Opern-Kritik: Oper Frankfurt – Il trovatore

Die Macht des Gesangs

(Frankfurt am Main, 10.9.2017) Regisseur David Bösch gelingen trotz Leerlaufs in der Personenregie schöne, zeichenhafte Bilder

„Il trovatore“ an der Oper Frankfurt © Barbara Aumüller

„Il trovatore“ an der Oper Frankfurt

Die sehr ungewöhnliche, von vielen Opernexperten heute oft abwertend betrachtete Dramaturgie von Verdis „Il trovatore“ – gewaltige Spannungsbögen bei kaum vermittelbarem Handlungsbogen – verlangt vom Regisseur vor allem sensibles Sich-Einlassen auf Stoff und Musik. Und so geht David Bösch denn auch sehr behutsam zu Werke auf Patrick Bannwarts gerümpelloser Bühne. Bei dem Versuch, die Naivität der Figuren zu erfassen, gelingen schöne, klare, im besten Fall zeichenhafte Bilder, unterstützt durch angenehm spielerische Animationsfilmelemente im Hintergrund. Wirklich überzeugend gerät die Idee, Manricos Zigeuner-Armee als durchgeknallte Schaustellertruppe zu zeigen, die am liebsten mit dem Messer arbeitet.

Maschinengewehrgefuchtel – Regietheater-Stereotypen

Dass der Abend trotzdem immer wieder mal momentweise leer wirkt, liegt an einem erheblichen Mangel an Personenführung. Offensichtlich vermag hier das Regiehandwerk mit der stimmigen Sichtweise nicht Schritt zu halten. So versinkt die Inszenierung immer wieder in abgebrauchten Regietheater-Stereotypen, werden etwa die Kriegsgräuel zum gefühlt 200sten Mal auf der Opernbühne durch dumpfes Maschinengewehrgefuchtel und scheinrealistische sadistische Quälereien von Gefangenen verwaltet. Dazu werden Hände gerungen und an die Stirnen gelegt wie in der seligen Nachkriegszeit. Der Graf Luna etwa hat durchgängig im Einheitstempo zu schreiten und wirkt, zumal in seinem weiten, mit Orden sinnfrei behängten Mantel, ungemein behäbig.

„Il trovatore“ an der Oper Frankfurt

Marianne Cornetti (Azucena) und Kihwan Sim (Ferrando), Chor und Statisterie © Barbara Aumüller

Dass wir hier den Plotter vor uns haben, der durch pathologische Wut und verzweifelte Liebe die Opernhandlung in Gang hält, glauben wir in keinem Moment. Brian Mulligan hat die Höhe und die dunkle Baritonfarbe für die schwer zu singende Partie. Das Ausdrucksvermögen und Darstellertalent hat er eigentlich auch, wie in anderen Frankfurter Produktionen eindeutig bewiesen, eine eigenständige Phrasierung kann man vielleicht am Abend des Rollendebuts noch nicht erwarten.

Singende Menschen

Womit wir bei den Sängern wären, die im „Trovatore“ bekanntermaßen außerordentlich gefordert sind. Frankfurt kann mit Sicherheit nicht die von Enrico Caruso in seinem berühmten Bonmot geforderten „vier besten Sänger der Welt“ aufbieten, aber was dieser Abend ist, das ist er in erster Linie durch Gesang. Piero Pretti hat keine umwerfend attraktive Tenorstimme, aber er weiß sie zu gebrauchen, phrasiert wunderbar auf dem Atem und setzt tragende Piani, wo immer sie möglich und dramatisch sinnvoll sind. Als Vorstadtstrizzi gewandet, kommt er zudem mit angenehm krausem Charme daher. Und in der Liebesarie „Ah si ben mio“ tritt uns tatsächlich, auf nahezu rührende Weise, ein Mensch entgegen.

Orchestrale Verdi-Zartheit

Das Objekt dieser Liebe, Leonora, ist die szenisch am stärksten gestaltete Figur der Produktion und die einzige, die eine Entwicklung nachvollziehbar macht. Elza van den Heever überzeugt als verliebter Backfisch wie als reifende Liebende und vermag auch Leonoras Selbstopfer darstellerisch zu beglaubigen. Sängerisch kommt sie, trotz gelegentlich leicht flackernder Mittellage, einem Ideal sehr nahe und fühlt sich hörbar in den virtuosen Belcanto-Passagen genauso zu Hause wie in den romantisch eruptiven Gefühlsausbrüchen.

„Il trovatore“ an der Oper Frankfurt

Piero Pretti (Manrico), Elza van den Heever (Leonora) und Brian Mulligan (Conte di Luna) © Barbara Aumüller

Marianne Cornetti ist erst zur Generalprobe für die erkrankte Tanja Ariane Baumgartner eingesprungen. Ihre gewaltigen, virtuos gehandhabten stimmlichen Mittel beeindrucken stark, ihr Spiel wirkt, wohl Umstände halber, routiniert. Begeistern tut dafür der Frankfurter Opernchor, der den berühmten Zigeunerchor ohne jede Knalligkeit als faszinierende lyrische Idylle präsentiert. Jader Bignamini und das vorzügliche Museumsorchester musizieren zügig und geschmeidig mit überraschend vielen weichen, fast zarten Stellen. Sicher kein perfekter, sicher aber auch kein verlorener Abend.

Oper Frankfurt
Verdi: Il trovatore

Ausführende: Jader Bignamini (Leitung), David Bösch (Regie), Patrick Bannwart (Bühne), Meentje Nielsen (Kostüme), Tilman Michael (Chor), Piero Pretti, Elza van den Hever, Brian Mulligan, Marianne Cornetti, Kihwan Sim, Alison King, Theo Lebow, Chor der Oper Frankfurt, Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Termine: 10.9. (Premiere), 14., 17., 23. & 30.9., 3. & 7.10., 15., 23., 25. & 31.12.2017, 6., 10. & 13.1.2018

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