Opern-Kritik: Theater Erfurt – Medea

Seitensprung, Champagner, Mord!

(Erfurt, 11.11.2017) Intendant Guy Montavon inszeniert Cherubini als Revolutionsoper im Umfeld der New Yorker Hochfinanz

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt © Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt

Die Internationale Cherubini-Gesellschaft hat 2017 in Thüringen erfreulicherweise gut zu tun. Nach der Ersteinspielung des „Chant sur la mort de Joseph Haydn“ durch das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera folgt in Erfurt jetzt die Produktion von Luigi Cherubinis hochdramatischem Hauptwerk „Médée“: In französischer Sprache mit Dialogen auf Deutsch nach der Neuedition aus dem Jahr 2008. Das ist nicht selbstverständlich. Lange Zeit wurde „Médée“ mit Rezitativen von Franz Lachner und aufführungspraktischen Modifikationen vor allem auf Italienisch gespielt. Maria Callas wirft in dieser Version noch immer übergroße Schatten. Das ist auch ungerecht. In der Koproduktion der Opéra de Nice, des Landestheaters Linz und des Theaters Erfurt wehrt man sich dagegen mit beträchtlichem Unterhaltungswert. Der Konflikt zwischen Archaik und Zivilisation im Mythos der Außenseiterin Medea wird zum plakativen Showdown über eine Mörderin aus der New Yorker Hochfinanz.

Flammendes Inferno!

Am Ende stürzen nicht nur die Datenspeicher der zwanzig PCs im Großraumbüro ab. Die Bruder- und Kindermörderin Médée selbst geht mit dem gesamten Personal dieses Finanzriesen in den aufzüngelnden Flammen vor dem realistischen Wolkenkratzer-Panorama Annemarie Woods zugrunde. Erfurts Intendant Guy Montavon hat trotz mehrerer Striche in den Musiknummern und langen Dialogen von François-Benoit Hoffmanns Textbuch die Werkarchitektur erhalten. Von Analysen der mythischen Figuren, die Studierende der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar für eine im Foyer gezeigte Ausstellung erarbeiteten, erkennt man auf der Bühne allerdings so gut wie nichts. Da sieht man stattdessen eine Paraphrase von Houellebecqs apokalyptischen Romanen: Überzivilisierte Wirtschaftsradikalität prallt auf knallharte Lustgier – dort, wo Sekretärinnen sich mit perfektem Make-Up auf die Kalvarienberge der gläsernen Büropaläste begeben.

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt © Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Die Performance der Körper und des Geldes beschleunigt sich, wenn das von Jason an Créon überschriebene Finanzimperium wegen des sprunghaften Liebeslebens in der Chefetage kräftig kriselt. Dabei hätte alles so einfach sein können, weil man auf offene Betriebsstrukturen setzt. Transparenz macht dort nicht einmal vor Intimitäten halt: Diese Office ist auch Partyhalle für die aalglatte Chor-Crew im Businesslook. In der Relaxlounge kultiviert der korinthische Finanzkönig Créon eine faire Diskussionskultur. Dort spült seine luxusprollige Tochter Dircé, bevor sie sich mit Médées Revolver schließlich den Rest gibt, ihre nur zu begründeten Alpvisionen mit Veuve-Clicquot hinunter.

Ziemlich uncool eskaliert das alles. Denn Siyabulela Ntlale macht mit vorsätzlich weicher Stimmführung deutlich, dass er als neuer Chef nicht den Mumm zum harten Durchgreifen gegen die frühere Trust-Diva Médée hat. Dazu greift Julia Neumann als Dircé freudig den Charme einer abgehalfterten Soap-Protagonistin auf. Neben all dem leuchtet das von Jason und Médée erbeutete Goldene Vließ als riesige Metallskulptur.

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt © Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Es leuchtet auch der trotz feinem Anzug als ganz schmales Hemd auftretende Jason. Und es verwundert, dass Eduard Martynyuk in diesem ihm ideal liegenden Part nicht noch mehr Sand ins Getriebe seines Finanzunternehmens streut. Unauffällig agiert er und hat dazu eine Bombenstimme, mit der er als Boss und Lover problemlos die Alpha-Position behaupten könnte. Julia Stein setzt als Médées Gefährtin Néris, die einzige sympathische Rolle dieser Oper, Töne, mit denen sie sich deutlich für größere Belcanto-Aufgaben empfiehlt. Trotzdem nimmt das schreckliche Ende seinen erschreckend banalen Lauf.

Médée in New York

Diese Darstellung der durch menschliches Versagen verursachten Sach- und Personenschäden treibt die schier unerfüllbaren Anforderungen der Titelrolle noch weiter hoch. Als Médée kommt die Griechin Ilia Papandreou an das Haus zurück, wo sie mit einem explosiven Repertoire von Gurlitts „Nana“ bis Tschaikowskis „Zauberin“ zur bezwingenden Sängerdarstellerin wurde. Ihre Médée setzt diese Linie fort: Ilia Papandreou bedient Cherubinis exorbitante Schwierigkeiten schon dadurch, dass sie als Einzige glänzend Dialoge spricht und das damit überforderte internationale Ensemble abhängt. Sie hat beachtliche Kondition für die langen Gesangsphrasen. Einige unruhig flackernde Stellen sind später als dramatische Gestaltung erkennbar. Mit zunehmender Verwirrung der Gefühle zwischen Gattenhass und Kindermord wird Ilia Papandreous Stimme immer gerader und runder. Ab ihrer Arie „Chers enfants“ stimmt einfach alles, von der großen Deklamation bis zur steilen Attacke. Durch die Striche verknappen sich Médées Furor, Trauer, Hass, Hoffnung und schließlich der Kindsmord zu einem Porträt des totalen Scheiterns.

Komplizierte Klangregie

Am schwersten haben es an diesem Abend das Philharmonische Orchester Erfurt und Samuel Bächli, der gar nicht alle Anforderungen erfüllen kann: Cherubinis Vorstöße in Richtung musikalische Romantik, das Hochreißen der Erregungskurven nach den gesprochenen Dialogen und die stilgerechte Erfüllung des feudal-repräsentativen Tons lassen sich nur äußerst schwer zu einem für heutige Ohren stimmigen Idealgestus vereinen.

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt

Szene aus „Medea“ am Theater Erfurt © Theater Erfurt/Lutz Edelhoff

Samuel Bächli erweist sich als Praktiker, der den vielen, meistens sehr szenenaffin agierenden Instrumentalsoli die Führung überlässt und sich als Koordinator einer hypertrophen Schauspielmusik versteht. Sicher geleitet er die Sänger und den klangschön-aktiven Chor durch den Abend, das ist für sich genommen schon sehr viel. Doch für ein eher an der Entstehungszeit um 1797 orientiertes Klangbild hätte es vor allem von den Streichern mehr an Lust und Ehrgeiz gebraucht. Auf der Bühne gab es diese dafür im Übermaß. Man mag vielleicht in Erfurt antike Größe vermissen, wird aber mit der dort ausgespielten Lust am Untergang locker entschädigt: Eine Revolutionsoper für Zivilisationskritiker!

Theater Erfurt
Cherubini: Medea

Samuel Bächli (Leitung), Guy Montavan (Regie), Annemarie Woods (Bühne & Kostüme), Andreas Ketelhut (Chor), Ilia Papandreou (Médée), Eduard Martynyuk (Jason), Siyabulela Ntlale (Créon), Julia Neumann (Dircé), Julia Stein (Néris), Philharmonisches Orchester Erfurt, Chor des Theaters Erfurt

Termine: 11.11. (Premiere), 15. & 17.11., 9.12.2017, 14. & 21.1.2018

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