Operetten-Kritik: Staatstheater am Gärtnerplatz München – Die lustige Witwe

Morbide Intimität

(München, 19.10.2017) Der inszenierende Intendant Josef E. Köpplinger und der neue Chefdirigent Anthony Bramall entfachen einen Farbrausch zur Wiedereröffnung von Münchens zweitem Opernhaus

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München © Marie-Laure Briane

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München

Fünf Jahre stand das 1865 erbaute Theater im Glockenbachviertel während der aufwändigen Sanierung leer. Das Ensemble wanderte zwischen dem Cuvilliéstheater, der Alten Kongresshalle und anderen Ersatzspielstätten. Wegen der verzögerten Fertigstellung wurde 2015 das Jubiläum „150 Jahre“ vor allem im Theatermuseum gewürdigt. Für die Kostenexplosion von geplanten 70 Millionen auf fast 120 Millionen Euro kam das Projekt ins Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Davon merkt man im Vordergebäude, im Zuschauerraum und den Foyers kaum etwas. Die Renovierungen an „Münchens spektakulärster Baustelle“ betrafen vor allem Bühnentechnik, Werkstätten, Depots und Probenräume. Während der Proben wurde noch kräftig gehämmert und gebohrt. Der Bayerische Rundfunk übertrug die erste Musiktheater-Premiere live.

Geschichtsbewusste Neueröffnung

Es zeugt vom Geist des Hauses, dass neben Stars wie den Kessler-Zwillingen viele Ehemalige und viel Münchner Prominenz das Ensemble mit lautem Szenenbeifall befeuern. Es geht um jenes Werk, das bis zu seiner nunmehr zwölften Inszenierung am Haus die Geschichte des Gärtnerplatztheaters spiegelt wie kein anderes: Franz Lehárs „Die lustige Witwe“: Hier spielte einst Johannes Heesters den Danilo, hier besuchte Adolf Hitler mehrere Vorstellungen.

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München © Marie-Laure Briane

Es erklingt die kritische Neuausgabe der Partitur

Aber Hausherr und Regisseur Josef E. Köpplinger will nicht, dass das Stück auf den problematischen Status als Hitlers Lieblingsoperette reduziert wird: Dekadenter Chic und die Menschheitsdämmerung kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommen auf der Bühne zur Synthese. Aus dem Orchestergraben erklingt die kritische Neuausgabe nach der von Lehár mit Einträgen ergänzten Partitur aus dem Jahr 1907. Die intimen Zweideutigkeiten und das ständige erotische Locken gewinnen prickelnde Kontur.

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München © Marie-Laure Briane

Der neue Chefdirigent Anthony Bramall, bisher Stellvertretender Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, umschmeichelt die Soli, den spielfreudigen Chor und die bezaubernd flockige Ballettkompanie. Anderes kommt musikalisch sehr kompakt, lotet im ständigen Wechsel zwischen Delikatesse und breiten Manövern alle Facetten von Lehárs Meisterwerk aus. Für die Eröffnung ist die „Witwe“ genau die richtige Wahl, ein starkes Handicap wird für die salonartige Intimität der Musik zum Vorteil: Denn noch immer bleibt die Akustik des Hauses problematisch, blühen Klangmalereien eher schütter, entfalten sich die Stimmen im Saal nie vollkommen.

Bal paradox der Grisetten und ein androgyner Njegus

Das zeigt sich am Hauptpaar: Daniel Prohaska tänzelt als Danilo beim Maxim-Lied im Vollrausch um Champagnerflaschen, hat idealen Spielwitz und pfeilgenaue Pointen. Aber Schmelz und Sex in der Stimme fehlen. Den gibt es an ganz unerwarteter Stelle, die etwas vom neueren Operettengeist verrät: Die klassische Knallcharge des Dieners Njegus ist hier eine Frau in Livree. Sigrid Hauser bildet den Gegenpol zu den hormongesteuerten Attachés und Gesellschaftshyänen. Sie gießt, obwohl sie in der pontevedrinischen Botschaft am meisten Moral von allen hat, immer etwas Öl in die Liebesflämmchen der Happy Few mit Pleiteängsten. Dafür erhält sie vor dem Aufmarsch der Grisetten eine Einlagenummer und glänzt als „Star von Paris“, bevor auch sie zur pseudomännlichen Cancan-Grisette wird.

Operettige Gender-Correctness

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München © Marie-Laure Briane

Bei der neuen Münchner „Witwe“ gibt man sich vorbildlich gender-korrekt: Der „Weibermarsch“ ist nicht länger alleinige Männersache. Die Damen Draufgängerinnen mischen bei dieser Machonummer aktiv mit, vor und nach der Pause. Dafür tummeln sich die Herren des Balletts mit roten Wangen unter den Grisetten und gewähren echten Damen Blicke unter ihre roten Röcke.

Der Tod als galanter Verführer

Ein bleicher Kerl in Schwarz macht mehr als eine intime Begegnung zur sinnlich aufgeladenen „ménage à trois“. Die „lustige Witwe“ liebt nur ihn, den Tod. Adam Cooper schreitet, walzt und küsst sich als dessen Verkörperung durch die von ihm selbst choreografisch auffrisierten Massenszenen. Bei diesen schauprächtigen Momenten scheint durch, wer das Vorbild sein könnte: Da grüßen Barrie Koskys Operetten-Ausgelassenheiten von der Komischen Oper Berlin und werden in München zu noch größerer Opulenz gezwirbelt. Auch dort gibt es jetzt zum gewählten Theaterabend eine „Email für dich“ und am Portikus eine Charmeoffensive mit buntem Konfekt: „Mein Gärtnerplatztheater!“

Schwarze Rose im fallenden Herbstlaub

Der Anspruch gegenüber der Vergangenheit ist genauso groß wie die Freude über die Rückkehr ins Stammhaus. Deshalb will diese Produktion einfach alles sein: Glanzvolles Eröffnungsstück, Leistungsbeweis, Hingucker, Dauerbrenner, ideale Ensemble-Spielwiese und ernstzunehmende Operettenaufarbeitung. Die wunderbar jugendliche und in den Roben Alfred Mayerhofers noch wunderbarere Camille Schnoor als millionenschwere Witwe Hanna Glawari bleibt im Viljalied und im frivolen Reiterlied das pontevedrinische Mädchen. Alles ist wie ein süßes Karamellbonbon mit Ingwer in Silberpapier. Berührende Stellen, erotische und ironische Verspieltheiten der Regie Josef E. Köpplingers gehen fast zu oft im Bewegungs- und Farbrausch unter. Die besinnliche Operetten-Welt von gestern!

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München

Szene aus Lehárs „Die lustige Witwe“ am Staatstheater am Gärtnerplatz München © Marie-Laure Briane

Auf Rainer Sinells Bühne mit Oldtimer und viel Art déco fallen herbstlich goldene Blätter. Hanna empfängt vom Tod eine schwarze Rose, mit ihm verschmilzt sie im Kuss. Nach „Lippen schweigen“ ziehen die Männer in den Krieg, und zur Applausmusik wird es wieder lustig. Das ist sie, die sinnliche und besinnliche Operetten-Welt von gestern! Aber trotzdem wird es dieser Welt manchmal zu eng, und deshalb wächst sie an einigen Stellen über sich hinaus: Was Jasmina Sakr als Valencienne, die junge Ehefrau auf Abwegen, und Lucian Krasznec, ihr gewinnender Kavalier Rossillon, an Hinhalte- und Wegziehspielchen ausführen, vereint Herz, Koketterie und erotische Gier. Das macht ihre Szenen und wirbelnden Dialoge zu Höhepunkten des Abends. Und im Ensemble gibt es Sterne mit Gütesiegel, zum Beispiel Juan Carlos Falcón, Liviu Holender und Ann-Katrin Naidu: Küss die Hand!

Staatstheater am Gärtnerplatz München
Lehár: Die lustige Witwe

Anthony Bramall (Leitung), Josef E. Köpplinger (Regie), Rainer Sinell (Bühne), Alfred Mayerhofer (Kostüme), Felix Meybier (Chor), Adam Cooper (Choreografie), Camille Schnoor (Hanna Glawari), Daniel Prohaska (Danilo Danilowitsch), Jasmina Sakr (Valencienne), Lucian Krasznec (Camille de Rossillon), Hans Gröning (Baron Mirko Zeta), Liviu Holender (Vicomte Cascada), Juan Carlos Falcón (Raoul de Saint-Brioche), Maximilian Berling (Bogdanowitsch), Susanne Seimel (Sylviane), Frank Berg (Kromow), Ann-Katrin Naidu (Olga), Holger Ohlmann (Pritschitsch), Dagmar Hellberg (Praskowia), Sigrid Hauser (Njegus), Adam Cooper (Der Tod)

Termine: 19.10. (Premiere), 24. & 25.10., 3., 5., 10. & 18.11.2017

Eine Antwort zu “Morbide Intimität”

  1. Saskia Ellmer sagt:

    Warum muss immer alles „aufgearbeitet“ werden? Warum müssen Figuren hinzugefügt werden und warum muss der Komiker Njegus eine – sehr schrille – Frau sein?
    Franz Lehárs Werk ist gut genug, um es einfach so zu spielen, wie es im Libretto und der Partitur steht. Schade darum!
    Und außerdem: Wer das Reiterlied frivol findet, hat es leider nicht verstanden! Damit sind Sie allerdings in bester Gesellschaft, denn so erging es auch jener Broadway-Regisseuse, die „Die lustige Witwe“ für die Metropolitan Opera New York meuchelte.
    Ich erinnere mich an eine wunderbare „Witwe“ längst vergangener Zeiten. Damals, als man sich noch dem Werk verpflichtet fühlte und nicht zwanghaft daran verschlimmbessern und herumdeuteln musste.

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