Ballett-Kritik: Tanztheater Wuppertal – Die sieben Todsünden

Lebendiger Mythos

(Wuppertal, 21.1.2018) Pina Bauschs moderner Tanzklassiker erstrahlt auch Jahre nach ihrem Tod in schöner Leichtigkeit

Die sieben Todsünden/Tanztheater Wuppertal Pina Bausch © Oliver Look

Szenenbild aus "Die sieben Todsünden"

Allein in der aktuellen Spielzeit gibt es Tourneen nach Oslo, Amsterdam, London, Paris und Taiwan. Auch neun Jahre nach dem Tod seiner Gründerin ist das Tanztheater Pina Bausch eine Art Weltkulturmarke. Und das, obwohl es seit 2009 keine nennenswerten Neuproduktionen gab, die ganze Energie der Truppe in die Aufpolierung und Neueinstudierung des über 35 Jahre erarbeiteten Repertoires floss.

Die Einstudierung macht staunen – alles wirkt frisch und spontan

Warum dies nach wie vor ein Erfolgsrezept ist, zeigte jetzt die Wiederaufnahme-Premiere des zuletzt 2009 aufgeführten Brecht-Weill-Abends aus dem Jahr 1976. Die Perfektion der Einstudierung macht staunen und doch wirkt alles frisch und spontan. Allein das musikalische Niveau ist unerhört hoch, angefangen beim scharfkantig aber nie knallig aufspielenden Sinfonieorchester Wuppertal, über das präzise und sinnlich singende Herrenquartett aus dem Ensemble der städtischen Oper, bis hin zu den prägnant gestaltenden Solistinnen Cora Frost und Therese Dörr, die sich in der Rolle, die einst Mechthild Großmann, mittlerweile Fernsehikone als tiefstimmige Staatsanwältin im Münster-Tatort, kreierte, hervorragend schlägt.

Eine schöne Leichtigkeit liegt über dem von Josephine Ann Endicott einstudierten Abend, einer Veteranin der Truppe, die schon 1976 dabei war und den Abend immer noch tanzend und singend um viele schöne Momente bereichert.

Virtuose Verzahnung von Tanz, Spiel und Gesang

Szenenbild aus "Die sieben Todsünden"

Die sieben Todsünden/Tanztheater Wuppertal Pina Bausch © Franziska Strauss

Man sieht die Revolution, die diese Art von Theater vor über 40 Jahren auslöste, oder schlicht: war, und genießt es. Den direkten Weg von der Text- und Musikvorlage zum Gefühl und Ausdruck, die Drastik der Bewegungen, die nie bedeutungsschwanger oder schwerfällig wirken, den schönen Witz, das Ignorieren von Tabus – im zweiten Teil tragen alle Männer im Ensemble Frauenkleidung – und die virtuose Verzahnung von Tanz, Spiel und Gesang.

Da singt ein gut 20-köpfiges Tänzerensemble aus mindestens zehn verschiedenen Nationen die „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“ a cappella und unverstärkt, führt dabei eine so komplexe wie sinnfällige Choreografie aus – und man versteht jedes Wort. Wo gibt es das sonst auf der Welt? Wer kann so etwas?

Revolution und Museum

Und doch stellen sich Fragen – bei aller Virtuosität und Ausdruckslust, bei aller Aktualität, die in den von Stephanie Troyack berührend getanzten „Sieben Todsünden“ wie in der erschreckenden, nicht nur unterschwellig gewalthaften, leitmotivisch eingesetzten „Beziehung“ zwischen dem stets lüstern „Fürchte dich nicht!“ raunenden Schauspieler Jürgen Hartmann und der Tänzerin Ditta Miranda Jasjfi deutlich aufscheint. Denn das Theater hat sich naturgemäß weiterentwickelt in diesen vierzig Jahren. Das Publikum, das die einst so angefeindete Ästhetik heute mit spürbarer Liebe hochleben lässt, erscheint in weiten Teilen mitgealtert.

Szenenbild aus "Die sieben Todsünden"

Die sieben Todsünden/Tanztheater Wuppertal Pina Bausch © Franziska Strauss

Der eine oder andere Moment wirkt durchaus von gestern, durchaus museal. Wie lang lässt sich eine geniale Existenz, eine große Karriere mit über 30 Jahren herausragendem kreativem Output, auf der Bühne eigentlich konservieren? Wie lange lässt sich diese besondere Besonderheit noch erhalten? Wie würde ein 16-jähriger Schüler das heute erleben?

Adolphe Binder wagt auch den Schritt in die Zukunft

Da macht es Mut, dass man sich in Wuppertal entschlossen hat, mit der zuvor in Göteborg tätigen Choreografin Adolphe Binder aktiv den Schritt in die Zukunft zu wagen. Zwei Uraufführungen wird es, erstmals seit langer Zeit, im Mai und Juni geben. Darauf, was der oft interdisziplinär und meistens sehr spektakelhaft arbeitende Grieche Dimitris Papaioannou und der von den postmodernen Theoretikern stark beeinflusste, auch Sprechtheater inszenierende Norweger Alan Lucien Øyen diesem fantastischen Ensemble zutrauen, darf und muss man gespannt sein.

Tanztheater Wuppertal im Opernhaus
Die sieben Todsünden

Pina Bausch (Choreografie), Jan Michael Horstmann (Leitung), Josephine Ann Endicott, Julie Shanahan (Probenleitung), Cora Frost (Anna I), Stephanie Troyack (Anna II), Mark Bowman-Hester, Sebastian Campione, Sangmin Jeon, Simon Stricker (The Family), Therese Dörr, Jürgen Hartmann, Ingeborg Wolff (Gastsolisten in „Fürchtet euch nicht“), Ensemble des Tanztheaters Pina Bausch, Sinfonieorchester Wuppertal

Weitere Termine: 24., 26., 27. & 28.1.2018

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *