Opern-Kritik: Theater Altenburg-Gera – Weiße Rose

Widerstand und früher Tod

(Gera, 10.2.2018) Zum 75. Jahrestag der Widerstandsbewegung gleicht Zimmermanns Kammeroper über die letzten Stunden der Geschwister Scholl einem bewegenden deutschen Requiem

Szene aus Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ am Theater Altenburg-Gera © Ronny Ristok

Szene aus Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ am Theater Altenburg-Gera

Einer von mehreren Themenzyklen, mit denen Generalintendant Kay Kuntze und sein Chefdramaturg Felix Eckerle den verdientermaßen kräftig in die überregionale Beobachtung aufsteigenden Spielplan des Theaters Altenburg-Gera überziehen, lautet „Wider das Vergessen“. Am 6. Januar sendete der Deutschlandfunk die Aufzeichnung der hebräischen Kammeropern „Saul in Ein Door“ von Josef Tal und der Uraufführung „Die Jugend Abrahams“ von Michail Gnesin. Bundesweit war das eine der aufwändigsten und wichtigsten Studioproduktionen dieser Spielzeit, jetzt folgt Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ in der durchkomponierten Fassung von 1985 „Zum 75. Jahrestag der Widerstandsbewegung“.

Klassiker des späten 20. Jahrhunderts: Udo Zimmermann zum 75. Geburtstag

Ebenfalls auf die Bühne am Park gelangt jetzt jener Klassiker, der neben Rihms „Jakob Lenz“ in den Jahren von Perestroika und Wiedervereinigung in beiden Teilen Deutschlands zum Prototyp der neuen Kammeroper wurde. Diese Inszenierung von „Weiße Rose“, seinem meistgespielten Bühnenwerk, ist auch eine Hommage zum 75. Geburtstag des Komponisten Udo Zimmermann am 6. Oktober 2018.

Szene aus Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ am Theater Altenburg-Gera

Szene aus Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ am Theater Altenburg-Gera © Ronny Ristok

Unter den Geraer Premierengästen befand sich Götz Schneegaß, Sänger des Hans Scholl in der Schweriner Uraufführung der erweiterten ersten Fassung 1968, die der an der Hochschule für Musik Dresden 1967 gespielten Urfassung folgte, und erinnerte sich: „Das waren damals 70% Dialoge, 30% Musik“. In den Rückblenden von Ingo Zimmermanns Textbuch treten auch andere Aktivisten der „Weißen Rose“ auf. In seiner zweiten durchkomponierten Fassung hatte Udo Zimmermann 1985 alle dramatischen Dialog-Episoden und alle Rollen außer den Geschwistern Scholl gestrichen.

Durch die Straffung konzentrierte der Komponist nach der gründlichen Textrevision von Wolfgang Willaschek das nun umso mehr beklemmende Werk auf die inneren Vorgänge: Hans und Sophie nach der Verurteilung durch die Nationalsozialisten, in der Extremsituation des Wartens auf die eigene Hinrichtung am 22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim. Beide eint das Bewusstsein, mit den Flugblatt-Aktionen der „Weißen Rose“ gegen das Terrorregime legitim gehandelt zu haben, und vor allem ihre Verzweiflung. Über ihren Todesgedanken kreist die im Text weniger aufscheinende, aber in die Partitur beredt eingewobene Klage über den Verlust der jungen, kaum begonnenen Erwachsenenleben.

Lamento über das zu kurze Leben

Udo Zimmermann selbst war sich nicht sicher, ob dieses Werk eine mustergültige Oper sei, und befürwortete deshalb Aufführungen in Kirchen ebenso wie in Theater- und Konzertsälen. Er hat recht: Je weniger man szenisch und dekorativ diese siebzig Minuten der sechzehn Szenen mit äußerer Bewegung ergänzt, umso besser. Die Gattungsfrage ist angesichts der in „Weiße Rose“ reflektierten Katastrophe unwesentlich, die von allem etwas enthält: Szenische Kantate, Lamento, innerer Monolog, Trauermusik, historisches Melodram.

Riesiges Ausdrucksspektrum vom „wachen Herz“ zur „Vision vom Ende“

Szene aus Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ am Theater Altenburg-Gera

Szene aus Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ am Theater Altenburg-Gera © Ronny Ristok

Ronald Winter setzt auf die breite Spielfläche ein Eisengitter zwischen die Geschwister und hinter sie zwei weiße Wände, die sich im großen Zwischenspiel, dem einzigen pathetisch auftrumpfenden Moment der Partitur, teilen. Zwei Mitglieder des Thüringer Opernstudios erobern sich die riesigen und durch die erforderliche Sensibilität für die richtige Balance des emotionalen Ausdrucks äußerst schweren Partien.

Juliane Stephan zwingt ihnen in ihrer Regie keine weitere szenische Belastung ab, eröffnet den Solisten vor allem einen Pfad durch das riesige Ausdrucksspektrum vom „wachen Herz“ zur „Vision vom Ende“. Bei Emma Moore merkt man das genau stimmige, leichte vokale Flirren hinter dem jungen gesunden Sopran. Das enthebt ihre Sophie Scholl der naheliegenden Verführung, Zimmermanns an Alban Berg geschulte Linien im Übermaß zu veredeln. Florian Neubauer zeigt, dass er viel mehr an Nachdruck und Differenzierung modellieren kann als ein nur perfekt runder Bariton. Die beiden jungen Sängerdarsteller stellen sich intensiv und kongruent der inneren Dramaturgie, das hört und sieht man in jeder Sekunde. Keine leichte Aufgabe: Die leisen Impulse von Udo Zimmermanns Musik, die feingliedrige und stellenweise auf sinnlich schöne Wirkungen abzielende Instrumentation beinhalten für Solisten eine Richtung Sentimentalität ausschwenkende Gefühlsbehaftung. Emma Moore und Florian Neubauer setzen dem eine herbe Natürlichkeit entgegen.

Viel Traurigkeit, wenig Trost

Für nicht ganz klein besetzte Kammerwerke erweist sich die Geraer Bühne am Park einmal mehr als akustisch idealer Ort. Udo Zimmermanns sehr kantabel gedachte Instrumentation mit ihren wirkungsvollen Gemischen für Harfe, Klavier und Schlagwerk findet in Takahiro Nagasaki einen Dirigenten, der zwischen Rundung und Reibung genau ausbalanciert. Die fünfzehn Musiker aus dem Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera sind prächtig disponiert. „Weiße Rose“ erfährt in Gera die Überhöhung zu einem deutschen Requiem mit mehr Traurigkeit als Trost, dem Aufruf zum Widerstand gegen Antihumanität gestern, heute, morgen. Man erlebt keine makellose Überhöhung oder opernhaft posierende Selbstgefälligkeit, sondern eine bewegende Selbstbefragung über Zweifel und letztlich doch Gewissheit über den inneren Sieg.

Theater Altenburg-Gera
U. Zimmermann: Weiße Rose

Takahiro Nagasaki (Leitung), Juliane Stephan (Regie), Ronald Winter (Bühne & Kostüme), Emma Moore (Sophie), Florian Neubauer (Hans), Mitglieder des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera

Sehen Sie den Trailer zu „Weiße Rose“:

Weitere Termine: 25.2., 6., 17. & 24.3.2018

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