Opern-Kritik: Oper Halle – Fidelio

Wohlfühlstrafvollzug

(Halle, 15.9.2017) Von wegen laue Betroffenheit: Florian Lutz demaskiert Belanglosigkeit durch überspitze Paraphrase

Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle © Falk Wenzel

Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle

Soviel ist sicher: In die „Fidelio“-Aufführungsgeschichte meißelt sich dieser Start der zweiten Spielzeit von Florian Lutz ein. Eisenhart. Hier gibt es das Postulat der Freiheit, für das Beethovens Oper in der Nachkriegszeit stand, nicht und ebenso wenig die mit dem Prinzip Hoffnung aufgeladene zweifelhafte Befreiung des Staatsgefangenen Florestan. Die intelligenten Eingriffe des Hausherren Florian Lutz sind auch ein Statement gegen die aktuelle Krisensituation der Hallenser Spartenleiter mit dem neuen Geschäftsführer Stefan Rosinski, dessen lückenhafte Kommunikation sie vor der Sommerpause in einem Schreiben an die Stadt kritisierten. Der immense Spardruck mit der verordneten Schrumpfung des Stellenplans wirkt auf die Bildsprache der Inszenierung ein. Die Premierenbesucher reagierten mit heftigen Buhs und Bravi.

Freiheitsdiskurse statt Freiheitsoper

Geschmäcklerisch anders beginnt der Abend. Denn auch in seiner Glanzzeit hätte Jean-Pierre Ponnelle für den dekorativen Ästhetizismus einer barocken Kerkerhalle in einem ethisch aufgeladenen Opus wie „Fidelio“ Schelte durch das Feuilleton bekommen. Hier sieht man in Halle komische Opernschmiere pur mit der pfiffig verrostete Skelette abstaubenden Marzelline und dem etwas tölpeligen Jacquino. Die ersten dreißig Minuten sind eine absichtlich grobe Paraphrase der an über vierzig Opernhäusern gespielten „Cenerentola“-Inszenierung Ponnelles. Davor schlüpft die große Dame Leonore von der schweren Rokokorobe in den goldenen Gehrock – da denkt man an Ponnelles „Idomeneo“. Ein Blick auf die „historische“ Karte zeigt: Pizarros Staatsgefängnis liegt im Westen von Halle. Null originale Dialoge, dafür palavert ein verzopft-pomadiger Sprecher (Till Voss ist später auch der zweite Gefangene) vom Screen gegen den „Wohlfühlstrafvollzug“. Optimierungsvorgaben im allerschönsten Wahlkampfjargon rieseln von seinen Lippen und Aufforderungen zum Ende des „narzisstischen Stadttheaters“ als „Versorgungsbetrieb“.

Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle

Szene aus Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle © Detlef Kurth

Dann der radikale Kostümwechsel: Aus Don Pizarros parfümiertem Gefolge werden Funktionärsbonzen wie die Arbeitsagentur auf Bildungsexkursion. Jacquino macht auf DHL-Jobber, Marzelline auf Facility-Hostess, und die als TV-Narzisten aus „Bares für Rares“ brillierenden Edelstatisten der Oper Halle verhökern Requisiten. Das „Freiheitsbühnenfestspiel“ schippert erst gekonnt dümmlich dahin und gleitet dann ins postrevolutionäre Agitprop. Das alles ist ein neues Kapitel in der Archäologie berühmter Operninszenierungen: Die überspitze Paraphrase demaskiert die Belanglosigkeit!

Böses aus der Intendanz Ballermann

Nach einer fulminanten Technikshow mit Drehung zeigt sich unter dem mondbeglänzten Kerker, den Martin Miotk keineswegs erfunden, sondern trefflich imitiert hat, keine modrige Einzelzelle, sondern das Hallenser Intendantenbüro mit allem Drum und Dran. Florestan ist gleich Regisseur Florian Lutz mit den Doubles seines Leitungstriumvirats, Veit Güssow und Michael von zur Mühlen. Andy Besuch hatte für seine jetzt naturalistischen Kostüm-Kreationen die personellen Originale ja Tag für Tag vor Augen. Der „Engel Leonore“ alias Fidelio knallt in der berühmten Pose von Beethovens Primadonna Wilhelmine Schröder-Devrient alle ab.

Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle

Szene aus Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle © Falk Wenzel

Vor dem Finale gibt es Video-Interviews mit Hallenser Bürgern über ihre Visionen zum Leben in Freiheit. Diese überlagern den immer wieder von langen Generalpausen unterbrochenen Jubelschluss. Aus dem Parkett ruft es: „Wir wollen Musik hören.“. Beim Schlussapplaus entzweit sich das Publikum in laute Zustimmung und genauso lautstarkes Missfallen.

Hallenser Frühling

Florian Lutz landet hier erneut einen kräftigen Coup. Die Konsequenz, mit der er das Kopf-an-Kopf-Rennen des Opernhauses von Halle mit jenem in Weimar um die intellektuelle Spitzenposition vor den meisten anderen mitteldeutschen Musiktheatern beschleunigt, hat es in sich. Das verdient in seiner streitbaren Haltung den Respekt auch seiner Gegner. Narzistische Selbstgefälligkeit ist nicht zu vermuten, denn Florian Lutz steckt mit dieser Inszenierung den eigenen Kopf in die Mäuler der lokalen Politiklöwen. In den Texten zeigt er einen Witz, der hoffentlich mehr ideelle Rendite abwirft als publikumskompatible Larmoyanz. Dass am Ende einmal mehr ein Video-Designer, Iwo Kurze, noch vor der Primadonna der Star des Abends ist, mag noch angehen. Doch ein derart ambitioniertes Projekt gewinnt auch Bedeutung durch die richtige Balance mit der Musik, weniger durch das imperialistische Übergewicht der Szene vor der Partitur.

Müdes Musizieren

Die ersten wirklich konturierten Klänge der Staatskapelle Halle gab es am Premierenabend erst im Vorspiel zum letzten Finale, also eindeutig zu spät. Davor vernebeln zu dichte Instrumentalgruppen die musikalischen Strukturen. Dieser Wohlfühlklang passt sehr wohl zum opulenten Kerkerdekor. Die Musiker agieren aber weder mit den Geistesblitzen der Szene, noch leuchtet aus ihrem Spiel der ersehnte Hoffnungsschein. Da versteht sich Christoph Sprenger am Pult vielleicht sogar als Streikführer gegen die Inszenierung.

Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle

Szene aus Beethovens „Fidelio“ an der Oper Halle © Falk Wenzel

Die Sänger haben deshalb ein ganz schweres Amt. Anke Berndt und Ines Lex sind durch ihre vorherigen Partien bestens für die Herausforderungen legitimiert. An unverschuldeten Präzisionsdefiziten von Marzelline und mangelnder Tempo-Sensibilität in der höllisch schweren Leonore-Arie tragen nicht sie die Schuld. Am besten schlagen sich in diesen flächigen Klängen die Tenöre Robert Sellier und Hans-Georg Priese (Florian/Florestan), der trotz der Heiterkeitsschübe über die geklonte Theater-Chefetage alle Töne beeindruckend schafft. Die tiefen Stimmen und der Chor haben das Nachsehen, was im Falle von Gerd Vogels Pizarro und Ki-Hyun Parks Fernando zu bedauern ist. Durch den Strich des Terzetts im ersten Akt (auch der Marsch fehlt in Halle) und der Dialoge verliert Vladislav Solodyagin als Rocco nahezu alle Möglichkeiten zur Profilierung.

Trotz dieser Einwände zeichnet sich etwas sehr Erfreuliches ab: In nur einem Jahr schaffte es die neue Hallenser Opernleitung mit ihrem aktiven Ensemble, dass man von dort Außerordentliches erwartet. Die Oper Halle fordert Gefühl und Intellekt ihrer Besucher heraus. Ist dieser Akkord nicht einer der schönsten Beweggründe für Theaterbesuche überhaupt?

Oper Halle
Beethoven: Fidelio

Ausführende: Christopher Sprenger (Leitung), Florian Lutz (Regie), Martin Miotk (Bühne), Andy Besuch (Kostüme), Iwo Kurze (Video), Rustam Samedov (Chor), Anke Berndt (Leonore), Hans-Georg Priese (Florestan), Vladislav Solodyagin (Rocco), Gerd Vogel (Don Pizarro), Ines Lex (Marzelline), Robert Sellier (Jacquino), Ki-Hyun Park (Don Fernando), Chor, Extrachor und Statisterie der Oper Halle, Staatskapelle Halle

Termine: 15.9. (Premiere), 24.9., 22. & 28.10., 15.11., 9. & 25.12.2017, 5. & 14.1.2018

3 Antworten zu “Wohlfühlstrafvollzug”

  1. Jan Herrmann sagt:

    Ja, diese Inszenierung ist kein Skandal, sie ist einfach genial.

  2. A.K. sagt:

    Für meine Begriffe geht das Konzept der Regie für den unvorbereiteten und von außerhalb stammenden Besucher nicht auf. Der viele Klamauk (Verhökern der Requisiten bei Händlern, die 1:1 den Figuren einer Fernsehshow nachempfunden sind und die dabei ständig in hektischer Bewegung befindlichen Sänger des Opernchores) lenkt genauso wie die ewig dauernden Interviews Hallenser Bürger auf der Videoleinwandtotal von der Musik ab, sodass dem geneigten Besucher die Solisten und Choristen schon Leid tun.
    Genauso nervig und ablenkend ist das die Ouvertüre überdeckende Eingangsvideo und geradezu peinlich, dass Leonore auch noch „Florestan“ mehrfach tonlos haucht.
    In einer Zeit, in der wir mit Bildern ständig überschüttet werden, wäre weniger mehr gewesen.
    Es ist zwar förderlich, die nicht sehr lebensnahen und meist von Sängern auch nicht sehr überzeugend dargebotenen Textpassagen zwischen den Musiknummern zu umschiffen, aber die äußerst langen Videoeinspiele mit den kulturpolitischen Reden des Pizarro bringen gähnende Löcher in den Opernablauf, und der Besucher beginnt sich zu langweilen.
    Muss man die innerbetrieblichen Querelen ausgerechnet mit Beethovens Freiheitsoper auf die Bühne bringen und was soll es bringen außer Provokation, die trotzdem nicht zu einer Etaterhöhnung für die Bühnen der Stadt Halle führen wird.
    Mich hätte eine neue Lesart für Beethovens einzige Oper sehr interessiert, aber diese Hallenser Abrechnungsoper hat mich leider nicht überzeugen können.

  3. Kunze, Gerti sagt:

    Ein Bravo für Florian Lutz! Eine gewagte, aber überzeugende Inszenierung nach allen Rezensionen, die ich gelesen habe.
    Erinnerungen an die Norma in Bonn werden wach!
    Viele liebe Grüße an Florian Lutz und Christoph Sprenger aus Bonn

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