Opern-Kritik: Opernfestspiele Heidenheim – Un giorno di regno

Rossini lässt grüßen

(Heidenheim, 27.7.2017) Festivalintendant Marcus Bosch und Regisseurin Barbora Horáková Joly entdecken den jungen Komödianten Verdi so frech wie hoch kompetent neu

Un giorno di regno/Opernfestspiele Heidenheim © Oliver Vogel

Szenenbild aus "Un giorno di regno"

Universalgenies wie Shakespeare oder Mozart hatten beides: Leichtsinn und Tiefsinn, und sie konnten beides: Komödie und Tragödie. Die Heroen des Musiktheaters im 19. Jahrhundert aber, die Jahrgangsgenossen Verdi und Wagner, taten sich mit der Kernkompetenz Komik schwer. „Traviata“ oder „Tristan“ beginnen und enden zu Tode betrübt. Just am Anfang ihrer Karrieren versuchten sich Verdi wie Wagner freilich in Heiterkeit, um erst in der Spätphase ihrer Komponistenkarrieren nach sehr vielen toten Heldinnen und Helden noch einen fulminanten letzten Versuch zu starten, ihr Publikum zum Lachen zu bringen. Die beiden C-Dur-Opern, Verdis „Falstaff“ und Wagners „Meistersinger“, stecken voller frechem Witz.

Der junge Verdi verneigt sich vor seinen Vorvätern

Wer nun Verdis jugendfrischen Erstling in Sachen Komik bei den Opernfestspielen Heidenheim erleben durfte, „Un giorno di regno“, spürt eher subkutan die Anklänge an das spätere Meisterwerk des Witzes. Der junge Mann aus Roncole ist in seiner ersten Opera buffa noch auf der Suche nach der eigenen Handschrift, verbeugt sich stattdessen deutlich vor seinen Vorvätern – seinen Landsmännern Donizetti und Rossini. Es gleicht einem hochspannenden Unterfangen, das Marcus Bosch nun als Festivalintendant auf dem anderen, dem schwäbischen Grünen Hügel wagt: Er stellt der opulenten Open-Air-Oper – in diesem Jahr Wagners „Der fliegende Holländer“ – den jungen Verdi gegenüber: Beginnend mit dem „Oberto“ im vergangenen Jahr wird das Frühwerk jetzt in Heidenheim kontinuierlich abgearbeitet, pro Festivalsaison gibt’s eine Wiederentdeckung mit dem deutlich unterrepräsentierten Oeuvre. Im kommenden Jahr stehen – besonders reizvoll – Verdis Nr. 3 und Nr. 4 auf dem Spielplan: Draußen, in der stimmungsstarken wie akustikfeinen Ruine von Burg Hellenstein, wird dann der „Nabucco“ Premiere feiern, drinnen im Festspielhaus gehen die „Lombardi“ über die Bühne.

Mit köstlich überdrehten Typen ausgestattetes, wunderbar überspitztes Verwechslungs- und Verschwörunsgwerk

Szenenbild aus "Un giorno di regno"

Un giorno di regno/Opernfestspiele Heidenheim © Oliver Vogel

Im diesjährigen „Un giorno di regno“, zu deutsch „König für einen Tag“, wird ein uns arg fernliegender historischer Hintergrund aufgerollt. Der polnische König Stanislaw I. Leszczyński kehrt heimlich aus dem französischen Exil in seine Heimat zurück. Um dort nicht erkannt zu werden, vertuscht er seine Abwesenheit, indem er dem Cavaliere Belfiore den Aufrag erteilt, ihn in Frankreich zu vertreten. Besagter Belfiore nutzt seine Chance für allerhand Liebesintrigen und Komplotte, bis der falsche König am Ende natürlich auffliegt. Der richtige Amtsinhaber muss dazu in der Oper selbst gar nicht auftreten. Es entspannt sich auch ohne ihn ein nach allen Regeln der Commedia dell’arte abschnurrendes, mit köstlich überdrehten Typen ausgestattetes, wunderbar überspitztes Verwechslungs- und Verschwörunsgwerk. Rossini läßt grüßen.

Pizza und Pasta für alle

Barbora Horáková Joly tut nun gut daran, sich um den eigentlichen geschichtlichen Kontext so gar nicht zu scheren. Die junge Regisseurin tritt beherzt die Flucht nach vorn an und verlegt die Handlung geradewegs in eine Pizzeria der 1970er Jahre. In der wird echte Pasta gekocht und dann auch live den Sängerinnen und Sängern serviert und von ihnen verspeist.

Szenenbild aus "Un giorno di regno"

Un giorno di regno/Opernfestspiele Heidenheim © Oliver Vogel

Der die Darsteller entfesselnde Aktionismus und die Fantasie der Tschechin, die in München Regie studierte und mit großen Kollegen wie Calixto Bieito oder David Bösch zusammenarbeitete, würde nun locker für drei Inszenierungen reichen. Die rechte Dosierung ihrer Einfälle wird sich in Zukunft noch einstellen. Das Phänomen kennt man von heutigen Regie-Meister wie Stefan Herheim. Ihr konzeptioneller Dreh der Hauptfigur funktioniert jedenfalls bestens. Cavaliere Belfiore gibt sich durchaus als „König von Polen“ aus, dies will im Kontext eines süditalienischen Restaurants indes heißen: Er legt sich den Spitznamen eines im knallroten Hemd gewandeten Mafia-Paten zu, als der er seine furchteinflößende Machenschaften ausführen kann. Grotesken Verwicklungen steht damit nichts im Wege. Die fulminante Sängerbesetzung einschließlich des Tschechischen Philharmonischen Chors Brünn wirkt wie entfesselt.

Ein gefeiertes Ensemble

Szenenbild aus "Un giorno di regno"

Un giorno di regno/Opernfestspiele Heidenheim © Oliver Vogel

Die größten Entdeckungen im Ensemble sind dabei nicht nur baritonwendige Gocha Abuladze als falscher König. Als Pizzeriabesitzer Baron Kelbar gibt Davide Fersini ein Musterbeispiel bassbaritonal buffonesker Parlandokunst. Dem tenoralen Liebhaber des Edoardo di Sanval leiht Giuseppe Talamo seine herrlich leicht ansprechende, mühelos bis zum hohen C strömende, jungmännisch charmante Stimme. Die Marchesa del Poggio adelt Elisabeth Janson mit aufregend geschärfter Mezzodramatik und gleichwohl wundervoll warm runden Primadonnenton.

Das Festivalorchester der Cappella Aquileia entfacht fulminantes Verdi-Feuer: Ein CD-Mitschnitt ist in Arbeit

Das Ereignis des Abends aber ist die Cappella Aquileia – das Festivalorchester, das Marcus Bosch gleichsam nach dem Vorbild von Luzern aus handverlesenen Überzeugungstätern zusammengestellt hat, die ihren Verdi mit dem ganzen Esprit der historischen Aufführungspraxis aufladen. Die artikulatorische Prägnanz der herrlichen Holzbläser kommt ganz leichtfüßig, mit selbstverständlicher Italianità aus dem hochgefahrenen Graben. Die Streicher haben eine beredte Seidigkeit und bescheren uns immer wieder neues temporeich straffes Stretta-Glück. Da entfacht Marcus Bosch ein unerhörtes, maximalmotiviertes Verdi-Feuer, aus dem die schnellen kleinen Notenwerte wie Funken sprühen und glitzern. Ein Trost für all jene, die die Heidenheimer Aufführungen verpasst haben: Ein CD-Mitschnitt ist in Arbeit.

Opernfestspiele Heidenheim
Verdi: Un giorno di regno

Ausführende: Marcus Bosch (Leitung), Barbora Horáková Joly (Regie), Eva-Maria Van Acker (Kostüme), Gocha Abuladze, Davide Fersini, Michaela Maria Mayer, Elisabeth Jansson, Giuseppe Talamo, David Steffens, León de la Guardia, Daniel Dropulia, Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn, Cappella Aquileia

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