Opern-Kritik: Staatsoper Hamburg – Lulu

Dem Andenken einer Schlange

(Hamburg, 12.2.2017) Christoph Marthaler unterkühlt Alban Bergs monströse Femme Fatale

© Monika Rittershaus

Dem Andenken einer Schlange

Barbara Hannigan, Ivan Ludlow, Jochen Schmeckenbecher

Auf der Bühne der Staatsoper steht zu Beginn von „Lulu“ eine weitere Bühne, ein bisschen herunterkommen und mit seinem Glitzervorhang auch ein bisschen billig. Der Maler porträtiert Lulu, ohne sie anzusehen, und blickt stattdessen auf eines der bereits gemalten Bilder, das er schlichtweg kopiert. Lulu, das Original zur Kopie der Kopie der Kopie, liegt währenddessen nahezu unbeachtet in jener Position, die auch das Motiv darstellt: zusammengekauert in Embryonalstellung, den Rücken dem Publikum zugewandt. Ein aufreizendes Wesen, das die Männer um den Verstand bringt, ist Lulu in diesem blauen, schlabberigen Bademantel ganz und gar nicht, auch dann nicht, als sie sich dessen entledigt und ein Oberteil mit Totenkopf zum Vorschein kommt. Angsteinflößend ist sie auch nicht, diese todbringende Schlange, wie sie der Zirkusdirektor zu Beginn der Vorstellung präsentiert. Der einzige Mord, den sie eigenhändig begeht und nicht nur provoziert, ist allenfalls grotesk: ein Schuss aus der Pistole, Ehemann Nummer drei tot, kurze Verbeugung vor dem Publikum, weiter im Text.

Im Terrarium werden die Protagonisten an Lulu verfüttert

Martin Pawlowsky, Barbara Hannigan © Monika Rittershaus

Es braucht seine Zeit, bis man Gefallen an der (oberflächlich betrachtet) spröden Inszenierung Christoph Marthalers findet, für die er erneut in der Kostüm- und Bühnenbildnerin Anna Viebrock seine langjährige, kongeniale Partnerin fand. Letztendlich hat der Regisseur die Schlange Lulu bildlich gesprochen in ein Terrarium mit Panzerglas gesteckt mitsamt der Protagonisten, die nach und nach an Lulu verfüttert werden, ehe sie selbst zum Opfer jener Geister wird, die sie rief. Ihre entwaffnenden Reize, die sie allzu oft als tödliches Machinstrument gegenüber ihren Mitmenschen einsetzt, sind ebenfalls in diesem Terrarium eingeschlossen. Barbara Hannigan, die bereits an der Brüsseler Monnaie die in allen Belangen unverschämt schwierige Partie sang, scheint eine Paraderolle gefunden zu haben: Nicht nur als Sängerin, sondern auch als Dirigentin ist sie mit der Oper vertraut, auch wenn sie bislang „nur“ die „Lulu-Suite“ dirigierte und parallel dazu sang. Doch man merkt, wie sehr sie das Werk musikalisch durchdrungen hat, wenn sie auf der Bühne der Staatsoper ihre scheinbar ungelenken Choreographien absolviert, wie ein Springball mal ekstatisch, mal apathisch umherhüpft, Purzelbäume schlägt und die Männer als Akrobatikinstrument benutzt wie eine Poledancerin ihre Stange – und dabei bisweilen die komplette Partitur samt Einsätze der einzelnen Instrumentengruppen traumwandlerisch in Bewegung umsetzt.

Paraderolle für Barbara Hannigan

Doch wenn die kanadische Sopranistin und ausgebildete Tänzerin zum Singen ansetzt, tritt all das in den Hintergrund. Fast schon mit zurückhaltender Noblesse, bisweilen lyrisch-introvertiert, verleiht sie ihrer Lulu eine zerbrechliche Tongebung. Nein, dieses Wesen ist nicht das personifizierte Verderben, sie ist eine Frau aus Fleisch und Blut, unfähig zu Interaktion und Kommunikation und wird deshalb von allen missverstanden.

Fragezeichen hinter ein berühmtes Fragment gesetzt

Barbara Hannigan, Veronika Eberle © Monika Rittershaus

Nachdem Alban Berg die ersten beiden Akte vollständig auskomponiert hatte, erhielt der Komponist die Nachricht vom Tod der an Kinderlähmung erkrankten Manon Gropius. Um der Verstorbenen ein Denkmal zu setzen, unterbrach er die Arbeit an seiner Oper und schrieb sein einziges Violinkonzert, versehen mit der Widmung „Dem Andenken eines Engels“. „Lulu“ indes konnte Berg nicht mehr zu Ende komponieren, denn ein halbes Jahr nach Fertigstellung des Violinkonzerts verstarb er am Weihnachtsabend 1935. In dieser bittersüßen Ironie der Musikgeschichte liegt auch der Kern der Hamburger Aufführung: Der nur als Particell überlieferte und dreißig Jahre später von Friedrich Cerha vollendete dritte Akt erklingt in einer Rohfassung für zwei Klaviere und eine Geige. Als Epilog auf den Tod der Bestie Lulu folgt ausgerechnet dieses von Veronika Eberle so schmerzvoll und doch so zärtlich vorgetragene Violinkonzert. Ist die Femme fatale ohnehin schon schwer zu fassen – mit diesem „Requiem“ setzt das Team um Marthaler noch ein weiteres Fragezeichen hinter diesen unfassbaren Charakter.

Bezwingender Kontrapunkt zur expressiven Wirkungsmacht der Musik

Dietmar Kerschbaum, Veronika Eberle, Jochen Schmeckenbecher, Matthias Klink, Denis Velev, Marta Świderska, Bendix Dethleffsen, Anne Sofie von Otter, Sergei Leiferkus, Barbara Hannigan (liegend) © Monika Rittershaus

Sicherlich ist das Konzert als Pointe nach dem monströsen musiktheatralischen Brocken allein schon von der Spieldauer her zu opulent, sicherlich ist auch die emotionale Unterkühltheit der grotesken bis surrealen Szenerie Marthalers und Viebrocks zu durchgeistigt. Allerdings setzt dieses Arrangement einen bezwingenden Kontrapunkt zur expressiven Wirkungsmacht der Musik, die Kent Nagano und sein brillantes Gesangsensemble mit Klarheit und einer erfrischenden, bei Berg selten gehörten Zurückhaltung ohne Knalleffekte oder erschlagende Klänge ausformen. Die dritte Neuinszenierung seit der Hamburger Erstaufführung vor genau sechzig Jahren mag zwar bei aller musikalischen Perfektion nicht für die Ewigkeit geschaffen sein, gleichwohl setzt Marthalers ungewöhnliche Lesart dieser in letzter Zeit inflationär auf die Bühne gebrachten Oper vollkommen neue Akzente.

Staatsoper Hamburg
Berg: Lulu

Ausführende: Kent Nagano (Leitung), Christoph Marthaler (Regie), Anna Viebrock (Bühnenbild und Kostüme), Martin Gebhardt (Licht), Malte Ubenauf (Dramaturgie), Barbara Hannigan (Lulu), Anne Sofie von Otter (Gräfin Geschwitz), Marta Swiderska (Eine Theatergarderobiere), Martin Pawlowsky (Der Medizinalrat), Peter Lodahl (Der Maler/Der Neger), Jochen Schmeckenbecher (Dr. Schön), Matthias Klink (Alwa), Zachary Altman (Ein Tierbändiger/Ein Athlet), Sergei Leiferkus (Schigolch), Dietmar Kerschbaum (Der Prinz/Kammerdiener), Denis Velev (Theaterdirektor), Veronika Eberle (Violine), Bendix Dethleffsen (Pianist), Liliana Benini (Darstellerin 1), Begoña Quiñones (Darstellerin 2), Sasha Rau (Darstellerin 3), Sylvana Seddig (Darstellerin 4), Marc Bodnar (Darsteller), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

7 Antworten zu “Dem Andenken einer Schlange”

  1. Birgit Pöhlsen sagt:

    Es wurden große Erwartungen geweckt, aber in keinster Weise erfüllt. Die Spielauer mit rund vier Stunden war eine harte Geduldsprobe für Auge, Ohr und Gesäß.

    • Jürgen Voigt sagt:

      Wie ist das mit „FAKE-FACTS““ Spieldauer natürlich 3 (drei) Stunden, weil zwei ca. halb-stündige Pausen!!!
      Probleme? Ich habe die Vorstellung heute (=gestern) Abend mit Begeisterung genossen!
      Ja, anspruchsvoll. Ja, lang. Aber: Wer masst sich an zu behaupten, es seien „große Erwartungen geweckt, aber in keinster Weise erfüllt“ worden? Was haben Sie erwartet? Und wer sind Sie, dass Sie „Erwartungen“ an eine Inszenierung in der Staatsoper haben?
      Dennoch: freundliche Grüße!
      Jürgen Voigt

  2. Alexandra sagt:

    Vielleicht bin ich nicht vergeistigt genug – ich konnte der Inzenierung nichts abgewinnen, trotz einer großartig gesungenen und dargestellten Lulu von Barbara Hannigang. Ich bin nach dem ersten Akt gegangen …

    • Jürgen Voigt sagt:

      Hallo Alexandra! Diese großartige Sängerin heisst nicht so, wie Sie sie schreiben!
      Also – Sorgfalt ist erst mal wichtig. Aber was mich entsetzt: Sie verlassen nach dem I.Akt das Theater und massen sich ein Urteil über die Inszenierung an?
      Das ist nicht nur fahrlässig, sondern in erster Linie dumm und unverschämt.

      Mit dennoch freundlichem Gruß
      Jürgen Voigt

  3. Beatrice Siercke sagt:

    Ein grandioses Erlebnis ! Herz und Gemüt sind erfüllt mit Dankbarkeit

    • Jürgen Voigt sagt:

      Danke, liebe Frau Siercke, für Ihre klare, knappe und – auch für mich – zutreffende Äußerung! Ich war diesen Abend in der Vorstellung und bin tief beeindruckt und beglückt!
      Schöne Grüße!
      Jürgen Voigt, Musiker aus Hamburg

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