Ballett-Kritik: L'Opéra National de Paris – Play

Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies

(Paris, 7.12.2017) Der schwedische Starchoreograf Alexander Ekman überzeugt mit seinem neuen Tanztheater im Palais Garnier

Play/L'Opéra National de Paris © Ann Ray

Szenenbild aus "Play"

Alexander Ekman hätte über seine neueste jetzt in Paris uraufgeführte Kreation „Play“ auch Friedrich Schillers „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt” schreiben können. Was wie ein harmlos-hübsches Bonmot daher kommt, aber bei dem Autor natürlich eine Denkpointe ist, die es in sich hat. Mit der neuen Choreografie des 33-jährigen Schweden verhält es sich so ähnlich.

Phantasievolle wie nachdenkliche Revue der Szenen und Bilder

Alexander Ekmans schon oft bewährter, kongenialer Leib- und Magen-Komponist Mikael Karlsson hat eine Ouvertüre für die Saxophon-Gruppe für den Kinovorspann komponiert, der dazu auf den Prunk-Vorhang im Palais Garnier projiziert wird. Und wenn dann diese ganze sportiv witzige, überbordend phantasievolle, aber auch nachdenkliche Revue der Szenen und Bilder mit einer verblüffend ruhigen Pointe geendet hat, und die Tänzer schon ihren ersten Schlussbeifall kassiert haben, dann legt Chanteuse Calesta „Calli“ Day mit ihrer rauchigen Stimme noch eins drauf. Und alle, die auf der Bühne sind, spielen noch ein paar Minuten mit den Zuschauern: ganz praktisch und im direkten Hin und Her wirft man sich da zur allgemeinen Gaudi gegenseitig die riesigen Luftballons und die handlichen Bälle zu…

Jede Menge metaphorische Denk-Bälle fliegen von der Bühne in den Saal

Damit schließt Alexander Ekmann einen Kreis bzw. kriegt doch noch mal die Kurve und entlässt die Zuschauer eher beschwingt ins vorweihnachtliche Gewühl vor der Pariser Opéra. Vorher flogen natürlich schon jede Menge metaphorische Denk-Bälle von der Bühne in den Saal. Ein szenischer Höhepunkt war gar der Wolkenbruch aus tausenden apfelgrünen Bällen (der Erkenntnis?). Die „ergossen“ (oder erkullerten) sich über die ganze Bühne. Durch die wateten dann alle, als wäre es Wasser!

Szenenbild aus "Play"

Play/L’Opéra National de Paris © Ann Ray

Mit diesem Coup (Ekman ist sein eigener Bühnenbildner) erinnerte er wohl auch an die 6.000 Liter Wasser, mit denen er 2014 seinen „Schwanensee“ so imponierend flutete. Oder ganz simpel an die Spielecken des berühmtesten Schwedischen Möbelhauses.

Der Baum der Erkenntnis

Das Spiel, also Play, beginnt aber auf den ersten Blick (und bleibt es die gesamten 50 Minuten bis zur Pause) vor allem freundlich, sportiv verspielt, hell und suchend, selbstironisch und witzig. Mit Menschen auf dem Weg zu sich selbst. Im Stadium der unschuldigen Kindheit und Jugend sozusagen. Wenn da ein Baum auf der leeren, weißen Bühne steht, dann könnte das gut ein Exemplar aus der Gattung „Baum der Erkenntnis“ sein. Dahinter: eine Phalanx von Türen unter der Galerie für das knappe Dutzend Live-Musiker. Aufsicht und Strenge einer Gouvernante (Caroline Osmont) haben da wenig Aussicht auf Erfolg. Alle machen, was sie wollen. Sie rennen im Kreis oder kullern als Paar über den Boden. Einmal tanzt eine Ballerina (Marion Barbeau) auf einem Podest Spitze und ein Junge im Strickpullover (Simon Le Borgne) macht dazu mit einem Mikrofon wie im Tonstudio die passend verstärkten Geräusche.

Szenenbild aus "Play"

Play/L’Opéra National de Paris © Ann Ray

Es gibt auch einen Himmel. Der besteht aus etwa dreißig Würfeln, die sich (wieder mit großem Effekt) tief hängen, sogar bis auf den Boden absenken können. Traumhaft surreal wird es, wenn ein Tänzer mit einem XXL-Reifrock zur nackten Männerbrust langsam die Bühne umrundet und dabei einem Astronauten mit weißer Flagge, einem Clown, Bällen auf Menschenbeinen oder Verschleierten und einem sportiven Männerpaar begegnet. Dann wieder marschieren alle Damen der Truppe amazonenhaft mit einem Zweig-Geweih auf dem Kopf auf und bleiben demonstrativ unter sich.

Da flutschen kollektive Bewerbungsrituale wie mechanische Webstühle

Szenenbild aus "Play"

Play/L’Opéra National de Paris © Ann Ray

Nach der Pause ist Schluss mit Lustig. Der Baum ist kahl. Aus den Wolken-Klötzern am Himmel sind abgezirkelte Parzellen geworden für Menschen, die in erster Linie funktionieren und die doch mal so selbstverloren gespielt haben. In diesem zweiten, dunklen Teil hat der Ernst des Lebens begonnen, jede Bewegung ihre kindliche Unschuld verloren. Da ist das Spiel zum Ritual geworden, funktioniert alles mit der mechanischen Präzision von Maschinenteilen. Sie tragen Einheitsgrau und Brillen zum gescheitelten Haar. Funktionieren links wie rechts rum, selbst wenn sie bis zu den Knien im Dreck, Pardon – in Bällen, stehen. Da flutschen kollektive Bewerbungsrituale wie mechanische Webstühle. Ein Paar sieht sich nur aus der Ferne. Und zwischen diesen funktionierenden Gestalten tanzen zwei ganz klassisch ein Pas des Deux. Wie aus einer anderen Welt. Doch auch das Bedürfnis nach Harmonie bricht aus der Erinnerung durch. Der Baum ist wieder grün. Am Ende, und das ist die stille Revolte, legt der Mann, der ein gezähmter Adam sein könnte, seinen Anzug ab und wirft auch seine Brille auf den Haufen seiner Sachen. Und verlässt nur in kurzen weißen Shorts die Szene. Er ist mit sich zufrieden und der Vorhang senkt sich.

Bei Alexander Ekman kommt dieses Tanztheater über die Suche des Menschen nach sich selbst daher, wie es der Titel verspricht. Spielerisch. Lustvoll. Er liefert immer eine in Bewegung und Bilder übersetzte Möglichkeit einer Interpretation. Ekman ist längst ein Star unter den Choreografen. Er hat weltweit schon mit rund 45 Tanzkompanien gearbeitet, diverse Preise bekommen und sich eine Fangemeinde zugelegt. Im Palais Garnier wurde er mit einem der besten Ballettensembles der Welt gefeiert. Bei diesem Spiel ist vor allem er der Einsatz – danach geht nichts mehr. Zumindest nicht als reisender Star. Wie er vor der Premiere erklärte, will er nun seine eigene Compagnie gründen. Der Rückenwind dafür ist nicht zuletzt nach dieser Produktion beachtlich!

Szenenbild aus "Play"

Play/L’Opéra National de Paris © Ann Ray

Opéra National de Paris
Alexander Ekman: Play

Alexander Ekman (Choreografie, Bühne & Kostüme), Mikael Karlsson (Musik), Xavier Ronze (Kostüme), Calesta „Callie“ Day (Gospelgesang), Muriel Zusperreguy, Marion Barbeau, Aurélia Bellet, Alice Catonnet, Claire Gandolfi, Marion Gautier de Charnacé, Christelle Granier, Clémence Gross, Eleonore Guérineau, Laurène Levy, Caroline Osmont, Charlotte Ranson, Sofia Rosolini, Silvia Saint-Martin, Ida Viikinkoski, Jennifer Visocchi, Stéphane Bullion, François Alu, Vincent Chaillet, Takeru Coste, Adrien Couvez, Yvon Demol, Alexandre Gasse, Mallory Gaudion, Aurélien Houette, Antoine Kirscher, Mickaël Lafon, Simon Le Borgne, Allister Madin, Antonin Monié, Marc Moreau, Jérémy-Loup Quer, Andréa Sarri, Daniel Stokes, Maxime Thomas, Simon Valastro, Hugo Vigliotti

Termine: 6.12. (UA), 9., 10., 12., 13., 15., 16., 18., 19., 20., 22., 23., 24., 27., 28., 29., 30. & 31.12.2017

Eine Antwort zu “Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies”

  1. Marianne Jung sagt:

    Toll, da möchte ich hin

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