Opern-Kritik: Nationaltheater Mannheim – Parsifal

Abstraktion aus Tradition

(Mannheim, 9.4.2017) Ein Bühnenweihfestspiel ganz im Wieland-Wagner-Stil feiert 60. Geburtstag

Parsifal/Nationaltheater Mannheim © Hans-Jörg Michel

Szenenbild aus "Parsifal"

In der bei Insidern durchaus bekannten Wagner-Stadt Mannheim hat man in den letzten Jahren nicht nur einen szenisch grandiosen, zeitlos modernen, musikalisch allerdings nur sehr unterschiedlich gelungenen neuen „Ring“ unter Achim Freyer und Dan Ettinger erleben können – man kann auch alljährlich einen 60 Jahre alten „Parsifal“ bestaunen. Das was bei den Salzburger Osterfestspielen derzeit mit dem Pseudo-Remake der Karajan-„Walküre“ praktiziert wird, das ist am Mannheimer Nationaltheater in einer viel konsequenteren Weise schon seit vielen Jahren selbstverständliche Karfreitagstradition: die szenische Darbietung einer historisch gewordenen Wagner-Produktion, eines „Parsifal“ ganz im Stile Wieland Wagners.

Pilgerfahrt zu einer Kultaufführung

Die Inszenierung von 1957 spiegelt den Geist des damals stilbildenden Regisseurs und einstigen Bayreuther Festspielleiters Wieland Wagner wider. Abstraktion und Konzentration statt Dekoration, jede Bewegung der Sängerdarsteller mit Sinn, Ziel und Gewicht, keine beliebigen Gänge, um Zeit zu füllen. Genau unter diesen Prämissen hat der damalige Mannheimer Intendant Hans Schüler den „Parsifal“ im Bühnenbild von Paul Walter gestaltet. Ein angedeuteter Hügel, kaum eine Handvoll weiterer Bühnenelemente und Requisiten, ein riesiger Rundhorizont, handgemalte Scheinprojektionen, die den Wald, Klingsors Zaubergarten und den Gralstempel auf eine faszinierend schlichte, aber dennoch raffinierte Weise auf die Bühne bringen und imaginäre Räume für szenische Rituale schaffen. Im Laufe der Jahrzehnte ist aus dem Bühnenritual des Mannheimer „Parsifal“ eine Kultaufführung geworden, zu der alljährlich Wagner-Freunde aus Nah und Fern anreisen.

Reduktion auf das Wesentliche

Szenenbild aus "Parsifal"

Parsifal/Nationaltheater Mannheim © Hans-Jörg Michel

Farblich bleibt im Bühnenbild Paul Walters alles dezent, die Kostüme Gerda Schultes sind eine Mischung aus historisierend und archaisch, auf jeden Fall einfach, aber teilweise wirken sie fürs heutige Auge dann doch ein wenig plump und billig. Die Kostüme sind nicht annähernd so gelungen wie die Regie, deren Konzept bis heute trägt, weil sich Grundsätzliches bis heute durch mündliche Übermittlung vom früheren Regieassistenten auf dessen Nachfolger und von Sängern der Erstphase und deren Nachfolgern bis zu heutigen Mitwirkenden erhalten hat. Es ist ungemein faszinierend, wie es diese Produktion schon vor ihrem Beginn schafft, allein durch die Erwartungshaltung des Mannheimer Publikums, das zu einem beträchtlichen Teil diese Inszenierung nicht das erste Mal erlebt, eine Konzentration zu erzeugen, die geradezu idealtypisch zum aufs Wesentliche reduzierten Bühnengeschehen passt.

Szenenbild aus "Parsifal"

Parsifal/Nationaltheater Mannheim © Hans-Jörg Michel

Generalmusikdirektor Alexander Soddy begeistert

Und dann kommt in diesem Jahr eine unerwartete Komponente hinzu: Der neue junge Mannheimer Generalmusikdirektor Alexander Soddy erweist sich im ersten Aufzug als begnadeter Wagner-Interpret, der sich viel Zeit nimmt für die Details und die Klangfarben und dabei auch wunderbar zurückhaltend das teilweise hervorragend verständlich singende Ensemble begleitete. Und das Mannheimer Orchester spielt auf Spitzenniveau. Da konnte man nur begeistert sein, allerdings gerieten die nachfolgenden Akte nicht ganz so zwingend. Der zweite hatte noch sehr starke Phasen, jedoch verlor Soddy dann etwas den Spannungsbogen. Der dritte wurde zunehmend unkonzentrierter. Und das Sängerensemble repräsentierte zwar durchweg hohes Niveau, war aber doch wenig homogen. Der junge Koreaner Sung Ha überzeugte bei seinem Rollendebüt als Gurnemanz nicht nur zeitweise in der Diktion und seinem sehr choreografisch durchgestalten Spiel, jedoch wirkte er immer wieder innerlich geradezu unbeteiligt. Will Hartmann war als Parsifal im zweiten Akt ein Ereignis in Erscheinung und Gesang, hatte sich aber dabei schon zu stark verausgabt, sodass sein dritter Akt weniger Freude bereitete. Heike Wessels als Kundry war musikalisch-gestalterisch sicher die überzeugendste Besetzung des Abends, ihre Stimme wurde aber in der Höhe unangenehm scharf. Thomas Berau als Amfortas und Joachim Goltz als Klingsor waren beide hochkarätige Stützen eines Abends, der bewies, dass auch Traditionspflege im immer schnelllebiger werdenden Operngewerbe eine Zukunft haben kann. In Mannheim ist das sicher so.

Demnächst wird das historische Bühnenbild dieser Inszenierung generalüberholt und erneuert. Und so dürfte diese Inszenierung noch viele Jahre weiter leben. Auf dass weiterhin Karfreitag die große Wagner-Gemeinde nach Mannheim reist. Und man wird in Mannheim wohl zusätzlich überlegen, ob man nicht zwischenzeitlich mal einen anderen „Zweit-Parsifal“ als zeitweise Alternative ins Auge fassen will. Damit hätte das Mannheimer Haus ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.

Nationaltheater Mannheim
Wagner: Parsifal

Ausführende: Alexander Soddy (Leitung), Hans Schüler (Regie), Paul Walter (Bühne), Gerda Schulte (Kostüme), Thomas Berau, Sung Ha, Will Hartmann, Joachim Goltz, Heike Wessels

Weitere Vorstellungen am 14.4., 4. & 15.6. und wieder rund um die Karfreitage der nächsten Jahre

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