Ballett-Kritik: Hamburgische Staatsoper – Turangalîla

Triumphaler Hymnus auf die Liebe

(Hamburg, 3.7.2016) John Neumeier vertanzt Olivier Messiaens sinfonisches Meisterwerk grandios intensivierend

© Kiran West

Triumphaler Hymnus auf die Liebe

Ein Mann trägt eine Frau auf Händen. Was sich romantisch veranlagte Vertreterinnen des schönen Geschlechts auch heute noch gar sehnlich wünschen, werden ihnen normalsterbliche Vertreter des einstmals starken Geschlechts nur kaum mehr erfüllen. Wenigstens im Ballett aber wird wahr, was noch immer ein so wunderbares Zeichen der Liebe ist: Der Mann erhebt die Frau. Sein körperliches Erheben eines zierlichen Körpers verleiht der Dame damit gleichsam götternahe Erhabenheit. Sie legt alle Erdenschwere ab, scheint zu entschweben, wird zum engelsgleichen Wesen einer idealisierten Weiblichkeit, wenn sie den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen weiß. Im Tanz wird auf einmal möglich, wovon wir im normalen Leben bestenfalls träumen. 

Rhythmische Urkräfte vermitteln den hochfliegenden tänzerischen Impetus

John Neumeier glaubt noch an solche Wunder. Der altgediente Hamburger Ballettchef kreiert in seiner jüngsten Uraufführung einen triumphalen Hymnus auf die Liebe. Olivier Messiaen hat ihn dazu inspiriert. Der hoch religiöse, sehr katholische Franzose liefert mit seiner kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges komponierten Turangalîla-Symphonie die ihrerseits hochfliegende Vorlage. Deren durch rhythmische Urkräfte vermittelter tänzerischer Impetus ist so überwältigend, dass man sich fragt, warum Choreografen nicht früher und öfter auf das Meisterwerk aufmerksam wurden. Denn wirklich erst einmal, es war 1968 in Paris, wurde die Partitur in Gänze vertanzt, Rolf Liebermanns einstiger Hamburger Ballettdirektor Peter van Dyk präsentierte zuvor immerhin eine Choreografie der Sätze 3 bis 5 des zehnteiligen Werks.

Messiaen, enttäuscht durch einen Urheberrechtsstreit um die Pariser Premiere, erteilte dann zu Lebzeiten keine weiteren Genehmigungen für tänzerische Anverwandlungen. John Neumeiers frühe Begeisterung für die Symphonie erhielt erst durch die Vermittlung von Kent Nagano die Chance, in die tänzerische Tat umgesetzt zu werden, konnte der neue Generalmusikdirektor der Staatsoper als einstiger enger Vertrauter des Komponisten bei Messiaens Erben eine Freigabe erwirken. Ein Glücksfall.

Messiaens Musik ist nicht Mittel zum tänzerischen Zweck, sondern Zentralereignis

Denn der Geist Messiaens weht an diesem Premierenabend fürwahr durch die Staatsoper. Nagano als dessen dirigierender Stellvertreter auf Erden setzt die grandiose Partitur mit dem Philharmonischen Staatsorchester derart gleißend um, dass einem der oft unterspannte Klangkörper jetzt wie ausgewechselt erscheint. Überhaupt ist die unerhört starke Musik an diesem Abend keineswegs bloßes Mittel zum tänzerischen Zweck. Zwischen der rhythmischen Archaik eines Igor Strawinsky, der tristanesken Sehnsuchtsharmonik eines Richard Wagner und der sinnlichen Süffigkeit eines Richard Strauss findet Messiaen seinen ganz eigenen Ton der Entgrenzung.

Unbändige erotische Energie von Ekstase und Entrückung

John Neumeier greift ihn unmittelbar auf, wenn er gleich zu Beginn das überschäumende männliche Außer-Sich-Geraten einer testosterongesteuerten Tänzergruppe auf dem ganz nach vorn verlagerten weißen Bühnenrund in Szene setzt. Die von Heinrich Tröger konzipierte Bühne ist zu allererst akustisch exzellenter Klangraum und wächst sich dann daraus zum tänzerischen Raum aus. Das Orchester sitzt sichtbar auf dem hinteren Teil, davor bildet die kreisrunde Tanzfläche die logische Fortsetzung. Wo die Musik – und mit ihr die Musikerinnen und Musiker – nicht mehr Mittel zum Zweck ist, wird sie zum Zentralereignis, aus dem sich alles ableitet. Messiaen ist an diesem fantastischen Abend Ausgangspunkt und Ziel zugleich. Aus seiner Musik entwächst die ganze unbändige erotische Energie von Ektase und Entrückung.

John Neumeier inszeniert die freudige sinnliche Selbsterhöhung des Menschen durch die Liebe

John Neumeier muss dieser Energie „nur“ sichtbaren tänzerischen Ausdruck verleihen. Er erfindet keine Geschichte, er bebildert und dramatisiert niemals vordergründig, wo in sinfonischer Vollendung doch schon alles gesagt ist. In wechselnden Konstellationen von Solisten und Gruppentänzern variiert er in Bewegung und Gestik Grundsituationen von Beziehung und Kommunikation in Liebesdingen: absolute Hingabe und rauschhafte Leidenschaft auf der einen, extreme Nervosität und Angst auf der anderen Seite. Bestechend ist dabei, wie Neumeier seiner sattsam bekannten, längst klassisch gewordenen Sprache ausgeprägte wie ausdrucksstarke Elemente der Freiheit, der Durchlässigkeit und des Humors beimischt. Seine exquisite Kompagnie setzt seine Visionen mit charakterstarken Portraits um, aus denen zwar als hohes Paar Hélène Bouchet und Carsten Jung sowie als Verkörperung eines jugendlichen Eros Christopher Evans herausragen.

Doch die Kraft dieser Choreografie liegt ganz im Ensemblegeist und dem gemeinschaftlichen Bezwingen und tänzerischen Überhöhen einer hoch komplexen Musik. Die farbenpralle Partitur findet ihre perfekte Entsprechung im Tanz und den fein gestuften, die Spielarten der Liebe differenzierenden Rot-Tönen von Modeschöpfer Albert Kriemler. Der Akris-Designer hat gleichermaßen antikische wie aktuelle Kleider ersonnen, die sensibel akzentuieren, was John Neumeier hier an freudiger sinnlicher Selbsterhöhung des Menschen durch die Liebe inszeniert. Bewegender Jubel für einen großen, bedeutenden Abend.

Hamburgische Staatsoper

Messiaen/Neumeier: Turangalîla

Kent Nagano (Leitung), John Neumeier (Choreografie & Licht), Heinrich Tröger (Bühne), Albert Kriemler (Kostüme),Carolina Agüero, Hélène Bouchet, Florencia Chinellato, Xue Lin, Christopher Evans, Carsten Jung, Marcelino Libao, Aleix Martínez, Edvin Revazov, Alexandr Trusch, Philharmonisches Staatsorchester

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