Opern-Kritik: Oper Leipzig – Der Freischütz

Traditionelle Optik, heutiger Blick

(Leipzig, 4.3.2017) Regisseur Christian von Götz schafft in seiner Sicht auf von Webers immergrüne Waldesromantik das scheinbar Unmögliche

Der Freischütz/Oper Leipzig © Ida Zenner

Szenenbild aus "Der Freischütz"

Nach wie vor ist „Der Freischütz“ ein Lieblingsstück des deutschen Opernpublikums, was vor allem der im Doppelsinn romantischen Atmosphäre und der geradezu volksliedhaft eingängigen Melodik geschuldet ist. Gerade diese, aus heutiger Sicht für viele Menschen naiv anmutende Grundierung lässt aber – im Zusammenspiel mit etlichen größeren und kleineren Absurditäten und Unwahrscheinlichkeiten des Librettos und den ausufernden Dialogen – eine packende und stimmige Wiedergabe dieses in der Musiktheatergeschichte allein dastehenden Werkes zu einer nahezu unmöglichen Aufgabe werden. Dem Regisseur Christian von Götz ist jetzt in Leipzig genau das gelungen.

Die Ängste, die verdrängte Schuld, die Abgründe einer erstarrten Männergesellschaft

Szenenbild aus "Der Freischütz"

Max (Thomas Mohr), Samiel (Verena Hierholzer) und Kaspar (Tuomas Pursio) © Ida Zenner

Mit vielen eigenwilligen, erkennbar aus Partitur und Libretto entwickelten Details schließt er bewusst an die Aufführungstradition an und kultiviert doch einen ganz eigenen, heutigen Blick. In dessen Mittelpunkt steht Samiel, hier eine Kindfrau als Gefäß für die Ängste, die verdrängte Schuld, die Abgründe einer in billigen Ritualen erstarrten Männergesellschaft. Oft steht die ungemein ausstrahlungsstarke Tänzerin Verena Hierholzer von allen unbemerkt auf einer Fensterbank des von Dieter Richter als Hauptspielort der Handlung erdachten trutzigen Gasthauses, das mittels eines großen Spiegels und einer ein wenig dürftigen Baumwurzellandschaft auch zur Wolfsschlucht mutiert – und betrachtet alles mit geradezu fühlbarer Wut und noch stärkerer Verlorenheit. Immer wieder durchmisst sie langsam den Raum, taucht überraschend irgendwo auf und trägt mit dem Jägerburschen Kaspar eine Art das ganze Stück überspannenden Privatkrieg aus.

Zwischen Thriller und absurdem Theater

Tuomas Pursio gelingt mit elastischem, dunkel schimmerndem Heldenbariton eine außergewöhnliche Figur, ein attraktiver Kraftkerl mit wildisch ungewaschenem Charme und gleichzeitig ein haltloses, nach allem Möglichen süchtiges, ungeheuer einsames Kriegswrack. Im Gegensatz zu vielen anderen Inszenierungen versteht man nur zu gut, warum Agathe ihn früher einmal Max deutlich vorgezogen hat. Den wiederum zeigt Thomas Mohr mit feiner Selbstironie, klarer Höhe und sensationellem, tragfähigen Piano als frühalten Wirrkopf, in dessen Hand ein Gewehr schlicht und ergreifend fehlplatziert ist. Auch die Nebenrollen, voran Runi Brattabergs fast monströs sonorer Eremit, Jonathan Michies lakonischer Ottokar und Patrick Vogels ungewohnt eleganter und schönstimmiger Kilian, sind außergewöhnlich prägnant erfasst, auch und gerade in den Dialogen, die generell teilweise gutes Sprechtheaterniveau erreichen, was bekanntermaßen eigentlich eine Unmöglichkeit auf der Opernbühne ist. Mehrere Szenen des von Jessica Karge so konventionell wie stimmig in Trachtenähnliches gewandeten, sehr spielfreudigen, auch musikalisch hervorragenden Chores entwickelt von Götz aus eingefrorenen Tableaus, die Zugnummern des Stückes, den Jungfrauen- und den Jägerchor, formt er zu witzig entspannten Kabinettstückchen. Das Finale pendelt mitreißend zwischen Thriller und absurdem Theater.

Szenenbild aus "Der Freischütz"

Ännchen (Magdalena Hinterdobler), Agathe (Gal James) und Samiel (Verena Hierzolzer) © Ida Zenner

Eine handwerklich bestechende Produktion

Christoph Gedschold steuert mit dem Gewandhausorchester einen brillant gestaffelten, transparenten Klang bei und präpariert immer wieder das Bühnengeschehen auslösende, kommentierende oder konterkarierende Einzelstimmen heraus. Allerdings wählt er seine Tempi oft derart breit, lässt er die Generalpausen derart lange stehen, zelebriert er „schöne Stellen“ so deutlich, dass der an sich mitreißende Abend mehrfach seinen Fluss zu verlieren droht und Gal James als Agathe mit ihrer großen, bekannt schweren Arie erheblich mehr zu kämpfen hat, als eigentlich nötig wäre. Dennoch ist der Oper Leipzig mit diesem „Freischütz“, der frisch in den Lehrplan der sächsischen Gymnasien aufgenommen wurde und daher in den nächsten Jahren zumindest in diesem Bundesland wohl häufig zu sehen sein wird, eine außergewöhnliche, handwerklich bestechende Produktion gelungen.

Oper Leipzig
Weber: Der Freischütz

Christoph Gedschold (Leitung), Christian von Götz (Regie), Dieter Richter (Bühne), Jessica Karge (Kostüme), Alexander Stessinn (Chor), Gal James (Agathe), Thomas Mohr (Max), Tuomas Pursio (Kaspar), Magdalena Hinterdobler (Ännchen), Verena Hierholzer (Samiel), Jürgen Kurth (Kuno), Runi Brattaberg (Eremit), Jonathan Michie (Ottokar), Patrick Vogel (Killian), Chor der Oper Leipzig, Gewandhausorchester Leipzig

Termine: 4.3. (Premiere), 18.3., 30.4. & 10.6.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *