Opern-Kritik: Oper Leipzig – Cinq-Mars (Der Rebell des Königs)

Das Leben ist (k)ein Schäferspiel

(Leipzig, 27.5.2017) Melodiensatt und erlesen: Gounod-Wiederentdeckung mit Suchtfaktor

Cinq-Mars/Oper Leipzig © Tom Schulze

Szenenbild aus "Cinq-Mars"

Aus heutiger Perspektive war es bisher nicht ganz verständlich, dass zur Eröffnung des Suezkanals als Komponist neben Verdi (mit dem Ergebnis „Aida“) oder Wagner noch der Franzose Charles Gounod in die engste Auswahl gekommen war. Durch die erste szenische Produktion von „Cinq-Mars“ nach 140 Jahren an der Oper Leipzig weiß man jetzt wieder, warum. Diese Mantel- und Degenoper hat ein musikalisches Format auf gleicher Höhe wie Gounods Repertoire-Hits „Faust“, „Roméo et Juliette“ oder seine „Mireille“. Zum Symposium am Premierentag erörterte man die Handicaps der Uraufführung am 5. April 1877 an der Pariser Opéra-comique und Gründe für die ausgebremste Verbreitung dieser Oper: Das waren vor allem eine unzureichende Besetzung und die damit einhergehenden Schwierigkeiten bei der Umwandlung von Alfred de Vignys gleichnamigem Roman (1836) in das Textbuch von Paul Poirson und Louis Gallet. Der von Kardinal Richelieu forcierte Aufstieg des Adeligen Marquis Henri de Cinq-Mars zum Günstling des (historisch verbürgt schwulen) Königs Louis XIII. von Frankreich, dessen Sturz und Hinrichtung am 12. September 1642 in Lyon beruhen auf realen Begebenheiten.

Späte Sensation eines erfolgsverwöhnten Komponisten

Leipzigs Intendant Ulf Schirmer stand nicht am Pult zur Premiere wie noch zur auf CD veröffentlichten Konzertaufführung des Münchner Rundfunkorchesters 2015. Mitgebracht hat er aber den sensationellen Tenor Mathias Vidal in der Titelrolle sowie die Kontakte zu Stiftung und Wissenschaftszentrum Bru Zane, der weltweit ersten Adresse zur Edition und Wiederaufführung französischer Opernschätze des 19. Jahrhunderts. Nach Ulf Schirmers neuer CD von Benjamin Godards Oper „Dante“ aus München denkt man auch an der Oper Leipzig an eine Fortsetzung der Zusammenarbeit.

Anthony Pilavachi wuchtet die volle Opulenz und Pracht auf die Bühne

Szenenbild aus "Cinq-Mars"

Cinq-Mars/Oper Leipzig © Tom Schulze

Längst weiß man, dass französische Oper oft ganz besonders fachkundiger Pflege bedarf, um luxurierend zu glänzen statt matt zu verglühen. An der Oper Leipzig wurde nirgends gespart, um das Juwel „Cinq-Mars“ angemessen auszustellen. Anthony PiIavachi, der sich schon lange für dieses Werk begeisterte, wuchtet tatsächlich die volle Opulenz und Pracht auf die Bühne. Père Joseph, Werkzeug des als Figur nicht vorgesehenen machiavellistischen Kardinals Richelieu, trägt die Handschuhe im gleichen Rot wie die Hofcouture des Königs. Auf gemalten Prospekten sieht man im schillernden Mix der Epochen Ornamentik à la Versailles in perspektivischer Verfremdung à la Piranesi. Das perfide Machtspiel, mit dem die von Cinq-Mars geliebte Marie de Gonzague dem König von Polen als Gemahlin zugespielt und er deshalb als ihr heimlicher Gemahl als Anführer einer Verschwörung enthauptet wird, nimmt in einem Wald mit Blätterdach wie für romantisches Ballett den abgeschmackt bösen Lauf. Und eine achtköpfige Sondertruppe des Leipziger Balletts hat reichlich zu tun in einem lüsternen, fein ironisierten Schäferspiel. Das veranstalten die Kurtisanen Marion Delorme und Ninon de Lenclos als höfisches Pläsir für ihre in Goldwämser verpackten Galane. Dieses intrigante Rudel höfischer Hermaphroditen wehrt sich mit allen Mitteln gegen die geplante Verbannung seiner beiden erotischen Sterne. Einmal mehr zeigt der leider scheidende Chordirektor Alessandro Zuppardo sein Stilgefühl und Können für das romanische Repertoire, der Chor der Oper Leipzig agiert durchweg schlank und mit hochrangiger Akkuratesse.

Neue Linie an der Oper Leipzig

Ohne Zweifel: Die Oper Leipzig bricht hier erstmals seit Jahren mit ihrer Linie von geradlinigem Kernrepertoire, populärer Regionaltradition und ihrem kalkuliert publikumsnahen Gefälligkeitsstreben. Trotz kleiner Abstriche gerät das Ergebnis glänzend. Auch zur zweiten Vorstellung ist das Auditorium sehr gut gefüllt und der Applaus fast ebenso groß wie zur Premiere. Die Riesenfreude über diese Entdeckung zeigt sich daran, dass man die in ihren Roben angemessen stilvoll leidende Fabienne Conrad laut bejubelt, obwohl ihr im Piano so kultivierter Sopran an die Grenzen der von Marie geforderten Durchschlagskraft kommt. Solidarisch lockt David Reiland das allzeit gepflegte Gewandhausorchester gegen Ende immer weniger aus der Reserve.

Klarinette konkurriert mit Stimmen

Zu Beginn des Abends staunt man allerdings bewundernd darüber, dass mit dem ersten Takt alles da ist, was Gounod in seiner Partitur an Schönheit und dunklem Luxus, ariosem Leuchten und dem im Grand Divertissement koloristischen Barockgefunkel entfaltet. Die Klarinette wird neben den Solisten zur musikalischen Hauptrolle, über den Streichern gibt es ein schier unbegrenztes Spiel der instrumentalen Leuchtfarben. Gounods Partitur verführt durch eine sogar für die Raffinesse des fortgeschrittenen 19. Jahrhunderts außergewöhnliche Reichhaltigkeit.

Szenenbild aus "Cinq-Mars"

Cinq-Mars/Oper Leipzig © Tom Schulze

Cinq-Mars verheddert sich wie Don Carlos

Dieses Werk der Reife und sogar Überreife zeigt, wie sich die Genres der Grand Opéra und der Opéra-comique nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 zunehmend annähern. Nur ganz wenige Dialogstellen gibt es, auch nur noch wenige Rezitative, dafür verschmelzen ariose Strukturen und die Vielzahl starker Melodien. Anthony Pilavachi weiß, dass man beim Freundschaftsbund von Cinq-Mars und Conseiller de Thou an Verdis „Don Carlos“ denkt und beim höchst wirksamen Kurtisanen-Geklingel Massenets ebenso apart kolorierte „Cendrillon“ im Ohr hat. Überhaupt steht Gounod hier Massenet so nahe wie sonst nie. Die Arrangements und Tableaus spiegeln tatsächlich das Genre des Mantel- und Degenfilms. Doch nur Mathias Vidal im Titelpart hat tatsächlich etwas vom Esprit und der gewieften Bewegtheit etwa wie jener Jean-Paul Belmondos in „Fanfan der Husar“. Ihm nimmt man tatsächlich die Unbedenklichkeit ab, vor deren Folgen ihn sein liebender Freund Conseiller zu bewahren versucht. Dieser Posa-artige Part ist eine großartige Glanztat von Jonathan Michie, der durch lange Pausen leider immer wieder aus dem Fokus gerät und erst in der Kerkerszene kurz vor der Hinrichtung in seiner der Primadonna ebenbürtigen Bedeutung erkennbar wird. Charismatischen Glanz haben die beiden Kurtisanen vor allem durch ihre pastellenen großen Toiletten. Danae Kontora legt in die Bravour-Ariette des Schäferspiels mehr Präzision als prickelnd-laszive Koketterie.

Ein Abend zum Schwelgen und Dahinschmelzen

Szenenbild aus "Cinq-Mars"

Cinq-Mars/Oper Leipzig © Tom Schulze

Insgesamt ist das ein Abend zum Schwelgen und Dahinschmelzen. Und es ist vor allem die wunderbare Musik Gounods, die einige dramaturgische Gelenkschwächen dieser Oper locker überspielt, etwa die zu kurze Präsenz der mächtigen Gegner von Cinq-Mars, also des Königs und des Kardinals. Die Oper Leipzig hat endlich einen großen Wurf, ausgerechnet indem sie ein Inszenierungsgenre reanimiert, das neben „Brit-Pop“ und „German Trash“ hierzulande eher schamhaft gemieden wird. Das Blendende, Verführerische, Künstliche dieses Operntyps hatte bereits viele Kritiker auf den Plan gerufen. Und trotzdem Hand auf’s Herz: Wer kann sich dem zärtlichen Zauber, dem Sinnenreiz und auch dem betörenden Erotizismus Gounods entziehen? Mit den weißen Wänden Markus Meyers um die Goldrahmen und seinen szenenweise arg kapriziösen Kostümen zeigt die Oper Leipzig so etwas wie aufklärerisches Maßhalten zum Schutz ihres Publikums vor dem sonst allzu entgrenzten Opernzauber Gounods. Diese Entdeckung würde sonst ganz und gar zum virtuellen Suchtmittel.

Oper Leipzig
Gounod: Cinq-Mars

David Reiland (Leitung), Anthony Pilavachi (Regie), Julia Grunwald (Choreographie), Markus Meyer (Bühne und Kostüme), Alessandro Zuppardo (Chor), Mathias Vidal (Marquis de Cinq-Mars), Fabienne Conrad (Prinzessin Marie de Gonzague), Danae Kontora (Marion Delorme), Sandra Maxheimer (Ninon de L’Enclos/Ein Schäfer), Jeffery Krueger (De Montmort / Der polnische Botschafter), Jonathan Michie (Conceiller de Thou), Sébastien Soule (Vicomte de Fontralles), Mark Schnaible (Pater Joseph), Randall Jakobsh (Der König von Frankreich), Jean-Baptiste Mouret (Eustache), Joshua Morris (De Montrésor), Artur Mateusz Garbas (De Brienne), Opernchor, Leipziger Ballett, Gewandhausorchester

Termine: 27.5. (Premiere), 11.6., 20.1., 11.2., 11.3.2018

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