Opern-Kritik: Rossini Opera Festival – CIRO IN BABILONIA

Spiritualität trifft Spektakel

(Pesaro, 10. August 2016) Schwelgen im Sängerparadies des Schwans von Pesaro

© Studio Amati Bacciardi

Spiritualität trifft Spektakel

Als ein gütiger Gott anno 1792 seine Genie-Gene verteilte, hat er den Schwan von Pesaro großzügig gesegnet – mit dem unglaublichen Talent, seinem eigenen Volk aufs flink plappernde Maul zu schauen, um daraus den wunderbar wahnsinnigen Parlandowitz der opera buffa zu zaubern. Gioachino Rossini verstand sich freilich nicht minder großartig darauf, ernste Opern zu komponieren. Seine erste opera seria erblickte im März 1812 in Ferrara das Licht der Musikwelt – wenige Tage, nachdem der Komponist 20 Jahre jung wurde, wobei das Alter des ewig  Junggebliebenen ja so eine Sache ist: Denn geboren wurde Gioachino schließlich an einem 29. Februar, der ja nun mal nur alle vier Jahre im Kalender steht.

Passionspralles Frühwerk umschifft katholisches Lustverbot

Sein ernster Erstling Ciro in Babilonia ist nun eigentlich gar keine Oper, sondern ein Oratorium. Denn einst galt in seiner katholischen Heimat das kirchlich verordnete Lustverbot. So dezidiert weltliche Vergnügungen wie die sinnenfreudige Oper waren in den Phasen hoher religiöser Feste, somit zur seinerzeit nicht nur vor Ostern anstehenden Fastenzeit, verboten. Umweg und Ausweg war dann das weiterhin erlaubte Vertonen biblischer Stoffe. Als Sakraldrama hatte die Oper, die nicht Oper heißen durfte, eine Chance. Spiritualität traf Spektakel. Denn auf geschickt eingestreute Liebesgeschichten musste niemand verzichten. Nur nach Außen wurde der schöne Schein des Anstands gewahrt. Rossini bot sich so der willkommene Anlaß, mit dem Festmahl des Königs Belsazar, der hier wohlklingend italienisch Baldassare heißt, ein passionspralles Frühwerk zu schaffen. Starke pathetische Charaktere stehen im Fokus. Musikalisch überwältigend malt Rossini zumal den Heldenmut des Perserkönigs Cyrus alias Ciro aus, der zunächst Frau und Kind an den feindlichen Babylonier Belsazar verliert und schließlich mit dem Sieg über den gotteslästernden Sündenpfuhl auch seine Familie zurückgewinnt. Ciro in Babilonia wird zum Laboratorium für Rossinis spätere Meisterwerke der opera seria.

Köstliche Kuriositäten

Die nicht zu überbietende Sängerbesetzung, die genialische Regie von Davide Livermore, die fantastischen schwarz-weiß-Kostüme von Gianluca Falaschi und das knackige Dirigat von Jader Bignamini gehen beim Rossini Opera Festival des Sommers 2016 so ideal zusammen, das die dann doch vollgültige Oper in keinem Moment als kleinzuredende Vorstufe zu späteren Großtaten gelten muss. Sucht man nach Schwächen, findet man eher köstliche Kuriositäten. Etwa die Aufwertung von Nebenfiguren, wie die des Propheten Daniel, der die Schriftzeichen deutet, mit denen das Ende Babylons und Belsazars prophezeit wird. Diese gibt dem famosen Dimitri Pkhaladze die Chance, seinen herrlichen Bass in einer ausgewachsenen Arie vorzustellen. Ansonsten sorgen obligate Soloinstrumente in den variabel gestalteteten Arien für drei Stunden anhaltende Kurzweil. Für die nicht zuletzt Davide Livermore in seiner Inszenierung mit ganz viel Liebe zum Detail sorgt.

Italiener sprechen mit den Händen – in Pesaro ist das auch in der Oper so

Der italienischen Regisseur hat das Problem einer Sandalenfilm-Oper nicht nur erkannt, er tritt als Folge die Flucht nach vorn an. Seine Idee: Wir wohnen der Aufführung eines Stummfilms bei, in dem just das Drama Ciro in Babilonia gegeben wird. Statt Übertiteln sehen wir vor jeder Szene die gattungstypischen Texttafeln mit einer gerafften Angabe des nun Verhandelten. Die Videos besorgte D-WOK. Die Sängerinnen und Sänger verschreiben sich dazu weiß geschminkt und deutlich grimassierend einer köstlichen Stummfilmgestik, die den Affekten immer eine Spur übertrieben, verdoppelnd nachspürt – was oft so aussieht, wie Italiener eben so gern sprechen: mit den Händen! Aus der opera seria macht Livermore so heimlich eine opera buffa. Sein Witz hat Methode, perfektes Handwerk und ausgeprägte Musikalitität. Alles greift hier wie in einem Uhrwerk zusammen, nichts ist beliebig, da sitzt einfach jede Geste.

Sängerdarstellerische Vollendung

Die vollends entfesselten Belcantisten auf der Bühne danken Livermore mit sängerdarstellerischer Vollendung. Rossinispezialist Antonio Siragusa geht als Belsazar in der extremen Tenorhöhe fürwahr das Herz auf. Ewa Podles offenbart, wie Rossini hier mit dem Cyrus den Typus der heroischen Alt-Hosenrolle kreierte, um zu demonstrieren, wie sich eine unermeßliche brustige Orgeltiefe sekundenschnell mit samtiger Mittellage und kopfiger Jubelhöhe verbinden lässt. Podles ist ein sängerisches Urereignis von raumsprengender Autorität! Pretty Yende als entführte Cyrusgattin Amira lässt ihren in der Mittellage traumweiblich fülligen, in der Höhe jauchzenden Sopran in edler Üppigkeit aufblühen. Wer um Rossini ob seiner angeblichen bloßen Belcanto-Gefälligkeit bislang hochnäsig einen Bogen gemacht hat, wird an diesem Abend an der Adria zum Fan, wenn nicht zum Jünger des ewig jungen Schwans von Pesaro.

Rossini Opera Festival

Rossini: Ciro in Babilonia

Mitwirkende: Jader Bignamini (Leitung), Davide Livermore (Regie), Nicolas Bovey (Bühne), D-WOK (Video), Gianluca Falaschi (Kostüme), Antonio Siragusa, Ewa Podles, Pretty Yende, Isabella Gaudi, Oleg Tsybulko, Alessandro Luciano, Dimitri Pkhaladze, Orchestra e Coro del Teatro Comunale di Bologna

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