Opern-Kritik: Oper Stuttgart – Medea

Sex mit der Ex

(Stuttgart, 8.12.2017) Ein immer noch streitlustiger Peter Konwitschny entdeckt die Aktualität des Mythos, Alejo Pérez ist Cherubini musikalisch stilsicher auf der Spur

Medea/Oper Stuttgart © Thomas Aurin

Szenenbild aus "Medea"

Ist sie Täterin oder Opfer? Kindsmörderin mit egozentrisch verhärteter Seele oder ihre weibliches Gefühl absolut setzende, letztlich herzerweichende Terroristin der Liebe? Medea taugt trefflich zur Projektion von Frauenbildern einer jeden Zeit. Das ist eben der Vorteil des Mythos: Seine allgemeingültige Offenheit fordert immer wieder zu Lesarten heraus, die wenig mit der Antike, aber viel mit der Gegenwart zu tun haben. Das wusste Mythenklempner Richard Wagner. Und das trifft schon auf Luigi Cherubinis im Nachgang der Französischen Revolution erdachter „Medea“ nicht minder genau zu.

Geld ist unser Gott

Peter Konwitschny nutzt das Stück denn auch zu einer gnadenloses Abrechnung mit den Umbrüchen und Verwerfungen des Hier und Jetzt. Gott ist tot, hat allenfalls in der Ersatzreligion Geld überlebt. Der Kapitalismus bestimmt das nutzenmaximierte Miteinander der Geschlechter – Jason muss seine neue, die Mutter seiner Kinder ablösende Liebe gar nicht wirklich lieben, es reicht ihm, durch die Verbindung mit Königstochter Kreusa erfolgreich Asyl im fremden Land zu erhalten. Das Patriarchat ist an allem weiteren Mist dieser bösen Welt schuld, es versklavt, versachlicht, missbraucht nicht nur die Frauen, es zerstört nebenbei auch noch die Umwelt: Der den Bühnenhintergrund zierende Müllberg ist Zeichen dafür, dass die allzu lange Herrschaft der Männer diesem Globus womöglich bald den Garaus machen könnte. Zuletzt stiftet die Ausgrenzung von Ausländern – Medea und ihre Amme Neris gehören in Korinth des Königs Kreon (der massenwirksam Dekrete unterzeichnet wie der aktuelle amerikanische Präsident) zu dieser Spezies der Fremden – allerhand Unfrieden. Die Stuttgarter Chorherren als veritable Wutbürger machen das durchaus plakativ deutlich.

Szenenbild aus "Medea"

Medea/Oper Stuttgart © Thomas Aurin

Deutsche Fassung und kluge Verdichtung

Konwitschnys kritischer Geist ist omnipräsent an diesem Cherubini geschickt verdichtenden (will sagen: auch behutsam zurechtgeschnittenen) Abend, für den Bettina Bartz und Werner Hintze die originale Opéra Comique ins Deutsche übertragen und eine – statt der heute oft üblichen, aber nachkomponierten Rezitativfassung – in dezidiert heutige Sprache gefasste Dialogversion erstellt haben, die uns das Geschehen sehr selbstverständlich nahe rückt. Wer Konwitschnys Hamburger Ära noch in bester Erinnerung hat, wird in der Umsetzung freilich so manche Regieeinfälle von der Resterampe wiedersehen. Wo Elsa einst im fliegenden Klassenzimmer des „Lohengrin“ aus dem Wandschrank auftauchte, verschwindet nun Jasons Neue darin. Oder die Müllhalde, sie ist der psychologisch genialischen Anverwandlung von Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ entliehen. Es gibt eben Themen, die treiben diesen großen Regisseur schon länger um, und er projiziert sie gern auf Werke, denen das mal mehr oder auch mal weniger gut tut.

Absolute Liebe oder vernichtende Rache

In diesem Falle halten sich Soll und Haben in etwa die Wage. Wobei fraglos ein aufregender, regie-handwerklich fantastischer Abend entstanden ist. Nur welche Folgen hat Konwitschny Stückbefragung am Ende für die Titelfigur? Cornelia Ptassek singt und spielt sie in Stuttgart mit der ihr eigenen Lust am sängerdarstellerischen Grenzgang. Man wünscht der mutigen, hoch intensiven Sopranistin, dass sie ihren Totaleinsatz noch lange durchhalten möge und nicht mit vorzeitigem Stimmverschleiß bezahlen muss. Grandios gestaltet Ptassek die enttäuschte Frau, die mehrfach Heimatlose, deren Gefühlstotalität nur die Extreme kennt: absolute Liebe oder vernichtende Rache. Diese Medea kommt von Jason, den Sebastian Kohlhepp gar nicht mal so unsympathisch mit seinem herrlichen Taminotenor ausstattet, einfach nicht los, sie reist ihm nach, will ihn mit allen Mitteln zurück.

Szenenbild aus "Medea"

Medea/Oper Stuttgart © Thomas Aurin

In ihrem finalen Duett kommt es dann zum Sex mit der Ex, Medeas Textzeile „Dieser Abschied ist hart“ erhält so ungeahnten Doppelsinn. Doch ein echtes Zurück gibt es nicht. Medea tötet ihre Kinder, wird hernach von Kreons Mob niedergemetzelt. Ein Akt der Emanzipation sieht anders aus. Deutlich gelingt die Umwertung von der Täterin zum Opfer. Doch ein Zeichen des Neuen oder Freien setzt diese Erniedrigte nicht in die Welt. Das hier portraitierte Frauenbild bleibt erstaunlich konventionell.

Der argentinische Dirigent Alejo Pérez erspürt jede Pore der Partitur

Dafür erspürt Alejo Pérez mit dem Staatsorchester Stuttgart jede Pore der Partitur. Mit unglaublichem stilistischen Gespür trifft der Argentinier, hochgradig historisch informiert, Cherubinis Ton und folgt helllsichtig dem Woher und Wohin dieser Partitur, die zumal das Innenleben de Medea enorm psychologisch ausdeutet. Beethovens Singspiel- und Biedermeierton des ersten „Fidelio“-Akts ist dabei so unüberhörbar wie frühe Anklänge an Wagners „Der fliegende Holländer“ oder Webers „Der Freischütz“. Das Herkommen von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ ist nicht minder ohrenfällig. Die Wahl der deutschen Sprache schärft diese Bezüge sogar noch, die Einflüsse der französischen Opéra Comique werden an diesem Abend sprachbedingt eine Spur weniger deutlich.

Oper Stuttgart
Cherubini: Medea

Alejo Pérez (Leitung), Peter Konwitschny (Regie), Johannes Leiacker (Bühne & Kostüme), Cornelia Ptassek, Sebastian Kohlhepp, Shigeo Ishino, Josefin Feiler, Helene Schneidermann, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

Termine: 3.12. (Premiere), 27.12.2017, 8., 15. & 31.1., 5.2.2018

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