Opern-Kritik: Ravenna Festival – Cavalleria Rusticana / I Pagliacci

Italienischer Verismo-Rap

(Ravenna, 17/18.11.2017) Cristina Mazzavillanti Muti inszeniert die Verismo-Zwillinge mit fantastischem filmischem Realismus und gefeierten jungen Sängern

Cavalleria rusticana/Ravenna Festival © Fabrizio Zani

Szenenbild aus "Cavalleria rusticana"

Ravenna, das ist die Stadt der Kunst, die Stadt der Mosaiken, die Stadt der Festivals und: die Stadt der starken Frauen. Auch Cristina Mazzavillanti Muti gehört zur Spezies der letzteren. Sie schwebt denn auch als Präsidentin des traditionsreichen Ravenna Festivals keineswegs repräsentativ über den künstlerischen Dingen und organisatorischen Abläufen. Sie gestaltet, sie inszeniert Opern und sie initiiert weitreichende Musikvermittlungsprojekte, die in Italien ihres Gleichen suchen. Die Herbsttrilogie, die an einem Novemberwochenende gleich drei Opernpremiere in unmittelbarer Folge aufeinander folgen lässt und das Sommerfestival flankiert, steht komplett unter ihrer Ägide. Ja, Signora Muti ist nebenbei auch die Gattin eines der wichtigsten Dirigenten unserer Zeit. Als starke Frau ist sie freilich zu aller erst Künstlerin aus eigenem Recht. In diesem Jahr nun hat sie sich drei Opern des Verismo vorgenommen, um diese im Schmuckkästchen des Teatro Dante Alighieri in Szene zu setzen.

Muttis Mut: Signora Muti setzt auf junge Sänger

Anders als im einstigen Theater ihres Mannes, der Mailänder Scala, sind die technischen wie finanziellen Mittel hier überschaubar. Sängerstars wären nicht nur zu teuer, nein, sie sind hier auch gar nicht gefragt. Signora Muti setzt auf den Nachwuchs: im Graben mit dem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, auf der Bühne mit einer in aufwändigen Auditions ausgewählten jüngeren Sängerriege. Sehr jung sind die wenigsten, zu dramatisch ist das Repertoire des Verismo. Aber es sind so manche Entdeckungen darunter, Spätentwickler, Quereinsteiger, Sänger, die ihr Fach erweitern wollen. Für Aufhorchen sorgt La Muti da an jedem Abend.

Musikvermittlungsprogramm als Remix der Verismo-Zwillinge: Diese Stücke gehen uns etwas an

Remix zu Cavalleria rusticana/Ravenna Festival

Remix zu Cavalleria rusticana/Ravenna Festival © Fabrizio Zanio

Für Erstaunen sorgt die Festival-Präsidentin mit dem Auftakt der beiden, auf zwei Abende verteilten Premieren von „Cavalleria Rusticana“ und „I Pagliacci“. Denn ein Remix der in diesem Falle also getrennten Verismo-Zwillinge eröffnet jeweils die Opernvorstellung. Das sind Musikvermittlungsprogramme, in denen Schüler sich die Geschichten der Werke aus ihrer jugendlichen Perspektive heraus aneignen. Das Ergebnis sollen sich alle Premierengäste ansehen, es wird nicht als freiwilliges, gut gemeintes Rahmenprogramm angeboten, das man gern auch mal verpassen darf, sondern als integraler Bestandteil der Inszenierung.

Cristina Mazzavillanti Muti ist mutig, denn manche ihrer Landsleute würden gern gleich zum gepflegten Wiederhören der beiden Verismo-Hits übergehen. Doch sie wertet die wertvollen Arbeiten der jungen Leute zusätzlich auf. Im Falle von „Cavalleria Rusticana“ sind das die enorm substanziellen Texte von Enrico Brusi, der sie als Rezitator auch selbst vorträgt, und die von angejazzten oder auch mal schlagerähnlichen Songs eingerahmt werden, die direkt auf den Arien der Opern basieren. Wir lernen, was Eifersucht und Verlassen-Werden heute bedeutet, warum Melancholie die Essenz der Liebe und die romantische Amore immer noch aktuell ist. Das Wirklichkeitsideal des Verismo stellt sich auf einmal ganz selbstverständlich ein, ohne oberlehrerhafte Aktualisierungswut des Regieteams, ganz einfach, weil junge Leute uns erzählen, was das Schicksal von Santuzza und Turridu sie angeht, uns angeht.

Remix zu I Pagliacci/Ravenna Festival

Remix zu I Pagliacci/Ravenna Festival © Fabrizio Zanio

Genialisch eingesetzte Film-Projektionen machen ein Bühnenbild überflüssig

Cristina Mazzavillanti Muti kann sich in ihrer Inszenierung hernach auf ein durchaus traditionelles Erzählen der Geschichte verlassen, den Gegenwartsbezug gab’s ja schon vorab. Wobei Riccardo Mutis Gattin durchaus mit Details überrascht, die wir im konservativen Opernland Italien kaum erwarten würden. Ihre Ästhetik ist in „Cavalleria Rusticana“ mitunter dem Schwarz-Weiß-Film des guten alten Nachkriegsitalien von Fellini & Co. abgeguckt. Und überhaupt: Statt eines aufwändig gebauten Bühnenbildes setzt Muti sehr clever auf Videoprojektionen, die das Geschehen mit verblüffendem Realismus an uns heran zoomen. Genialisch fährt die Kirche der zentralen Oster-Prozession des Stücks immer näher an uns heran. Oper und Film werden zu Geschwistern im Geiste.

Mutig moderne Pointen rauen die Geschichte auf: Ein katholischer Priester ist eine Frau, ein anderer hat Parkinson. Eine „Una vecchia“ genannte stumme Rolle ist der Besetzung hinzugefügt, gespielt von einem männlichen Schauspieler. Ist das eine gealterte Santuzza, die auf ihre Jugend zurückschaut? Ist es das personifizierte Schicksal? Oder ist das Dichter Dante höchstpersönlich, der einst von Florenz nach Ravenna fliehen musste und wenige Meter vom nach ihm benannten Teatro seine letzte Ruhe fand?

Eine Gänstehaut-„Cavalleria“ voller Sängerüberraschungen

Tolle Überraschungen gibt es bei den Sängern zu vermelden: Chiara Mogini schenkt der Santuzza ihren noch klein dimensionierten, aber eindeutig schon dramatischen Sopran, Aleandro Mariani leiht dem Turridu seinen nur zu Beginn noch etwas kehligen, dann aufregend kastaniendunklen Tenor, Olksandr Melnychuk ist ein baritonimposanter Alfio, der in ruhiger Gewalttätigkeit demonstriert, dass er weiß, wie sehr er seinem Nebenbuhler überlegen ist. Die Chöre sind eine Wucht. Und die lasziv gurrende Lola der Anna Malavasi hat am Ende das letzte Wort: „Hanno ammazzato compare Turridu“. Eine Gänsehaut-„Cavalleria“.

Szenenbild aus "Cavalleria rusticana"

Cavalleria rusticana/Ravenna Festival © Fabrizio Zanio

Saftig, ungekünsteltes, authentisches Musizieren

Sogar noch stärker gerät der zweite Abend mit „I Pagliacci“. Geschickt kontextualisieren Schüler zunächst wiederum das Stück und fragen uns musikalisch und tänzerisch: Ist der Rap nicht der heimliche Verismo unserer Zeit? Enorm stark zeigt dann Vladimir Ovodok am Pult des Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, wie Leoncavallo hier die uritalienische, herrlich knallige Banda-Tradition mit der Harmonik eines Richard Wagner zusammenband. Da wird saftig, ungekünstelt, enorm authentisch musiziert. Und ebenso gesungen. Die in der Aufführungsgeschichte üblich gewordenen, meist allzu angeberisch präpotenten Spitzentöne von Tonio, Canio und Beppe hat der Dirigent seinen Sängern ausgetrieben, rückt deren Arien und Canzonen auf diesem Wege wieder an die Volksmusik heran, aus deren Humus und Fundus sie Leoncavallo einst emporschöpfte. Der warm timbrierte, mit edlen Kopfresonanzen aufwartende, seinen Tonio in Falstaff-Nähe rückende Bariton Kiril Manolov führt hier das Ensemble an, sein heldischer Tenorkollege als Canio ist der aufregende Spätentwickler des Diego Cavazzin, vom Festival individuell gefördert und mit Riccardo Mutis Hilfe auf den Weg einer möglichen Karriere an großen Häusern gebracht.

Bajazzo-Finale im Caravaggio-Zwielicht

Szenenbild aus "I Pagliacci"

I Pagliacci/Ravenna Festival © Fabrizio Zanio

Cristina Mazzavillanti Muti schärft ihre filmischen Ansätze in „I Pagliacci“ nochmals deutlich, formuliert mit den ins grelle Scheinwerfer-licht gestellten, scheinbar privaten, das Gefühlsleben offenbarenden Arien in diesem Naturalismus-Drama dezidiert die Adorno-Frage nach dem richtigen Leben im falschen. Das ins Caravaggio-Licht des Chiaro-Scuro getauchte Finale geht unmittelbar unter die Haut: „La Commedia è finita“.

Ravenna Festival
Mascagni: Cavalleria Rusticana / Leoncavallo: I Pagliacci

Vladimir Ovodok (Leitung), Cristina Mazzavillanti Muti (Regie), David Loom (Video Designer), Davide Broccoli (Video Programmer), Vin-cent Longuemare (Light Designer), Alessandro Lai (Kostüme), Chiara Mogini, Aleandro Mariani, Olksandr Melnychuk, Anna Malavasi, Antonella Carpenito, Estibaliz Martyn, Diego Cavazzin, Kiril Manolov, Giovanni Sala, Igor Onishchenko, Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, Coro del Teatro Municipale di Piacenza, Coro di voci bianchi Ludus Casati

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *