Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui im Porträt

Vom Gogo-Tänzer einer Diskothek zur Weltspitze des modernen Balletts

Der belgische Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui stellt mit seinem Stück „Fractus V“ die mediale Informationsgesellschaft auf den Prüfstand

Sidi Larbi Cherkaoui © Koen Broos

Sidi Larbi Cherkaoui

Die Umgebung, in der Sidi Larbi Cherkaoui aufwuchs, war alles andere als kulturaffin: Als Sohn einer belgischen Katholikin und eines marokkanischen Gastarbeiters muslimischen Glaubens kam er 1976 am Stadtrand von Antwerpen in einfachen Verhältnissen zur Welt. In der Koranschule war er der einzige Hellhäutige, in der flämischen, allgemeinbildenden Schule hingegen der einzige mit arabischem Namen. Es gab weder eine Religion noch Sprache, in der er sich zuhause fühlte; seine Eltern sprachen mit ihm Französisch, das war für beide eine Fremdsprache – so fremd wie die Welt von Theater und Ballett.

Cherkaoui: Der Sprache des Körpers verschrieben

Sidi Larbi Cherkaoui

Sidi Larbi Cherkaoui © Mats Bäcker

Heute gehört der Choreograf zur Weltspitze seines Fachs, leitet des Königliche Ballett Flanderns und hat sich der Verständigung jenseits verbaler Sprache verschrieben: Bewegung, die Sprache des Körpers, beherrscht er so universell wie kaum ein anderer. Und das obwohl – oder weil? – er spät zum Tanz fand: Motiviert von Filmen wie „Fame“ und Fernseh-Auftritten von Michael Jackson, begann seine eigene Laufbahn als sogenannter Gogo-Tänzer in Diskotheken. Bei einem lokalen Tanzwettbewerb wurde er 17-jährig fürs belgische Fernsehen entdeckt und durfte im Hintergrund mitwirken. Kollegen, die seine Begabung erkannten, wiesen ihm den Weg zum professionellen Tänzer.

Dass die Herkunft aus einem bestimmten Kulturkreis relativ sein kann, hatte er am eigenen Leib erfahren; folglich betrachtet Cherkaoui Kultur als etwas, das sich permanent in Veränderung befindet. Gezielt sucht der Choreograf Austausch und Inspiration bei Künstlern aus anderen Kulturkreisen: Für „Sutra“ arbeitete er mit jungen Mönchen aus einem chinesischen Shaolin-Kloster zusammen, „Dunas“ beispielsweise entstand gemeinsam mit der spanischen Tänzerin María Pagés.

Grenzen überschreitendes Projekt

Auch „Fractus V“ ist das Ergebnis dieser Grenzen überwindenden Arbeitsweise: Als Auftragswerk anlässlich des 40. Geburtstages von Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater in der Spielzeit 2013/14 uraufgeführt, holte Cherkaoui drei Musiker aus Indien, Japan und Korea ins Team. Fünf Tänzer können unterschiedlichste Werdegänge vorweisen. So hat einer zum Beispiel HipHop-Wurzeln, ein anderer eine Flamenco-Vergangenheit und ein dritter einen Zirkus-Background.

Inhaltlich inspirierte ihn zu diesem Werk der jüdische Sprachforscher, Philosoph und USA-Kritiker Noam Chomsky; dessen Auffassung, dass die Medien dieser Welt funktionalisiert werden, damit die Interessen der einflussreichen Oberschicht gewahrt bleiben, war Ausgangspunkt. Zur Vermittlung dieses komplexen Sujets nutzt der Choreograf in „Fractus V“ auch das gesprochene Wort – ein weiteres Beispiel für Grenzen überschreitendes Vorgehen. Nicht zuletzt dafür wurde er von den Kritikern der Zeitschrift „Tanz“ zum Choreografen des Jahres 2017 gewählt.

Teaser zu „Fractus V“

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