Opern-Kritik: Komische Oper Berlin – Märchen im Grand Hotel

Halbgare Wiederbelebung

(Berlin, 17.12.2017) Der ungarisch-jüdische Operettenmeister Paul Abraham hat zwar Ohrwurm-Qualitäten, doch nur mit szenischem Mut kann seine Neuentdeckung wirklich gelingen

Märchen im Grand Hotel/Komische Oper Berlin © Robert Recker

Szenenbild aus "Märchen im Grand Hotel"

Es lehárt nicht nur mit melancholischer Melodiensüße, es jazzt auch auch gar tanzbeinbeschwingt: Paul Abraham bedient in seinem 1934 in Wien aus der Taufe gehobenen Lustspiel nicht einfach Opas Operette. Er bereichert sie mit Tönen, die seine Zeitgenossen einst in den Tanztempeln, Varietés und Lichtspielhäusern der Metropolen abfeiern ließen. Im besten Falle haben seine musikalischen Einfälle Ohrwurm-Qualitäten, im schlimmsten Falle schmecken sie nach handwerklich sauberer Operetten-Hausmannskost. Klar, der ungarisch-jüdische Komponist konnte was, er wusste zu gefallen, und er sorgt bei seiner späten Rückkehr in seine einstige Wahlheimat Berlin immer noch für reichlich gute Laune. Größere Hochgefühle vermochte die als konzertant angekündigte, dann aber doch durchaus halbszenisch realisierte Premiere an der Komischen Oper allerdings nicht zu vermitteln.

Aufstieg und Fall: Seine Tantiemen lässt sich Paul Abraham auf dem Silbertablett servieren

Ist Paul Abrahams Biografie womöglich deutlich interessanter als die in die Jahre gekommene, ziemlich an den Haaren herbeigezogenen Geschichte dieses „Märchen im Grand Hotel“? 1892 im einst zur Habsburgmonarchie gehörigen Apatin an der Donau geboren, ist schon der kleine Junge ganz von der Zigeunerkapelle fasziniert, die im heimischen Hotel aufspielt. Paul will auch Musik machen, lernt aber erstmal was Anständiges, arbeitet als Broker, gewinnt haushoch, verliert alles. Doch er schafft es zum Kapellmeister am Budapester Operettentheater, feiert frühe Sensationserfolge mit ersten Bühnenwerken, geht nach Berlin, wo er es sich für zwei Wochen leistet, im Hotel Adlon abzusteigen, dann reicht das Geld nur noch für eine bescheidene Pension.

Szenenbild aus "Märchen im Grand Hotel"

Märchen im Grand Hotel/Komische Oper Berlin © Robert Recker

„Die Blume von Hawaii“ oder „Ball im Savoy“ avancieren zu den Erfolgsstücken seiner Zeit, die Tantiemen sprudeln, er lässt sie sich jetzt täglich von einem Dienstmädchen auf dem Silbertablett servieren. Doch die Nazis machen der Karriere alsbald den Garaus. Abraham geht nach Budapest, schreibt „Märchen im Grand Hotel“ fürs Theater an der Wien, wird zunächst noch von den Austro-Faschisten beklatscht. Doch 1939 muss er über Frankreich und Kuba nach New York fliehen. Dort schlägt er sich mit Kleinaufträgen durch und wird schwer krank. Gezeichnet von der Demenz kehrt er nach Deutschland zurück. 1960 stirbt er in Hamburg, bis zuletzt im Glauben, in einem New Yorker Hotel bedient zu werden und bald wieder einen Operetten-Hit zu landen.

Halbgare halbszenische Ausgrabung

Das Wirken von Abraham wieder ins Bewusstsein zu rücken, ist aller Ehren wert. Und die Komische Oper Berlin ist zweifellos der ideale Ort dafür, schließlich hat sich hier unter Barrie Kosky eine weltweit einmalige Expertise im angemessen respektlosen Verwursten des Operettigen entwickelt. Gerade Abrahams Werk braucht den dramaturgisch beherzten Zugriff des (Stein-)Bruchs und den bösen Humor, um seine Wiederauferstehung zu feiern. Dagegen geriet die Ausgrabung jetzt eher halbgar. Der wenig witzige Ersatz der Dialoge durch die Moderation des singenden Conférenciers Max Hopp rückte uns die seicht krude Handlung, die den im Exil in einer Nobelherberge von Cannes weilenden gewesenen Hochadel mit Hollywoods Traumfabrik und einem verliebten Kellner zusammenbringt, denn auch kaum nahe.

Szenenbild aus "Märchen im Grand Hotel"

Märchen im Grand Hotel/Komische Oper Berlin © Robert Recker

Schmissig und stilpräzise

Dafür wird in der Behrenstraße, unweit von Abrahams einstigem Wunschwohnsitz, dem Adlon, unter Maestro Adam Benzwi schmissig musiziert und stilpräzise gesungen, das Lindenquintett Berlin sorgt sogar für angemessenen Comedian Harmonists-Sound. Sopranistin Talya Lieberman als spanische Infantin Isabella und Tenor Johannes Dunz als potentieller Prinz des untergegangenen Habsburger Großreichs bieten selig machenden Operetten-Schmelz. Musicalröhre Sarah Bowden stattet den zur Uraufführung eigentlich Marlene Dietrich zugedachten Part der Filmproduzententochter Marylou mit extra langen Tanzbeinen aus. Bariton Tom Erik Lie darf als Gräfin Inez eine anständige Transennummer aufs Parkett legen. Es bräuchte aber schon mehr und beherztere Würzungen, um Paul Abraham zu neuem Leben zu verhelfen.

Abraham: Märchen im Grand Hotel
Komische Oper Berlin

Adam Benzwi (Leitung), Katrin Kath (Kostüme), Talya Lieberman, Johannes Dunz, Tom Erik Lie, Max Hopp, Philipp Meierhöfer, Sarah Bowden, Lindenquintett Berlin, Orchester der Komischen Oper Berlin

Termine: 17.12. (Premiere), 30.12.2017

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