Nachruf Sir Neville Marriner

Vom Wohnzimmer auf die Bühnen der Welt

Sir Neville Marriner revolutionierte mit seiner Academy of St Martin in the Fields die Musikrezeption. Am 2. Oktober 2016 verstarb er im Alter von 92 Jahren

© PHOTO REG WILSON

Geiger und Dirigent: Sir Neville Marriner

Sein verschmitztes Lächeln wird allen in Erinnerung bleiben – den Musikern der von ihm gegründeten Academy of St Martin in the Fields vor ihm; dem Publikum, zu dem er sich nach dem Konzert umdrehte, um in vornehmer Zurückhaltung den wohlverdienten Applaus für sein Orchester und sich entgegen zu nehmen; den Journalisten, die ihm in seiner langjährigen Karriere wohl immer wieder die selben Fragen stellten und die er nicht müde wurde, mit Engelsgeduld, Wissen und Witz ewig neu zu beantworten.

Die Suche nach dem historischen Klang

 

Auch wenn Sir Neville Marriner sein Lächeln nun mit sich genommen hat, hinterlässt er der Welt mehr als mancher seiner Zeitgenossen. Alles begann in den 50er-Jahren, als Marriner noch im London Symphony Orchestra als zweiter Geiger angestellt war. Dass es noch mehr geben müsste neben dem normalen Konzertbetrieb war dem 1924 im englischen Lincoln geborenen Musiker klar, und so stand auf seiner Agenda das Musizieren mit Kollegen außerhalb des Orchestergrabens – im eigenen Wohnzimmer. Dass sich daraus ein weltberühmter Klangkörper entwickeln würde, der, benannt nach der Kirche, in der die ersten Konzerte stattfanden, die Bühnen der großen Konzerthäuser erobern würde, überraschte wohl keinen mehr als Marriner selbst.

Die Suche nach dem passenden historischen Klang stand für ihn und seine Mitstreiter in der dirigentenlosen Academy im Vordergrund – und dabei ging es nicht um Darmseiten, sondern um Interpretationsfragen. Eine Rechnung, die auch auf dem Plattenmarkt aufging: In den 90er-Jahren trugen zahlreiche CDs im Handel Marriners Namen. Referenzaufnahme folgte auf Referenzaufnahme, das Publikum war und ist bis heute begeistert von der Entstaubung althergebrachter Klangvorstellungen der Klassiker Mozart, Haydn und Beethoven. Auszeichnungen begleiteten die Arbeit des umtriebigen Marriner und der Academy. 2011 übernahm Joshua Bell den Staffelstab und damit die Leitung des englischen Vorzeigeorchesters.

Ein Leben für die Musik

„Ich würde sterben, wenn ich aufhören würde zu dirigieren“, sagte Marriner vor einigen Jahren der FAZ. Mit 90 Jahren war er noch als ältester Dirigent bei der Sommerkonzertreihe der Proms in der Royal Albert Hall zu erleben und ging mit seiner Academy auf Tour. Noch drei Tage vor seinem Tod dirigierte er ein Konzert in Padua. Sein Nachfolger Joshua Bell fand wohl die besten Nachrufworte: „Er war einer der außergewöhnlichsten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe. Ich werde ihn aufgrund seiner Brillianz, seiner Integrität und seines Humors besonders in Erinnerung behalten, und das sowohl auf als auch jenseits der Bühne. Maestro Marriner wird immer das Herz und die Seele der Academy of St Martin in the Fields bleiben und wir Orchestermusiker werden ihn sehr vermissen.“

Rezensionen

CD-Rezension Sabine Meyer

Kassette der Königin

EMI Classics hat jetzt eines ihrer Zugpferde mit einer Kompilation geehrt: Sabine Meyer, seit Jahren unangefochtene Königin der Klarinette. Wie exzeptionell die Künstlerin ist, das dokumentiert die 5-CD-Box mit Aufnahmen aus den 80er und 90er Jahren. Zu hören sind konzertante… weiter

CD-Rezension Martin Stadtfeld

Unverkrampft und klar

Nur an wenigen Pianisten spalten sich die Meinungen so deutlich wie an Martin Stadtfeld. Die ihm oft nachgesagte Exzentrik scheint auf seinem neuen Album nur in Ansätzen durch. In Mendelssohns Lieder ohne Worte verzichtet Stadtfeld auf betonte Sanglichkeit, nimmt die… weiter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *