Opern-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Der Meister und Margarita

Teuflisch gut gemeistert!

(Hamburg, 14.9.2013) York Höllers Oper „Der Meister und Margarita“ feiert ihre Hamburger Erstaufführung und Regisseur Jochen Biganzoli sein fulminantes Debüt an der Staatsoper.

© Jörg Landsberg

Teuflisch gut gemeistert!

Johan Botha (Der Kaiser), Statisterie der Bayerischen Staatsoper

Was hat der Teufel noch zu tun, wenn er dort auftaucht, wo das Böse auch ohne ihn längst Wurzeln geschlagen hat? Er hält den Menschen einen Spiegel vor, konfrontiert sie mit ihren Schwächen, ihrer eigenen Verblendung – und bewirkt am Ende sogar Gutes. Jochen Biganzolis Inszenierung von York Höllers Der Meister und Margarita an der Hamburgischen Staatsoper zeigt uns in Gestalt des schwarzen Magiers Voland einen smarten Beelzebub, der die bestehenden Verhältnisse kräftig durchschüttelt, will sagen: grundlegend in Frage stellt. Für das Libretto seiner Literaturoper greift der Kölner Komponist auf den gleichnamigen Roman des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow zurück: eine bissige Satire auf die Bürokratie der Stalin-Ära, auf die Unterdrückung von Kunst und Kultur im Namen einer autoritären Staatsmacht.


Biganzoli jedoch erhebt das Zeitbedingte – ganz im Sinne des Komponisten – zur zeitlosen Parabel. Johannes Leiackers weißer Bühnenraum mit seinen Gitterwänden aus Leuchtstoffröhren ist das perfekte Panoptikum der Überwachung: eine Irrenanstalt mit ehemals prominenten, entindividualisierten Insassen. „Ich habe keinen Namen mehr. Ich habe mich von ihm losgesagt wie vom Leben überhaupt.“ Mit diesen Worten – von Clustern des Orchesters scharf betont – begegnet uns der resignierte, baritonal jedoch keineswegs entkräftete „Meister“, flankiert von seinen Ebenbildern und später von Iwan Besdomny, der als Lyriker sein Schicksal teilt. Weil der Meister einen nicht staatskonformen Roman über die Passionsgeschichte Jesu Christi geschrieben hat, sitzt er ein. Soweit einer von mehreren Handlungssträngen, die Höllers Partitur geschickt zusammenführt und zu einem klanglich irisierenden Mosaik verwebt.


Strippenzieher ist der Teufel höchstpersönlich, der in Derek Welton nicht nur einen stimmsicheren Bass-Bariton gefunden hat, sondern auch einen charismatischen Verführer. Die zwielichtigen Gehilfen an seiner Seite: der Kater Behemoth, der mit Piratenweste, Tüllrock und leuchtendem Countertenor das Auge belustigt und das Ohr beglückt; Asasello, der äußerlich als Helge-Schneider-Verschnitt durchgeht, stimmlich aber weitaus mehr zu bieten hat; Korowjew, der diabolische Dandy im Ledermantel, und eine stumme, deswegen aber nicht minder präsente Hexe, in deren Namen Corinna Mindt tänzerisch mit ihren weiblichen Reizen spielt.


Höhepunkt der teuflischen Verführung ist eine Theater-im-Theater-Szene, bei der Schmidt-Theater-Chef Corny Littmann (der echte!) als Conférencier auftritt. Darsteller im Publikum ziehen erstaunt hervor, was der „schwarze Magier“ Voland ihnen in die Taschen zaubert, von der Decke regnen Geldscheine ins Parkett. Für eine Viertelstunde verwandelt sich die Opernaufführung in eine illustre Varietéveranstaltung. Als der Conférencier das Zauberwerk entlarven möchte, reißt ihm Kater Behemoth kurzerhand den Kopf ab. In den Zuschauerreihen quittiert man all das mit verhaltenem Lachen, einigen Buh-Rufen vor und mehreren verlassenen Plätzen nach der Pause.


Doch gerade in der zweiten Hälfte entfaltet das Stück seine ganze musikalische Kraft. Hier kommt auch Margarita ins Spiel, die mit Cristina Damian charakterstark besetzt ist. Sie schließt einen Teufelspakt mit Voland, um ihren geliebten Meister aus den Klauen des staatlich indoktrinierten Arztes Dr. Strawinsky zu befreien. Eine Herausforderung, die sie im wahrsten Sinne des Wortes meistern wird.


Eine teuflische, aber auch teuflisch gut gemeisterte Herausforderung ist auch die Partitur für alle Beteiligten. Zwischen Bühne und Graben ist in dem kontrapunktischen Aufeinandertreffen von Sängern und Orchester hochsensibles rhythmisches und melodisches Feingefühl vonnöten. Das per Tonband eingespielte elektronische Surren, Zirpen und Rumoren – das, subtil in den Gesamtklang verwoben, reizvolle räumliche Effekte erzielt – gibt überdies ein festes Tempo vor. Hier leisten die Philharmoniker unter der Leitung von Marcus Bosch und das hochmotivierte Gesangsensemble ganze Arbeit. Ein außergewöhnlich suggestives, vielgestaltiges Stück, das ursprünglich ein Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper war, 1989 aber doch in Paris uraufgeführt wurde und nach einer weiteren Inszenierung in Köln nun seit 22 Jahren erstmals wieder auf einer Bühne zu erleben ist. Die gelungene „Heimführung“ wurde am Ende mit einhelligem, frenetischem Applaus gefeiert.

Hamburgische Staatsoper

Höller: Der Meister und Margarita

Ausführende: Marcus Bosch (Leitung), Jochen Biganzoli (Inszenierung), Johannes Leiacker (Bühnenbild), Dietrich Henschel, Cristina Damian, Derek Welton, Moritz Gogg, Philharmoniker Hamburg


Termine: 28.9., 19:30 Uhr; 4.10., 19:30 Uhr

Weitere Termine der Hamburgischen Staatsoper finden Sie hier.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *