Opern-Kritik: Opéra national de Lorraine – Armide

Sonnenkönigsoper

(Nancy, 24.6.2015) Christophe Rousset haucht Jean-Baptiste Lullys urfranzösischer Barockoper mit seinem wunderbaren Ensemble „Les Talens Lyrique“ neues Leben ein

© Opéra national de Lorraine

Sonnenkönigsoper

Es bleibt eine ewige Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Italiener zum Vater der französischen Nationaloper wurde. Schließlich war es der 1632 als Giovanni Battista Lulli in Florenz geborene Wahlfranzose, der sich als Freund und Vertrauter von Ludwig XIV. geradewegs zum Sonnenkönig der Oper emporarbeiten konnte. Jean-Baptiste Lully begriff schnell, wie er die Geschmäcker am Hofe zu befriedigen musste: auf deutlich unitalienische Art.

Nicht der Wechsel von ellenlangen Da-capo-Arien und trockenen Rezitativen, sondern vielfarbig instrumentierte, mitunter schon arienähnliche Rezitative gehen direkt in Monologe, Arien, Chöre und vor allem Ballette über, die dem Interesse der Franzosen entsprachen – nach dem nicht nur die Ohren, sondern vor allem auch die Augen kitzelnden Divertissement. Der findige Lully ließ sich zur Perfektionierung dieser Kunst gar selbst zum Tänzer ausbilden, bediente meisterhaft, was seine Gönner von ihm erwarteten. Im Prolog seiner Opern huldigte er stets treu ergeben dem König, mit dem er gelegentlich gar selbst auf der Bühne gestanden haben soll: Ludwig XIV. tanzte da kaum zufällig die aufgehende Sonne!

Musterbeispiel des frühen französischen Gesamtkunstwerks

Lullys Komponistenstern stieg scheinbar unaufhörlich, bis ihm seine Homosexualität zum Verhängnis wurde, die eine der sich religiös gebenden Gespielinnen des Königs zu skandalisieren wusste. In diese Lebensphase fällt auch die Uraufführung der Armide, mit der Lully freilich ungebrochen den Erwartungen am Hofe zu entsprechen wusste. Die Mythenoper, die wie so oft im Barock und bald darauf auch von Gluck Tassos Epos Das befreite Jerusalem musiktheatralisch befragt, ist somit ein Musterbeispiel des frühen französischen Gesamtkunstwerks.

Früh-postmoderne Vielfalt

In Nancy ist es jetzt in seiner ganzen früh-postmodernen Vielfalt neu zu erleben. Die Inszenierung durch David Hermann will sozusagen alles und dazu alles richtig machen, wozu sie im übrigen jeden Verweis auf den hier verhandelten Kampf der Kulturen unterlässt. Einerseits bedient sie die historische Ästhetik mit Kulissentheater, Barocktänzen und üppigem Kopfschmuck. Andererseits thematisiert sie mit klugem Mut zur Brechung, wie fremd uns all dieses aus dem Geist des unaufgeklärt Aristokratischen kommende Ausstellen von deutlich unpsychologischem Augentheater doch geworden ist.

Reichtum strahlt im Angesicht der Kunst so sonnig

Die Inszenierung wagt die Quadratur des Kreises: Es gibt zumal in den Begegnungen zwischen der zauberhaften Muslimin Armide und dem Kreuzritter Renaud eine vollkommen moderne Gefühlslogik, die sich auf Lullys erstaunliches, in die Zukunft weisendes Einfühlungsvermögen in die Beziehungen der Figuren berufen kann. Hier sehen wir heutige Menschen in heutigen Klamotten. Dazu wandelt sich das Kulissentheater in das Setting eines modernen Tanzsaals, in dem die Tänzer öffentliche Proben abhalten, zu denen auch schon mal eine schicke Sponsorenlady vorbeischaut, um zu prüfen, wo denn ihr Geld wohl geblieben ist. Reichtum strahlt im Angesicht der Kunst einfach so viel sonniger als im ach so nüchternen Geschäftsleben.

So entstehen witzige Querverweise vom damaligen königlichen Mäzenatentum zum heutigen Fundraising. Und es wird ausgependelt, wo für uns Distanz und wo durchaus auch Nähe zur alten französischen Oper liegen mag. In der berühmten Schlummerszene des Renaud wird die Kopplung der Ebenen nicht nur ästhetisch und rezeptionsgeschichtlich reizvoll, sondern auch mit dramaturgischem Mehrwert vollzogen: Die Tänzer veranschaulichen das Innenleben des Helden. Tänzerische Form und Operninhalt bedingen sich.

Oper zwischen Repräsentation und Psychologie

Leider gelingt diese Durchdringung der Ebenen und der Zeiten, die durch den Einsatz von Videosequenzen nicht immer zielführend erweitert wird, nicht durchgehend in den drei szenisch mitunter lang werdenden Stunden. Das mag an der grundlegenden Machart des Stückes liegen, in dem Repräsentation und Psychologie sich gern unvermittelt abwechseln. Es liegt aber auch an der zu häufigen bloßen Addition der Elemente von Tanz, Gesang, Video und Orchesterpassagen, die zu einer gewissen Beliebigkeit führen. Zu oft fragten wir uns: „Was geht uns das jetzt an?“

Les Talens Lyrique bewirken die Zeitgenossenschaft der Barockoper

Absolut großartig indes, wie Christophe Rousset es vermag, mit Les Talens Lyrique durch die historische Aufführungspraxis hindurch eine Zeitgenossenschaft dieses barocken Meisterwerks zu bewirken. Das in Deutschland noch viel zu selten zu hörende Ensemble, das der Cembalist, Musikforscher und Dirigent 1991 gegründet hat, musiziert so hingebungsvoll, feinfarbig und natürlich, es spürt dem stets tänzerischen Gestus der Musik so geschmeidig belebend nach, dass die von der Regie diagnostizierte historische Distanz zwischen den Zeiten des Sonnenkönigs und unseren dissonanzgeprüften Ohren des 21. Jahrhunderts wie aufgehoben scheint. Höchst erfreulich dabei, dass Rousset mit seinem wohltemperierten Barockbild gar keiner ranschmeißerischen Barock’n Roll-Zuspitzungen oder gar Verfremdungen bedarf. Wie rockig die Rachearie der Armide klingt, wird auch ohne extreme Zutaten bewegend offenbar.

Die neue Generation von Barocksängern

Dies wiederum liegt nicht zuletzt daran, dass Rousset in Nancy auch eine gefeierte Regie von exzellenten Sängerinnen und Sängern zur Verfügung hat. Interessant an der Besetzung ist, dass sie sich nicht auf die vibratoabstinent veganen reinen Barockstimmen versteift, sondern auf hervorragend ausgebildete junge Allrounder vertraut. Hier seien nur die beiden Protagonisten hervorgehoben.

Julian Prégardien ist mit seinem anschmiegsamen Tenor ein verblüffend empfindungstief sympathischer Kreuzritter-Liebhaber. Und Marie-Adeline Henry in der Titelpartie ist mit ihrem substanzvoll körperlichen, klangreich großen, raumgreifenden wie wandlungsfähig modulationsreichen jugendlich-dramatischen Sopran eine großartige Sängerdarstellerin. Getragen von Roussets Feinzeichnung macht sie die Armide zu einer tragischen Figur, die uns fürwahr etwas angeht.

Opéra National de Lorraine

Lully: Armide

Christophe Rousset (Leitung), David Herrmann (Inszenierung), Petter Jacobsen & Thomas Caley (Choreographie), Jo Schramm (Bühne & Video),Patrick Dutertre (Kostüme), Marie-Adeline Henry, Julian Prégardien, Judith van Wanroij, Marie-Claude Chappuis, Andrew Schroeder, Marc Mauillon, Patrick Kabongo, Fernando Guimaraes, Julien Véronèse, Hasnaa Bennani, Les Talens Lyrique

Termine: 21.6. (Premiere), 24., 26., 28. & 30.6.

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