Opern-Kritik: Oper Köln – Jakob Lenz

Trauriger Zwiespalt

(Köln, 22.3.2014) Wolfgang Rihms Anatomie einer Psychose wird in Köln eindrucksvoll wiederbelebt

© Bernd Uhlig

Jakob Lenz (Miljenko Turk), Stimmen (Luke Stoker, Marta Wryk, Aoife Miskelly, Marcelo de Souza Felix)

Die Kammeroper Jakob Lenz nach Büchners gleichnamiger Erzählung war vor 35 Jahren der Durchbruch des 27-jährigen Wolfgang Rihm zum erfolgreichen Musikdramatiker. Jetzt hat die Kölner Oper diese so faszinierende wie sperrige Anatomie einer Psychose in der evangelischen Trinitatis-Kirche eindrucksvoll wiederbelebt.

Ein Steg führt quer durch das Kirchenschiff, teilweise bedeckt mit Erdhaufen, abgeschlossen auf der einen Seite durch einen Felsblock, auf der anderen durch den mit Blech verkleideten Altarraum samt Kanzel. Alles ist grau und braun. Zunächst auch Jakob Lenz. Pfarrer Oberlin, dessen Rat er sucht, zieht ihm schnell eins jener weißen Hemden an,  die in alten wie in neuen Filmen stets die idealistischen Jünglinge tragen. Jetzt ist Lenz stigmatisiert: Künstler, Poet, Fremder, des Lebens Untüchtiger. Der Pfarrer und der Wissenschaftler Kaufmann raten im Brustton der Überlegenheit zum Allheilmittel: Naturerfahrung und Ruhe.

Bauernvolk sitzt in Tracht ordentlich auf einer Tribüne. Zwei Jungen stehen lausbubenhaft auf der Orgel. Oberlin kommt, ganz versammelter Intellektueller, samt Schreibtisch, Licht und Feder hereingerollt. Starke Bilder ohne Angst vor Klischees setzt Beatrice Lachaussée hin, formuliert den für Lenz unüberwindlichen Zwiespalt zwischen der Sehnsucht nach bürgerlicher Ordnung und dem Unbedingtheitsanspruch von Kunst und Künstler klar aus. Hörbar machen das sechs fantastisch singende „Solo-Stimmen“, Abspaltungen von Lenz‘ Persönlichkeit, Geister, Projektionen, Ausgeburten seines Bewusstseins. Sie agieren stets auf ihn bezogen, stellen Bilder, lösen sie auf, kommentieren sie – tragen welke Rosen im Haar, einziger Reflex der optisch abwesenden, angepriesenen Natur.

Außergewöhnliche Ausdrucksvielfalt 

In der engen Trinitatiskirche sitzt jeder Zuschauer fast gespenstisch nahe am Geschehen. Jeder Atemzug, jedes Zucken eines Fingergliedes wird bemerkt, eine fremde, aus der Balance geratene psychische Befindlichkeit ist nah wie selten. Durch seine Empathie und Natürlichkeit macht Miljenko Turk den Zuschauer zum Sympathisanten, stößt ihn nicht ab. Mit seiner stimmlichen und körperlichen Beweglichkeit und seinem klangschönen Bariton ist er ein faszinierender Lenz.

Hier und da schleicht sich allerdings, nicht nur bei der Hauptfigur, konventionelle Opernästhetik ein. Illustrierende, sauber abgezirkelte Standardgesten stören dann gleichsam die Verstörung. An solchen Stellen muss die Musik helfen.

Alejo Perez erreicht mit Sängern und Musikern außergewöhnliche Ausdrucksvielfalt. Er schlägt viel Kapital aus der ungewöhnlichen, von Cembalo und Percussion angeführten Instrumentierung. Der karge Bläsersatz schillert in spröden, sich intensiv festhakenden Farben, grundiert ausschließlich von den Celli. Violinen weist diese Partitur nicht auf.

Wolf-Matthias Friedrich macht aus dem Pfarrer Oberlin mit energetisch geführtem Bass die leise Karikatur eines selbstgewissen Protestanten, John Heuzenroeder ist ein stimmlich sehr präsenter, in der Höhe leicht schartiger, für den kleingeistigen Charakter seiner Figur eine Spur zu sachlicher Kaufmann.

Die Aufführung ist ein starkes Plädoyer für ein ungewöhnliches, zeitlos aktuelles Stück.

Oper Köln in der Trinitatiskirche

Wolfgagng Rihm: Jakob Lenz

Ausführende: Alejo Perez (Leitung), Beatrice Lachaussée (Inszenierung),  Nele Elligiers (Ausstattung), Miljenko Turk (Lenz), Wolf-Matthias Friedrich (Oberlin), John Heuzenroeder (Kaufmann), Erika Simons, Aoife Miskelly, Marta Wryk, Adriana Bastidis-Gamboa, Marcelo de Souza Felix, Luke Stoker (Solo-Stimmen), Faris Wienecke, Moritz Bouchard (Kinder)

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