Opern-Kritik: Ruhrtriennale – Pelléas et Melisande

Ein Trio in der Leere

(Bochum, 18.8.2017) Die Eröffnungsproduktion der Ruhrtriennale überzeugt lediglich musikalisch

Pelléas et Mélisande/Ruhrtriennale 2017 © Ben van Duin/Ruhrtriennale 2017

Szenenbild aus "Pelléas et Mélisande"

An „Pelléas et Mélisande“ interessiert den Regisseur Krzysztof Warlikowski offenbar einzig das Trio der Protagonisten. Dass das Orchester am anderen Ende der Bochumer Jahrhunderthalle platziert ist, lässt sich durchaus konzeptionell lesen. Den kompakten und dabei wunderbar flexiblen Klang, das Schillern in Schichten, die vielen poetischen Lichtpunkte, die Sylvain Cambreling und die feinen Bochumer Symphoniker trotz der bekannt problematischen Akustik der Halle hörbar machen, lässt der Regisseur zwar zu. Inspirieren lässt er sich davon keineswegs.

Egoistische Figurenporträts

Szenenbild aus "Pelléas et Mélisande"

Pelléas et Mélisande/Ruhrtriennale 2017 © Ben van Duin/Ruhrtriennale 2017

Warlikowski geht es ausschließlich um heutige Figurenporträts. Barbara Hannigans Mélisande: eine männer- und körperfixierte Heimatlose, eine bewusste Verführerin von raumgreifender Passivität. Phillip Addis‘ Pelléas: ein kindlicher, elegant-lebensferner Dandy von fast aufreizendem Phlegma. Schließlich Leigh Melrose als Golaud: ein innerlich zerrissener, vor Aggressivität platzender Platzhirsch mit schwarzem Bart und glühenden Augen, ein Dschihadist des Privatlebens. Alle drei Figuren setzen ihr Ich absolut, sehen nur die eigene Entfaltung, die eigene Wohlfahrt, für die sie bedenkenlos den jeweils anderen verletzen. Und sie sehen nicht die Verhältnisse, die Traditionen und Entwicklungen, die sie in ihre Lage gebracht haben und darin festhalten – oder sie akzeptieren sie stillschweigend. Junge Menschen von heute?

Barbara Hannigan fasziniert

Hannigan, Addis und Melrose bewältigen und gestalten die gewaltigen Anforderungen ihrer Partien mühelos und auf hohem Niveau, Addis eher mit Dynamik als mit raffinierter Phrasierung, Melrose mit einem Übermaß an Energie bei gar nicht übermäßig großer Stimme. Barbara Hannigan fasziniert in allem, zusätzlich gesegnet mit der Aura eines großen Stars, die Warlikowski gleich mehrfach bewusst in Szene setzt. Alle drei Figuren faszinieren. Sie berühren sogar – für eine kleine Weile. Denn sie sind statisch angelegt, dürfen, können sich nicht entwickeln. Und ertrinken in der großbürgerlich-holzgetäfelten Leere um sich herum, die schlicht szenisch nicht gestaltet ist. Aus der leuchtet nur Franz-Josef Seligs großartiger Bass heraus, der als uralter König Arkel keine Figur sein darf und zum gesichtslosen Anzugträger herabgewürdigt wird. Wie das ganze Schloss Allemonde. Wie Debussys einzigartiges Wunderwerk, das ausgebeutet, aber nicht gestaltet wird. Vier Stunden können eine lange Zeit sein.

Szenenbild aus "Pelléas et Mélisande"

Pelléas et Mélisande/Ruhrtriennale 2017 © Ben van Duin/Ruhrtriennale 2017

Ruhrtriennale
Debussy: Pelléas et Melisande

Ausführende: Sylvain Cambreling (Leitung), Krzystof Warlikowski (Regie), Malgorzata Szczesniak (Bühne & Kostüme), Barbara Hannigan, Phillip Addis, Leigh Melrose, Franz-Josef Selig, Sara Mingardo, Caio Monteiro, ChorWerk Ruhr, Bochumer Symphoniker

Termine: 18.8. (Premiere), 24., 26., 27. & 31.8., 1. & 3.9.2017

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