alex Esposito (Assur) © Wilfried Hösl

Ein Konzept hat die Inszenierung sehr wohl, es bleibt freilich bei den Setzungen des imposanten Bühnenbildes von Paul Steinberg stecken. Der hat vielfach verschiebbare, wuchtige Monumentalwände ersonnen, die den Eindruck eines repressiven Systems vermitteln. Die Statue eines unsterblichen Führers lässt an die Diktatur in Nordkorea ebenso denken wie an die schrittweise politische Abschaffung der Freiheitsstatue der USA. Sekten-Kitschbilder von einer zu schönen heilen Welt gaukeln dem Volk eine glorreiche Zukunft vor. In diesem Ambiente ließe sich das ewige Opernthema um Liebe und Macht nebst Manipulation der Massen sehr wohl variieren. Doch Alden arrangiert nur einen lustfreien Verschiebebahnhof der Figuren, der in seiner Interesselosigkeit einfach unendlich langweilt. Aldens Aktualität heischenden Regietheater-Versatzstücke vom Sprengstoffgürtel, über ordenbekränzte Männerbrüste bis zu den Kampf der Kulturen zitierenden Turbanträgern sind nicht dringlich, sondern bestenfalls dekorativ. Zum Glück reißt Joyce DiDonato den Abend immer wieder an sich, und zum Glück dirigiert Michele Mariotti am Pult des Bayerischen Staatsorchester einen detailgenauen, schlanken, sängerfreundlichen, rhythmisch belebten Rossini.

Bayerische Staatsoper München
Rossini: Semiramide

Ausführende: Michele Mariotti (Leitung),David Alden (Regie), Paul Steinberg (Bühne),Buki Shiff (Kostüme), Robert Pflanz (Video), Beate Vollack (Choreographie), Michael Bauer (Licht), Frauke Meyer (Regiemitarbeit), Daniel Menne (Dramaturgie), Stellario Fagone (Chor), Joyce DiDonato (Semiramide), Alex Esposito (Assur), Daniela Barcellona (Arsace), Lawrence Brownlee (Idreno), Elsa Benoit (Azema), Simone Alberghini (Oroe), Galeano Salas (Mitrane), Igor Tsarkov (L’ombra di Nino)

Weitere Termine: 15., 18., 23. & 26.3., 3.3., 21. & 24.7.

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