Opern-Kritik: Theater Magdeburg – Rusalka

Kühles Lieben

(Magdeburg, 9.9.2017) Stephen Lawless deutet Dvořáks Meisterwerk als pessimistische Märchenoper im Gewand eines falschen Ballettmärchens

„Rusalka“ am Theater Magdeburg © Andreas Lander

„Rusalka“ am Theater Magdeburg

Kurt Pahlen war nicht der Einzige, der Antonín Dvořáks Oper „Rusalka“ als eine der allerschönsten Partituren überhaupt rühmte. In Deutschland erlebt das Werk in den letzten Jahren einen Popularitätsschub. Das ist erstaunlich, weil schon die körperlichen Qualen, die Hans Christian Andersen im wichtigsten Quellentext für das Libretto von Jaroslav Kvapil, seiner „Kleinen Seejungfrau“, zuteilt, das Monströse streifen. Die nochmalige Steigerung bei Dvořák parallel zu den Krisen der Geschlechterrollen um 1900 ist vernichtend: Emotionale Harmonie gibt es nicht, der Riss zwischen menschlicher Zivilisation und Natur scheint unüberwindbar. Hinter den oft impressionistischen Akkordspielen und so wunderschön verschatteten Melodien Dvořáks lauert die schiere Verzweiflung.

Emotionale Eiszeit

„Rusalka“ am Theater Magdeburg

Szene aus Dvořáks „Rusalka“ am Theater Magdeburg © Andreas Lander

Eine richtige Natur gibt es in der Inszenierung von Stephen Lawless am Theater Magdeburg nicht. Die luftigen Waldelfen sind Tänzerinnen auf einer Ballettbühne mit Kulissen wie aus „Giselle“ oder „Schwanensee“. Der „Melancholia“-Planet, den Frank Philipp Schlößmann erstmals zu Rusalkas berühmtem „Lied an den Mond“ aufgehen lässt, überstrahlt ihren tödlichen Kuss an den Prinzen im Trümmerfeld und in zerstörten Interieurs. Hier ist nicht einmal mehr das Lebensumfeld Rusalkas ein natürlicher Raum. Der schuppenartige Glitzerfrack des Wassermanns zeigt ebenso Unnatur wie die Anstrengungen der Nixe Rusalka, der Existenz der Ballerina, die der Prinz wie einen Stern anhimmelt, zu entgehen. Da verbrennt sich die Liebesvision von Mensch und Natur im direkten Berührungskontakt die Flügel. Was der Prinz aus der Ferne bewundert – Rusalkas grazile Körperhaltung – wird in der Nähe zum abkühlenden Supergau einer entsinnlichten und nutzlosen Kommunikation.

Verherrlichendes Verliebtsein und der bittere Sturz ins Nichtverstehen

Für Stephen Lawless ist „Rusalka“ – der Titel der Oper bezeichnet keinen Eigennamen, sondern das tschechische Wort für Nixe – eine „coming of age“-Story: Die Urerfahrung, dass verherrlichendes Verliebtsein unausweichlich mit dem bitteren Sturz ins Nichtverstehen und in ernüchternde Distanz enden wird, führt er ernüchternd vor. Deshalb gleichen „Sie“ im Ballerina-Kleid und „Er“ im schwarzen Anzug den Figuren von Barbie und Ken auf der Spitze der raumfüllenden Hochzeitstorte. Deshalb ist Rusalka am Ende ihres Liebesleids eine ebenso angeschmutzte Braut wie ihre Muhme: Hexe Ježibaba hat die gleichen ihr Leben verdüsternden Erfahrungen hinter sich. Sie teilt Leiden voller Brutalität aus, wenn sie Rusalka aus deren schützender Hülle wie einen Säugling aus der Fruchtblase herauspresst. Dabei ist diese traurige Mutter sicher nicht die böse Menschenfresserin, wie sie der Heger und der Küchenjunge fürchten.

Beziehungsleere

Zum Höhepunkt der Inszenierung wird die Entfremdung zwischen Rusalka und dem Prinzen bei der Hochzeit. Heißes menschliches Begehren und die kühle zugewandte Geschmeidigkeit der Ballerina zielen zwangsläufig aneinander vorbei. Ergreifend, wie Rusalka mit ihrem Ungeschick beim gezierten Gläseranstoßen oder Rauchen Eklat macht und ins Abseits der Aufmerksamkeit des Prinzen rutscht. Dessen körperintensiver Flirt mit der Fremden Fürstin: Richtig billig. Schaurig wird es im dritten Akt, wenn sich mit der Verwandlung Rusalkas von der Tänzerin ins abgewrackte Irrlicht schmutziges Silberblau über die gesamte Spielfläche legt.

Spannendes Stimmentheater

Mehrere neue Gesichter gibt es im Ensemble des Theaters Magdeburg. Aus dem Graben strömt der Beginn kühl, und Choreografin Lynne Hockney schafft es nicht, den singenden Waldelfen und deren Tanzdoubles jene tänzerisch-seelenlose Perfektion zu geben, die als Gegensatz zum pulsierenden menschlichen Begehren beabsichtigt ist. Dadurch entschält sich die Sinnschichtung erst später, auch weil Sue Willmington im Katastrophenszenarium bei ihren Kostümen nicht auf die Opulenz der tschechischen Aufführungstradition verzichten wollte.

„Rusalka“ am Theater Magdeburg

Szene aus Dvořáks „Rusalka“ am Theater Magdeburg © Andreas Lander

Die Pause fällt nach nicht ganz einsichtigen Strichen wie ausgerechnet jenen „To ja znam!“-Stellen („Ich weiß das!“) der Hexe Ježibaba, die dem Regisseur erklärtermaßen wichtig sind, mitten in den zweiten Akt vor der Polonaise. So spaltet man das Werk in zwei symmetrische Hälften, zuerst Rusalkas Entfernung aus der Natur und dann die ihr nach der Liebeserfahrung unmögliche Rückkehr. Spätestens ab dieser Zäsur blüht, schwelgt und webt es aus der Magdeburgischen Philharmonie. Pawel Poplawski unterläuft das Abgleiten in die reine Schönheit, indem er den Fluss mit langsamen Tempi stilsicher bremst und so in unerschöpflich variantenreichen Klangfarben das Fahl-Doppelgleißige Dvořáks anheizt. Absolut spannend ist das, auch weil die animalisch-diabolische Fremde Fürstin von Izabela Matula und die drei Waldelfen Julie Martin du Theil, Sofia Koberidze und Inga Schäfer über den gebrochenen Klängen aus dem Graben den gesündesten Stimmklang zeigen dürfen. Heger und Küchenjunge laufen über den volksmusiknahen Flächen ihrer Parts zu gefälliger Selbstverständlichkeit auf.

Kraftvoll und emotional

Überall zeigt sich das Poröse und Verzerrte der grausamen Geschichte im Vokalklang: Sein großes Solo muss der Wassermann in einer Ecke der Vorbühne singen, so dass Johannes Stermanns eigentlich schönes Material dort hohl klingt. Nicht nur mit seiner Körpergröße und den blonden Haaren, sondern auch dem hellen Tenortimbre wirkt Richard Furmann als Prinz wie ein jüngerer Bruder von Klaus Florian Vogt, der diesen Part im Nationaltheater München singt.

Auch Raffaela Lintl ist mehr im lyrischen Fach beheimatet als in den Turbulenzen des Titelparts. Das macht dramatischen Sinn: So wird direkt deutlich, dass Rusalka zur lauten Leidenschaft unfähig ist. Raffaela Lintl findet nach dem linearen Leuchten im ersten Akt für die Schlussszene und überhaupt den für diesen Part massiven letzten Akt eine Skala schmerzlichen Strahlens, dunkler Sopran-Abgründe und aus dem emotionalen Ersticken brechende Töne, die den über sie hereinbrechenden Schlussjubel verständlich machen. Die Krone aber gebührt Undine Dreißig, die aus der Hexe Ježibaba mit vollendeter Souveränität ein Kraftfeld formt, das die gedanklichen Fragezeichen der Inszenierung bewegend rundet.

Theater Magdeburg
Dvořák: Rusalka

Ausführenden: Pawel Poplawski (Leitung), Stephen Lawless (Regie), Frank Philipp Schlößmann (Bühne), Sue Willmington (Kostüme), Lynne Hockney (Choreografie), Raffaela Lintl (Rusalka), Richard Furmann (Prinz), Izabela Matula (Fremde Fürstin), Johannes Stermann (Wassermann), Undine Dreißig (Ježibaba), Johannes Wollrab (Heger), Florentina Soare (Küchenjunge), Julie Martin du Theil, Sofia Koberidze, Inga Schäfer (Waldelfen), Magdeburgische Philharmonie

Termine: 9.9. (Premiere), 16.9., 1., 7. & 30.10., 30.11., 21. & 29.12.2017

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