Opern-Kritik: Opéra de Lyon – Der Kreidekreis

„Me too“ auf der Opernbühne

(Lyon, 20.1.2018) Im „Opernhaus des Jahres“ wird bewiesen: Der sexuelle Missbrauch im alten China hat viel mit der Gegenwart gemein

Der Kreidekreis/Opéra de Lyon © Jean-Louis Fernandez

Szenenbild aus "Der Kreidekreis"

Mit 16 Jahren vergewaltigt und ins Bordell gesteckt. Von einem Stammkunden, der zuvor ihren Vater in den Tod getrieben hat, freigekauft und zur Nebenfrau versklavt. Von der ersten Gattin ihres zweifelhaften Gönners verleumdet und unschuldig zum Tode verurteilt. Das Schicksal der Haitang ist fast zu schlimm, um wahr zu sein. „Me too“ im Musiktheater? Die Debatte um sexuellen Missbrauch ist eigentlich viel zu jung, um mal eben mit den hochkomplexen Mitteln der alten Dame namens „Oper“ künstlerisch übersetzt werden zu können. Nein, einer Uraufführung zum aktuellen „Me too“-Diskurs wohnen wir in Lyon nicht bei.

Szenenbild aus "Der Kreidekreis"

Der Kreidekreis/Opéra de Lyon © Jean-Louis Fernandez

Eine der spannendsten Spielpläne Europas entfaltet unerhörte Aktualität

Der dramaturgisch denkende Intendant Serge Dorny, dem Vernehmen nach als Nachfolger von Nikolaus Bachler an der Bayerischen Staatsoper München die erste Wahl, er hat im „Opernhaus des Jahres“ den richtigen Riecher bewiesen und dazu Fortune gehabt: Die von langer Hand geplante Neuinszenierung „Der Kreidekreis“ von Alexander von Zemlinsky – in Lyon Teil eines der spannendsten Spielpläne Europas – entwickelt eine unverhofft brennende Aktualität. Ganz selbstverständlich und unverkrampft entfaltet das Stück seinen Gegenwartsbezug. Regisseur Richard Brunel muss das Heute nicht mühsam behaupten, die chinesische Parabel lässt sich problemlos mit all ihrer politisch-gesellschaftlichen Sprengkraft neu erzählen.

Wenn alternative Fakten für ein Todesurteil sorgen

Ein packender, hoch präziser Musiktheater-Abend entsteht auf diesem Weg. In genau welchem pseudodemokratisch autokratisch faschistoiden und natürlich absolut patriarchalen Machtsystem wir uns hier befinden, benennt Brunel nicht konkret, Gedanken an Russland und China hat man da, aber in der Gerichtsszene, die direkt in den Hinrichtungstrakt eines Hochsicherheitsgefängnisses verlegt ist, kommen auch Assoziationen an das rechtsstaatliche Todesstrafenland USA auf. Haitang stirbt per Giftspitze – Vitamin B und Bestechungsgeld ihrer Rivalin Yü-Pei sorgen dafür. Oder waren es, dem aktuellen Politsprech folgend, doch einfach nur alternative Fakten?

Die salomonisch weise Aufklärung der falschen Anschuldigungen im Zeichen des Kreidekreises, in dem die wahre Mutterschaft des Stammhalters des reichen Herrn Ma festgestellt wird, sie kommt in dieser Deutung zu spät. Zemlinskys Happy End wird, ähnlich vieler Inszenierungen von Beethovens „Fidelio“, mit einem Fragezeichen versehen. Die zahlreichen Traummetaphern des Libretto beglaubigen das Vorgehen, wahre und gewünschte Welt gegeneinanderzustellen.

Einlieferung ins Exotik-Bordell

Szenenbild aus "Der Kreidekreis"

Der Kreidekreis/Opéra de Lyon © Jean-Louis Fernandez

Der Abend beginnt real – im designkühl klinisch hell ausgeleuchteten Exotik-Bordell von Puff-Vater-Eunuch Tong, in das Haitangs verarmte Mutter ihr Kind gleichsam einliefert, um der Familie nach dem Selbstmord des Vaters das Überleben zu sichern. Folkloristisch chinesisch gewandete Töchter der Freude sind dort einer cool gelangweilten Männerhorde zu Diensten, eine mafiöse Schlägertruppe sorgt für Ordnung. Zu Hause bei Haitangs Erwerber und Ernährer Ma, dem Martin Winkler wahres Alberich-Format seines bassbaritonal furchteinflössenden, extra markanten Sprechgesangs leiht, da sieht es kaum anders ein. Neureich aseptischer Schick bestimmt das Heim, in dem die mit geschärfter Soprandramatik aufwartende Nicola Beller Carbone als Yü-Pei die Intrigenfäden spinnt, während sich ihr Mann derweil von Zweitfrau Haitang verwöhnen lässt.

Gleißend helle Gegenwartsbilder und ein utopisches Gegenbild

Noch ein gleißend heller Raum der Gegenwart ist der Todestrakt jenes Gefängnisses, in dem Haitang ihr frühes Ende findet. Anouk Dell‘Aiera hat starke, deutliche wie imaginative Bühnenbilder ersonnen. Sichtbares utopisches Gegenbild ist die Traumsequenz des Finales, entsprechende Gegenfigur ist neben Haitang ihr Bruder Tschang-Ling, der als Weltverbesserer einem Polit-Aktivisten der Gegenwart gleicht und den sie als Verdichtung der Anagnorisis-Szenen des ersten „Walküre“-Aufzugs sowie der „Elektra“ („Wer bist Du, fremder Mann?“) liebevoll wiedererkennt. Lauri Vasar gibt dem Sympathieträger baritonberedtes Profil. Haitangs eigentlicher Erlöser, Prinz Pao, ist laut Libretto vordergründig eine nicht minder positive Figur.

Szenenbild aus "Der Kreidekreis"

Der Kreidekreis/Opéra de Lyon © Jean-Louis Fernandez

Dank des an den hell timbrierten jungen René Kollo erinnernden vorzüglichen jugendlichen Heldentenors Stephan Rügamer hat man musikalisch sehr wohl diesen Eindruck. Der Regisseur differenziert das Bild freilich, wenn er der den zum Kaiser erhobenen, zunächst noch parsifalesken Prinzen als vollends systemkompatibel zeigt: Das Volk kuscht unterwürfig vor ihm. Ist des Kaisers zwar durchaus gerechter Umgang mit Recht und Unrecht womöglich ebenso fragwürdig, weil nur subjektiv, also nicht wirklich demokratisch legitimiert, wie jener der bisherigen Mächtigen? Mit dem Brecht der „Dreigroschenoper“ stellt Brunel fest: „Die reitenden Boten des Königs kommen sehr selten“. Der Deus ex Macchina der Barockoper hat ausgedient.

Zemlinsky trifft Brecht und Weill

Zemlinskys Oper fußt freilich nicht auf Brechts bekannterem Schauspiel „Der kaukasische Kreidekreis“, vielmehr berufen sich Oper und Theaterstück auf dieselbe Grundlage: die Nachdichtung des chinesischen Stoffes durch den deutschen Dichter Klabund, der sein Drama 1925 herausbrachte, Zemlinsky schrieb seine Oper dann im Jahr der Machtergreifung 1933, Brecht sein Theaterstück erst 1948. Eine indirekte Verwandtschaft zwischen den Werken ist indes durchaus gegeben und zudem deutlich hörbar. Denn Zemlinsky hatte in Berlin Brecht und Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als Dirigent aus der Taufe gehoben.

Die Oper des Kollegen inspirierte ihn in der Folge zu einer deutlichen Abkehr vom spätromantisch wagnerischen Tonfall: Zemlinsky lässt Weill, Jazz und eine deutliche Prise Straussche „Salome“-Schwüle zu einer aparten Melange verschmelzen. Ironische Zwischentöne, eingebaute Brechungen ergeben einen gleichsam früh-postmodernen Stilmix.

Szenenbild aus "Der Kreidekreis"

Der Kreidekreis/Opéra de Lyon © Jean-Louis Fernandez

Lyrischer Liebreiz und elektrisierende Emphase

Die hinreißend aufregende Partitur erklingt in Lyon nun dank des formidablen Orchesters und des vorzüglichen Gastdirigenten Lothar Koenigs in subtil ausgehörten Zwischentönen, gleichsam sublimiert. Koenigs besitzt enormes Gespür für agogisches Verweilen, er gibt den Sängern Raum zur Entfaltung, atmet mit ihnen, trägt zumal die sopraninnige Ilse Eerens auf Händen. Lyrischen Liebreiz steigert die Belgierin zu einer elektrisierenden Emphase, sie spielt das Unschuldslamm Haitang zu dem mich solcher Hingabe, das ihr zum Schluss die Bravi des Premierenpublikums nur so zufliegen.

Opéra de Lyon
Zemlinsky: Der Kreidekreis

Lothar Koenigs (Leitung), Richard Brunel (Regie), Anouk Dell‘Aiera (Bühne), Benjamin Moreau (Kostüme), Lauri Vasar, Martin Winkler, Nicola Beller Carbone, Ilse Erens, Stephan Rügamer, Zachary Altman, Paul Kaufmann, Doris Lambrecht, Hedwig Fassbender, Stefan Kurt, Orchester der Opéra de Lyon

Weitere Termine: 22., 24., 26., 28. & 30.1., 1.2.2018

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *