Opern-Kritik: Opéra de Lyon – War Requiem

Oper als Erinnerungsarbeit

(Lyon, 21.10.2017) Das „Opernhaus des Jahres“ eröffnet mit einer eindringlichen Deutung von Brittens Opus des Pazifismus seine Saison

Brittens „War Requiem“ in Lyon © Stofleth

Brittens „War Requiem“ in Lyon

Das frisch gebackene „Opernhaus des Jahres“ steht nicht in Berlin oder München, es befindet sich in Lyon. Die französische Perle mit römischen Wurzeln, als Halbinsel malerisch zwischen Rhone und Saône gelegen, beheimatet ein Opernhaus, das dank der konsequent konzeptionellen Arbeit von Intendant Serge Dorny und seinem Team heute fraglos zu einem der besten Europas gehört. Dazu braucht es nicht unbedingt (zu) teure Sängerstars und auch nicht dieselben durch alle großen Häuser Europas getriebenen, angesagten, aber oft enttäuschenden Regie-Namen, sondern es braucht die Kontinuität eines kompromisslos dramaturgisch gedachten Spielplans.

Ansingen wider die Geschichtslosigkeit der Gegenwart

Zur Eröffnung der Saison just Benjamin Brittens „War Requiem“ szenisch auf die Bühne zu bringen, steht paradigmatisch für diesen Ansatz. Keine italienische Wohlfühloper zum Auftakt der Spielzeit also, sondern ein politisch ambitioniertes Opus eines bekennenden Pazifisten, das eigentlich nicht für die Bühne gedacht ist, aber gleichwohl dorthin gehört. Gerade in unseren Zeiten, die in ihrer Geschichtslosigkeit eines wiedererstarkenden Nationalismus nach künstlerischen Gegen-Botschaften schreien.

Pickelhaube und ein falsches „Schwarz-Rot-Gold“

Als Klanggedicht der Versöhnung hatte Britten sein Requiem angelegt, darin den lateinischen Liturgietext mit der Poesie von Wilfred Owen amalgamiert, seines Landsmanns, der 1918 kurz vor Ende des 1. Weltkrieges in Frankreich gefallen war. Der Dichter verharrte nicht im Ton der Klage, Verzweiflung und Ironie, sondern bekannte sich zur unstillbaren Friedenssehnsucht des Menschen, obwohl er selbst durch die Hölle des Krieges gegangen war. Die Perspektive, die Regisseur Yoshi Oida nun auf das „War Requiem“ einnimmt, hat mit den Dekonstruktions-Diskursen, die im deutschen Regietheater üblich sind, fast nichts gemein. Der Japaner, der seit langem in Frankreich ästhetisch sozialisiert ist, erfindet Bildwelten von – aus deutscher Sicht betrachtet – geradezu verblüffendem Naturalismus. Die beiden Hauptfiguren des „War Requiem“, der Engländer und der Deutsche, alias Tenor und Bariton, die qua Herkunft zu Feinden gemachten beiden Soldaten, sie treten in Uniformen des 1. Weltkrieges auf, die Pickelhaube des Deutschen kennzeichnet ihn eindeutig. Ein kleiner Lapsus unterläuft dem Regisseur bzw. seinem Ausstatter Tom Schenk freilich, indem er dem Vertreter des deutschen Kaiserreichs eine Flagge in der Farbgebung des heute gültigen Schwarz-Rot-Gold zuordnet – war eben diese damals doch durchaus nicht im Einsatz.

Die Opern-Doku der Deutlichkeit weitet sich ins Archetypische

Ansonsten gleicht die Inszenierung in ihrer klaren Bildsprache durchaus einer Nachhilfestunde in Sachen europäischer Geschichte. Wie nötig gerade sie heute wieder sein mag, machen die jüngsten Wahlergebnisse in vielen Ländern des Kontinents deutlich. Yoshi Oida schärft eben diese Perspektive des Heute auf die beiden Weltkriege in seiner Konzeption: Er lässt den in aktuelle Straßenkleidung gewandeten Kinderchor aus dem Publikum auftreten, gleichsam die Ururenkel jener Großväter, die im 1. Weltkrieg ihr Leben ließen. Deren Bildnisse schleppt der Erwachsenenchor dann ganz am Ende auf die Bühne: Oper als Erinnerungsarbeit.

Brittens „War Requiem“ in Lyon

Szene aus Brittens „War Requiem“ an der Opéra de Lyon © Stofleth

So steht bereits auf einer Schultafel, vor der die Mitglieder des Kinderchores am Bühnenrand Platz nehmen, die Dauer des 1. Weltkrieges: „1914.-1918“. Die Kinder lernen, was auf der Bühne neben ihnen zu sehen ist. Da liegen Leichen, in weiße Tücher gewickelt. Da erinnern sich Soldaten an ihre gefallenen Kameraden, indem sie deren Uniformen und Stiefel auf dem Boden zu den Körpern der Toten zusammenfügen. Da mimt der Chor – als dritte Ebene – die Zivilisten als teilnehmende mitleidende Beobachter. Da stehen Bariton und Tenor-Solisten an den Soldatengräbern – der Deutsche und der Engländer vereint in der Trauer, darin ein frühes Hoffnungszeichen der Versöhnung bietend. Da treten die Damen des Chores gleich modernen Klageweibern mit Grablichtern an einen Verstorbenen heran.

Ja, es ist ein mitunter geradezu filmischer Realismus, dem Yoshi Oida hier huldigt, eine Opern-Doku der Deutlichkeit ohne Brechung, ohne Stilisierung, ohne Metaebenen. Die Filmeinspielungen von Originalmaterial aus dem 1. Weltkrieg tun gegen Ende das Ihre. Eine starke Ausnahme zu dieser Regieregel: Zur Fuge des „Quam olim Abrahae promisisti“, bereits von Britten mit einiger Bissigkeit vertont, imitieren die männlichen Solisten den nachfolgenden Owen-Text mit einem Puppenspiel, durch das dann sogar jener Engel auftritt, der Abraham vom Schlachten seines Sohnes abhalten will. In solchen Momenten weitet sich die historische Konkretheit der Inszenierung ins Allgemeingültige, ja Archetypische.

Hoffnungsschimmer der Versöhnung

Überwältigend gerät die musikalische Qualität, für die Lyons neuer junger italienischer Musikchef Daniele Rustioni verantwortlich zeichnet. Der frühere Schützling von Antonio Pappano, seinerseits ein ausgezeichneter Kenner des Werks, entfacht nicht nur ein passionspralles Furioso und wölbt enorme Spannungskurven auf. Er entdeckt auch berührende impressionistische Zwischentöne, Feinheiten und Pianissimi, die mitsammen immer wieder Hoffnungsschimmer davon aufscheinen lassen, dass der Krieg womöglich doch nicht eine Grundbedingung menschlichen Machtstrebens sei. Nicht nur das Orchester kündet davon, sondern im besonderen der Chor, der an diesem Abend mehr als ein Wunder vollbringt. Die Klangsubstanz leiser Stellen ist fulminant, die Klangkultur, die Chorleiterin Geneviève Ellis erarbeitet hat, macht dieses Ensemble zu einem der besten seiner Art. Wie der Chor das „n“ im finalen „Amen“ nachklingen lässt, ist nicht weniger als berückend.

Das Solistentrio wird von Paul Groves angeführt. Der Brittenspezialist, hier darstellerisch ein soldatischer Haudegen, singt nicht einfach nur mit heldentenoraler Attacke, sondern mit viel Hintersinn für die Farbschattierungen seines Parts. Lauri Vasar ist mit seinem robusten wie höhensicheren Bariton weit mehr als eine sichere Bank, Ekaterina Scherbachenko die sopranflackernde Dritte im Bunde.

Opéra de Lyon
Britten: War Requiem

Daniele Rustoni (Leitung), Yoshi Oida (Regie), Tom Schenk (Bühne), Thibault Vancraenenbroeck (Kostüme), Paul Grove, Lauri Vasar, Ekaterina Scherbachenko, Orchester und Chor Opéra de Lyon

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