Musical: „Kinky Boots“ in Hamburg

Charmante Glitzeroffensive

(Hamburg, 3.12.2017) Im Operettenhaus stöckelt sich Drag Queen Lola zur Musik von Cindy Lauper durch eine Show voller Glamour und Menschlichkeit

Kinky Boots/Stage Operettenhaus Hamburg © Johan Persson

Szenenbild aus "Kinky Boots"

Die Hamburger Reeperbahn ist seit Sonntag um eine schrille Attraktion reicher. Denn erstmals tummeln sich die Drag Queens des Musicals „Kinky Boots“ aus der Feder von Harvey Fierstein und Popikone Cyndi Lauper nun auch auf einer deutschen Bühne.

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Die Geschichte ist so simpel wie eingängig und real, basiert sie doch auf einer wahren Begebenheit, die zunächst als Fernsehdokumentation gezeigt, dann zu einem Spielfilm verwurstet und schließlich als Musical-Adaption den Weg auf die Bühne fand: Als Charlie nach dem Tod seines Vaters dessen marode Schuhfabrik in der englischen Provinz übernimmt, die kurz vorm Bankrott steht, will er nur eins: die Firma verkaufen und schnellstmöglich wieder zurück nach London in die Arme seiner Verlobten Nicola eilen. Allein sein Gewissen hält ihn davon ab, ist er doch quasi mit den Angestellten seines Vaters aufgewachsen. In Charlie regt sich die Verantwortung.

Als er dann eines Nachts zufällig die Bekanntschaft der Drag Queen Lola macht, die ihm erzählt, wie teuer ihre High Heels trotz schlechter Qualität doch sind, weil sie für Frauen- und eben nicht für schwere Männerkörper gefertigt sind, keimt in Charlie ein Plan auf. Mit Stöckelschuhen für Drag Queens will er eine Marktlücke erobern. Also schleppt er Lola und ihre Drag-Queen-Truppe, die Angels, von London in die Provinz. Jetzt gilt es, Schuhe zu machen. Dass die glamouröse Lola die Provinz mächtig aufwirbelt, versteht sich von selbst. Und neben dem Kreieren der titelgebenden Kinky Boots geht es ganz nebenbei noch um Liebe, Selbstfindung, Toleranz und Nächstenliebe. Das volle Musical-Herzschwärmprogramm eben. Allerdings in Bunt statt in Verkitscht.

Szenenbild aus "Kinky Boots"

Kinky Boots/Stage Operettenhaus Hamburg © Johan Persson

Perfekte Bühnenenergie

Dafür sorgen nicht nur die mitreißenden Ohrwürmer Laupers, die mit „Kinky Boots“ 2012 ihr Debüt als Musicalkomponistin gab, sondern vor allem die beiden Hauptdarsteller Gino Emnes und Dominik Hees als Lola und Charlie. Emnes, der seine extrem männliche Schauspielseite unter anderem bereits als Apollo Creed im Musical „Rocky“ unter Beweis stellen konnte, gibt hier als Lola die ebenso schnippische wie einfühlsame Drag Queen par excellence. Seine Lola ist dank austrainierter Muskeln nicht nur physisch beeindruckend, denn Emnes weiß auch mit einer facettenreicher Darstellung zu überzeugen. Ob schnippisch, sexy, verrucht, einfühlsam, schüchtern oder herzenswarm und empathisch – Gino Emnes Lola ist Authentizität pur. Auf extrem hohen Absätzen.

Bei soviel Bühnenpräsenz könnte „Kinky Boots“ schnell zu einer One-Woman-Show mutieren, aber Dominik Hees weiß als Charlie dagegenzuhalten. Mal mutlos, mal hoffnungsvoll, voller Selbstzweifel und dann doch wieder selbstbewusst und ebenso arrogant wie schüchtern bildet er das perfekte Pendant zu Emnes. Zusammen reißen sie mit ihrer Spielfreude und Präsenz das komplette Ensemble mit. Soviel Energie gab es auf einer deutschen Musicalbühne schon lange nicht mehr zu sehen. Und das, obwohl „Kinky Boots“ weder mit großen Kulissen noch mit aufwendiger Technik aufwartet, sondern ganz allein auf die narrative Kraft der Geschichte und die ausgefeilten Choreografien des Regisseurs Jerry Mitchell setzt.

Szenenbild aus "Kinky Boots"

Kinky Boots/Stage Operettenhaus Hamburg © Johan Persson

Frischer Pfiff für Laupers Melodien

Leider verlieren viele Songs durch die deutsche Übersetzung einiges an Schmiss und Tempo, was aber nicht an den Fähigkeiten von Heiko Wohlgemuth liegt, aus dessen Feder etwa die Texte der „Heißen Ecke“ stammen und der auch Produktionen wie „Hairspray“ und „Sister Act“ gekonnt übersetzte, sondern an der schweren Übertragbarkeit des Originals an sich, in dem Sprache und Rhythmus perfekt zueinander passen. Wenn dann aus „Sex is in the Heel“ etwa „So’n sexy hohes Teil“ oder aus „Take What You Got“ „Nimm einfach, was du hast“ werden muss, kann man nur verlieren. Hier kann man sich nur wünschen, dass sich die Musical-Branche endlich die Übertitel des Opernbetriebs abgucken würde, um den originalen Text zu bewahren und diesem dann endlich auch gerecht werden zu können.

Dass dieses Übersetzungsmanko nicht auch die Musik schmälert, weil manchmal arg viel Text in wenigen Noten untergebracht werden muss, ist nicht zuletzt dem Dirigenten Sebastian De Domenico zu verdanken, der, im Vergleich zur Broadway-Produktion, verstärkt rhythmische Akzente setzt und so Laupers Melodien einen zusätzlichen frischen Pfiff verleiht, der dem Musical hörbar gut tut. In Kombination mit der Ensemblespielfreude auf der Bühne bewirkt das wahre Wunder. Endlich gibt es in Deutschland so mal wieder ein Musical zu sehen, das nicht bloß wieder ein seichter Abklatsch ist, sondern das mitreißt und begeistert. Eine echte Show eben, mit viel Glitzer und Glamour, bei der auch die ruhigen Töne voll zum Tragen kommen. So geht Musical.

Casting für „Kinky Boots“:

Stage Operettenhaus Hamburg

Kinky Boots

Cindy Lauper (Musik & Liedtexte), Harvey Fierstein (Buch), Jerry Mitchell (Regie & Choreografie), Gino Emnes, Dominik Hees, Jeannine Wacker, Franzsika Schuster, Benjamin Eberling, Tilmann Madaus, Sebastian De Domenico (musikalische Leitung) u.a.

Termine: 3.12. (Premiere), täglich außer montags bis 31.7.2018

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