Opern-Kritik: Oper Wuppertal – Surrogate Cities/Götterdämmerung

Ganz in Weiß

(Wuppertal, 16.9.2017) Richard Wagner trifft Heiner Goebbels und erhält auf einmal eine ganz neue Wahrhaftigkeit

Surrogate Cities/Götterdämmerung an der Oper Wuppertal © Jens Grossmann

Surrogate Cities/Götterdämmerung an der Oper Wuppertal

1994 schrieb Heiner Goebbels „Surrogate Cities“, einen Zyklus von Orchesterstücken, mit dem er sich, anlässlich des 1200sten Gründungstages der Stadt Frankfurt am Main, mit dem Leben in der Großstadt auseinandersetzte. Jay Scheib hat jetzt an der Oper Wuppertal einige dieser scharfkantig pulsierenden, eigentümlich poetischen Stücke an Anfang und Ende mit dem dritten Akt von Wagners „Götterdämmerung“ verschraubt und diese so automatisch in die heutige Großstadt versetzt. Dieses dramaturgische Verfahren wirkt natürlich auf den ersten Blick keinesfalls zwingend, führt aber zu einem so ungewöhnlichen wie anregenden Theaterabend.

Wer dazu gehört, der trägt weiß – Siegfried und Brünnhilde tragen schwarz

Die Streicher sitzen im hochgefahrenen Orchestergraben, die Bläser und Schlagwerker im hinteren Teil der Bühne. Dazwischen eine schmale Spielfläche: ein kleines Zimmer, Küche, Bad. Ein Großstadtappartement mit Standardmöbeln, das schon bessere Zeiten gesehen hat, ohne Wände und Türen. Die Musiker tragen sämtlich festliches Weiß. Das ist kein dekorativer Gag, sondern, wie wir später erfahren, das Fundament der Inszenierung.

Auch Gunther, Hagen und Gutrune werden Weiß tragen. Und die Herren des Männerchores. Weiß tragen die, die erfolgreich sind und dazugehören. Die Rheintöchter, heruntergekommene, gierige Bordsteinschwalben, sind in Goldlametta gehüllt. Siegfried und Brünnhilde tragen schwarz – und Teile von Brünnhildes Rüstung. Sie sind Außenseiter, nicht voll akzeptiert, wollen sich aber auch nicht gemein machen.

Wer seinen „Ring“ kennt, der genießt all die Anspielungen und Andeutungen

In diesem durch die Kostüme klug gesetzten Rahmen entspinnt sich ein nicht immer leicht zu durchschauendes Spiel. Manchmal geschieht wenig, dann viele kleine Dinge gleichzeitig, strukturiert durch die Handkamera, mit der Hannah Usemann wichtige Momente auf die beiden großen Leinwände über der Bühne sendet. Wenn man seinen „Ring“ kennt, erlebt man viele Anspielungen und Andeutungen, die man dann automatisch auf die Figuren projiziert: So kann man sich seinen ganz eigenen dritten „Götterdämmerung“-Akt zusammenbauen. Was spannend ist.

Zumal am Ende, nach dem von Johannes Pell und dem Sinfonieorchester Wuppertal hinreißend, sogar bewegend musizierten Weltuntergang noch einmal Elisabeth King auftritt und mit klassisch ausgebildeter Soul-Stimme Heiner Goebbels‘„Three Horatian Songs“ vorträgt. Das ist die Moral dieses inspirierenden Abends. Hier wird Wahrhaftigkeit, wird Haltung gefordert, was dem Abend, gleichsam im Rückspiegel, einen roten Faden gibt, viele, obwohl lange nicht alle, Einzelheiten verständlich, nachvollziehbar macht.

Erfüllte Musikalität und gewaltige positive Energie

Dass man fasziniert nach Hause geht, liegt aber vor allem an der Qualität, mit der gesungen und musiziert wird. Zwar erfordern die ungewöhnliche Orchesteraufstellung und die unterschiedlichen Klangwelten der Kompositionen elektronische Verstärkung und Klangregie, was die in nahezu allen Sing- und Orchesterstimmen vereinzelt auftretenden Intonationsunreinheiten fast schmerzhaft hörbar macht. Aber das tut der Lebendigkeit, der erfüllten Musikalität, der gewaltigen positiven Energie keinen Abbruch, mit der hier musiziert wird.

Das auch darstellerisch außergewöhnlich intensive Ensemble wird angeführt von Lucia Lucas, die (die Sängerin hat sich vor einiger Zeit einer Geschlechtsumwandlung unterzogen) einen Hagen singt und spielt, der fast birst vor Aggressivität, der Identität sucht, nur Weißes findet und doch alles andere hasst. Lucas singt, als würde sie Pfeile abschießen, ganz ohne schwarze Bassgemütlichkeit, aber mit fast in den Sitz pressender Verletzlichkeit.

Siegfried stirbt? Gehen wir mal was trinken

Annemarie Kremer, gefeierte Tosca und Salome in Wien, Leipzig und Napoli, beeindruckt bei ihrem ersten Ausflug ins hochdramatische Fach mit dunkel leuchtender Stimme und genauer Textarbeit. Und Ronald Samm, ein charmant bäurischer, aber sehr glaubwürdiger Siegfried mit breit angelegter, nuancenreicher, manchmal etwas festsitzender Tenorstimme fesselt uns mit seiner Erzählung und rührt uns im Sterben. Das zieht sich hier durch den kompletten Trauermarsch, den Johannes Pell am Pult mit fließender, akzentuierter Dynamik und fast ausuferndem Farbspektrum geradezu himmlisch dirigiert – und doch als Anklage formuliert.

Denn außer dem kraftlos herumsitzenden Gunther leistet dem Sterbenden niemand Beistand. Nach und nach gehen die weiß gekleideten Choristen weg. Netter Kerl, dieser Fremde, aber Sterben ist eklig. Gehen wir was trinken. Und Siegfried, vergiftet und in den Rücken gestochen, stirbt einsam. Und er weiß es. Und dann ist Pause im Theater. Spannend. Oder?

Oper Wuppertal
Goebbels: Surrogate Cities/Wagner: Götterdämmerung (3. Aufzug)

Ausführende: Johannes Pell (Leitung), Jay Scheib (Regie), Kathrin Wittig (Bühne), Doey Lüthi (Kostüme), Markus Baisch (Chor), Ronald Samm (Siegfried), Annemarie Kremer (Brünnhilde), Lucia Lucas (Hagen), Elisabeth King (Stimme), Sebastian Campione (Gunther), Jenna Siladie (Gutrune), Ralitsa Ralinova, Liliana de Sousa, Ariana Lucas (Rheintöchter), Hannah Usemann (Live-Kamera), Herrenchor der Wuppertaler Bühnen, Sinfonieorchester Wuppertal

Termine: 16.9. (Premiere), 1. & 14.10., 15.12.2017

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