Opern-Kritik: Grand Théâtre de Genève – Fantasio

Märchenliebe in kriegerischen Zeiten

(Genf, 3.11.2017) Offenbachs politisch ambitionierte Melange der Opéra Comique muss man gar nicht deutsch dekonstruieren

„Fantasio“ in Genf © GTG/Carole Parodi

„Fantasio“ in Genf

Mitten im deutsch-französischen Krieg von 1870 schreibt der Emigrant, Pazifist und Humorist Jacques Offenbach in Paris eine Opéra Comique über die Komplexität der Identität, über den Standesdünkel der Aristokratie, über das richtige Leben im falschen, über den liebeslistig ausgehandelten Frieden verfeindeter Nationen. Genau diese nicht zuletzt politisch ambitionierte Melange fanden die Kritiker der Uraufführung von 1872 gar nicht lustig, zu tief saß die Schmach über den gerade verlorenen Krieg. Nach nur zehn Vorstellungen wurde „Fantasio“ abgesetzt, für Offenbach eine schwere Niederlage: Er ließ fortan die Finger von einem Genre, das er traumwandlerisch beherrschte, das ihm aber zu wenig Glück verhalf.

Fast schon ein Musical-Märchen

Dagegen schnurrt jetzt die aktuelle Koproduktion der Pariser Opéra Comique und des Grand Théâtre Génève in furiosen Szenenwechseln ab wie ein weihnachts- und silvestertaugliches Musical-Märchen, das wie weiland in den Vertonungen des Aschenputtel von einem heiratswilligen Prinzen handelt, der die Rollen mit seinem Diener tauscht, um die Auserwählte in Ruhe prüfen zu können. Am Ende kriegen die beiden sich dann aber doch nicht, denn die bayerische Prinzessin Elsbeth zieht die wahre Liebe zum als Hofnarr verkleideten ewigen Studenten Fantasio vor. Den singt Katija Dragojevic und verströmt in der Hosenrolle (von Offenbach liegt sowohl eine Tenor- als auch eine Mezzofassung der Titelpartie vor) die wunderbare Wärme ihres anschmiegsamen, wasserklaren wie berührenden Mezzosoprans, aus dem man immer wieder den pubertären Erotiker Cherubino heraushören konnte: Ihre Paradepartie sang Dragojevic bereits an der Mailänder Scala und bei den Salzburger Festspielen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann singen sie noch heute

Szene aus „Fantasio“ am Théâtre Génève

Szene aus „Fantasio“ am Théâtre Génève © GTG/Carole Parodi

Weniger prominent besetzt ist die Elsbeth mit einem Mitglied des Genfer Opernstudios, der Jeunes Solistes, doch Melody Louledjian setzt ihren noch etwas soubrettenniedlichen Sopran mit ausgeprägter Anmut und entzückendem Liebreiz ein. Dass hier Offenbachs koloraturenspuckend himmelhochjauchzende Olympia aus Hoffmanns Erzählungen bereits vorgebildet ist, hört man deutlich, reif für diesen Gipfel des Koloraturfachs ist die junge Sängerin sicher noch nicht, aufhorchen lässt sie allemal. Zu den Höhepunkten des Abends gehören fraglos die drei traumschön überströmenden Duette des heimlichen Liebespaars, das sich am Ende jeder Staatsräson zu widersetzen vermag. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann singen sie noch heute…

Karnevaleske Vielfarbigkeit

Regisseur Thomas Jolly bedient die Märchenebene des dem Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick zugeeigneten Stücks mit Liebe zum bunten Detail, mit viel Witz und einem herrlich übertriebenen Typentheater im Rossini-Stil, von dem zumal die diversen Dienerfiguren und die enorm präzise gearbeiteten gesprochenen Dialoge profitieren. Manche Szenen sind zu schön, um wahr zu sein. Da stickt ein wasserstoffblond perückter Damenchor eine endlos lange Schleppe des Hochzeitskleides. Da wird die kurz darauf scheiternde Hochzeit mit babypinken Ballons aufgeblasen. Da liegt im Finale bereits der drohende Krieg in der Luft, der in karnevalesker Vielfarbigkeit alsbald zu einem Happy End gewendet wird.

Französischer vs. Deutscher Regiediskurs

Szene aus „Fantasio“ am Théâtre Génève

Szene aus „Fantasio“ am Théâtre Génève © GTG/Carole Parodi

In der Ideologie des deutschen Regietheaters würde die schöne Geschichte, die in ihrer für Offenbach so charakteristischen Frechheit und Gewagtheit aber auch noch ganz andere Schichten hat, fraglos mit viel mehr gesellschaftskritischem Subtext aufgeladen. Kommt Offenbachs politische Doppelbödigkeit in Thomas Jolly braven Bildern nicht doch zu kurz? Oder ist das eine Frage, die allein die deutschen Kritiker stellen, die sich allzu gern als Wächter eines deutschen Regiediskurses verstehen?

Esprit und Eleganz

Zu fragendem Nachdenken über die musikalische Qualität mag sich an diesem Laune machenden Offenbach-Abend freilich niemand bemüßigt fühlen. Dafür kitzelt der junge ungarische Dirigent Gergely Madaras mit dem bestens aufgelegten Orchestre de la Suisse Romande die delikate Eleganz der Musik mit geradezu mustergültigem Esprit heraus. Der Maestro, das Orchester und der formidable, emotional überwältigende Chor des Grand Théâtre gehören fraglos zu den Stars des Abends, der eben nicht zuletzt die Entdeckung einer kaum bekannten Seite Offenbachs möglich macht.

Grand Théâtre Génève
Offenbach: Fantasio

Gergely Madaras (Leitung), Thomas Jolly (Regie), Thibaut Fack (Bühne), Sylvette Dequest (Kostüme), Katija Dragojevic, Melody Louledjian, Boris Grappe, Pierre Doyen, Loic Félix, Heloise Mas, Philippe Estèphe, Fernando Cuellar, Jaime Caicompai, Fabrice Farina, Bruno Bayeux, Harry Draganov, Dimitri Tikhonov, Orchestre de la Suisse Romande, Choeur du Grand Théâtre de Génève

Termine: 10., 11., 16., 18., 19. & 20.11.2017

Sehen Sie den Trailer zu „Fantasio“:

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