Opern-Kritik: Mailänder Scala – Andrea Chénier

Weltklasse trifft Mittelmaß

(Mailand, 13.12.2017) Sopransuperstar Anna Netrebko verströmt zwar dunkel goldenen Sopranglanz, doch die Inszenierung und ihr tenoraler Ehemann ernüchtern

Andrea Chénier/Teatro alla Scala © Teatro alla Scala

Szenenbild aus "Andrea Chénier"

Man mag an der jüngsten Produktion an Italiens berühmtestem Opernhaus Einiges aussetzen: eine rudimentäre Personenregie oder auch die nicht ganz optimale Besetzung des Titelhelden. Aber eines steht außer Frage: Anna Netrebko singt die berühmte Arie der Maddalena „La mamma morte“ so herzzerreißend wie keine andere Sopranistin seit der unvergleichlichen Maria Callas – mit einer Schönheit, die einem die Tränen in die Augen treibt. Und mit einem dunklen, goldenen Timbre, das mittlerweile tatsächlich an die Primadonna Assoluta erinnert, mit der die Russin schon zum Beginn ihrer Karriere verfrüht verglichen wurde. Zumindest in diesen Momenten erinnert man sich gerne daran, dass „Andrea Chénier“ an der Mailänder Scala 1896 uraufgeführt – und traditionell hochkarätig besetzt wurde.

Erotisches Knistern? Fehlanzeige!

Ansonsten aber wirkt die Produktion, deren dritte, von uns besuchte Vorstellung trotz Anna Netrebko nicht restlos ausverkauft war, seltsam nüchtern. Und das, obwohl die Starsopranistin doch ihren Ehemann Yusif Eyvazov als Partner zur Seite hat. Eigentlich sollte eine solche Besetzung die beste Voraussetzung für echte Leidenschaft bieten, sollte man meinen. Aber so wie es zwischen Chénier und Maddalena in ihren Duetten noch nicht einmal knistert, bleibt die hier besungene Liebe nur eine Behauptung.

Szenenbild aus "Andrea Chénier"

Andrea Chénier/Teatro alla Scala © Teatro alla Scala

Gesten wie aus der Mottenkiste des Musiktheaters

Wo sich von alleine keine Spannung einstellt, hätte freilich auch Regisseur Mario Martone seinen Protagonisten etwas auf die Sprünge helfen können. Doch der besonders im Film erfahrene Regisseur belässt es bei künstlichen, bisweilen auch pathetischen Gesten aus der Klischeekiste. Eine solche Ästhetik gerät besonders Eyvazov zum Nachteil, der, in seinen Bewegungen extrem streif und ungelenk, Mühe hat, seiner Figur Leben einzuhauchen. Als Sänger bewältigt er seine Partie allemal respektabel mit der gebotenen Strahlkraft, aber nicht erstklassig. Über eine balsamische Belcanto-Stimme, wie sie einst ein Beniamino Gigli oder Mario del Monaco besaßen, verfügt der aserbaidschanische Tenor nicht, er rangiert somit noch nicht in der gleichen Liga wie seine Frau.

Wider das zeitgeistschnittige Regietheater

Szenenbild aus "Andrea Chénier"

Andrea Chénier/Teatro alla Scala © Teatro alla Scala

Immerhin bietet Martones Inszenierung den perfekten Gegenentwurf für jeden, der des zeitgeistschnittigen Regietheaters überdrüssig geworden ist. Sie kommt ohne Aktualitätsbezüge aus und ist – abgesehen von der altmodischen Gestik – durchaus elegant. Überzeugend konfrontiert sie zu Beginn die Welt der Dekadenz mit der beginnenden Französischen Revolution. Ein besonderer Blickfang auf Margherita Pallis Drehbühne ist der barocke Spiegelsaal im ersten Akt, in dem der Poet Chénier zum ersten Mal auf Maddalena trifft. Immer wieder werden die Figuren im Fortlauf im Spiegel anhand ihrer Zerrbilder sehen können, wie sie sich im Zuge der Ereignisse verändert haben. Für Schauwerte sorgen aber auch die von Ursula Patzak entworfenen prächtigen, bunten Kostüme, insbesondere in den großen Volks- und Tribunalszenen, in denen Palli mit sparsamen Kulissen auskommt.

Bariton übertrumpft Tenor

Gesungen und musiziert wird weitgehend auf hohem Niveau. Neben Anna Netrebko nimmt am meisten Luca Salsi für sich ein. Er ist ein mächtiger und zugleich sensibler Carlo Gérard, anfangs noch brutal in seinem Begehren für Maddalena als Chéniers Rivale, dann aber edel in seinem Bemühen, Chéniers Leben zu retten. Unter den kleineren Rollen seien Judit Kutasi als Madelon und Annalisa Stroppa als Bersi hervorgehoben, zwei profunde schlanke Stimmen.

Szenenbild aus "Andrea Chénier"

Andrea Chénier/Teatro alla Scala © Teatro alla Scala

Musikchef Riccardo Chailly setzt auf zarte Lyrismen

In Hochform präsentiert sich auch das Orchester der Scala. Anders als bei seiner „Turandot“, mit der er als musikalischer Leiter vor zwei Jahren seinen Einstand gab, setzt Riccardo Chailly diesmal nicht auf Wucht und Attacken, sondern überwiegend auf Feinsinn und zarte Lyrismen. Einen derart intimen „Andrea Chénier“ hat man selten gehört. Am Ende flammt der Beifall am stärksten auf, wenn Chailly sich ins Ensemble einreiht. Dagegen blieben die erwarteten Bravostürme für Anna Netrebko, wiewohl sie doch ihre große Arie so wunderbar sang, aus. Das Publikum nahm es ihr wohl übel, dass sie sich nicht einmal allein, sondern nur im Team mit ihrem Gatten und Luca Salsi vor dem Vorhang zeigte.

Teatro alla Scala
Giordano: Andrea Chénier

Riccardo Chailly (Leitung), Mario Martone (Regie), Margherita Palli (Bühne), Ursula Patzak (Kostüme), Yusif Eyvazov, Anna Netrebko, Luca Salsi, Annalisa Stroppa, Mariana Pentcheva, Judit Kutasi, Gabriele Sagona, Costantino Finucci, Gianluca Breda, Francesco Verna, Carlo Bosi, Orchester und Chor der Mailänder Scala

Termine: 7.12. (Premiere), 16., 19. & 22.12.2017, 2. & 5.1.2018

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