Porträt Singapore Symphony Orchestra

Der Stolz des Staates

Hierzulande kämpfen Orchester ums Überleben – in Fernost erlebt die Klassik einen Boom

© shutterstock

 „Stinkfrucht“: Die Esplanade Concert Hall ist der kulinarisch umstrittenen Durian nachempfunden

„Für mich ist es viel aufregender in Europa zu spielen – einfach ob der Kultur, der Künstler und der Umgebung, die all die klassischen Komponisten inspiriert haben, ihre Werke zu schreiben.“ Erstaunlich ist das schon: Da sitzt einem mit Lynnette Seah eine gestandene Geigerin in Singapurs gediegen-eleganten Hotel Conrad gegenüber, die allein diese Saison in der Finanzmetropole am Äquator mit Stars wie Hélène Grimaud, Vladimir Ashkenazy oder Neeme Järvi konzertiert, die hier mit der 2002 eröffneten Esplanade Concert Hall einen Arbeitsplatz hat, um dessen akustische Qualitäten sie viele Kollegen in aller Welt beneiden dürften – und dann schwärmt die stellvertretende Konzertmeisterin des Singapore Symphony Orchestra (SSO) vom Sehnsuchtsort Europa. Ist voller Vorfreude auf die Tour im Mai, die sie und ihre 97 Orchesterkollegen nach Berlin, Dresden, München, Prag und Mannheim führen wird. In jene Wiegen der Klassik, in denen doch aktuell der Musikunterricht in  Schulen immer häufiger ausfällt, wo derzeit eher Orchester geschlossen und die Fragezeichen hinter einer Zukunft mit Bach, Mozart und Beethoven stetig größer werden …

Klassik als Bildungsideal quer durch Singapurs Gesellschaft

Ganz anders hingegen in Singapur: „Musik steht hier viel mehr im Zentrum als bei uns“, sagt Jan Vogler – „und die Klassik rangiert ganz weit oben bei den Bildungszielen.“ Der Cellist muss es wissen, kennt der Deutsche doch die fernöstlichen Kollegen und ihr Land seit bald zwei Jahrzehnten. Und so dünkt es nicht nur ihm, als nähme die Klassik dort seit einiger Zeit den umgekehrten Weg wie hierzulande: Klassische Musik gilt in der singapurischen Gesellschaft als Bildungsideal, ein Klavier gehört in vielen Familien nicht allein zum Mobiliar, sondern steht neben Streichinstrumenten vor allem beim Unterricht für die eigenen Kinder hoch im Kurs – und an die zwei Dutzend, im Rahmen der Kunstaktion „Play me, I’m yours“ auf Plätzen und Straßen des Stadtgebiets verteilten Pianos setzen sich allenthalben schon Sechsjährige, um stolz das Erlernte den Passanten zu präsentieren. Schlichte Musikbegeisterung der Jüngsten oder doch eher verordnete Strebsamkeit der Eltern?

Schwer zu sagen. Beeindruckend ist auf jeden Fall die Entwicklung, die das SSO seit seiner Gründung vor 37 Jahren genommen hat. Ganze 41 Musiker waren es, die 1979 das erste Sinfoniekonzert gaben – heute zählt das für europäische Verhältnisse noch immer ungewöhnlich junge Ensemble nicht nur zu den besten Asiens, sondern kann sich auch mit europäischen Top-Orchestern messen. Und anders als in Deutschland müssen die Singapurer Musiker auch nicht um eine Kürzung ihrer staatlichen Millionen-Zuschüsse fürchten, denn 51 Jahre nach der Staatsgründung hat die Stadt erkannt, dass nicht allein Big Business, sondern auch Kunst und Kultur das Land und seine Gesellschaft voranbringen können.

„Wir haben eine Regierung, die um die Bedeutung von Kultur weiß“, findet Orchester-Geschäftsführer Chng Hak-Peng entsprechend freundliche Worte für die autokratischen Machthaber.

Größter Fan des Orchesters 
ist der Premierminister

Als das SSO 2014 sein Debüt bei den Proms in London gab, gratulierte Premierminister Lee Hsien Loong persönlich via Facebook: „Danke, dass Ihr Singapur stolz gemacht habt!“ Wohl wissend, dass durch solche internationalen Auftritte nicht nur der Name des Stadtstaates in die Welt getragen wird, sondern auch immer mehr Klassikstars in die 5,3-Millionen-Einwohner-Metropole kommen und damit jenes multinationale Bild unterstreichen, das auch sonst Land wie Orchester prägt.

In letzterem finden sich allein 15 Nationalitäten – und doch „gibt es hier definitiv weniger Grabenkämpfe als sonst in Orchestern“, sagt Igor Yuzefovich. Seit 2014 ist der Russe Konzertmeister des SSO und voll des Lobes über die „sehr gute Atmosphäre in puncto Zusammenarbeit“. Was sein Kollege Christoph Wichert bestätigt: Da in Wien auf absehbare Zeit keine Stelle frei geworden wäre, packte den Österreicher 2008 „die Abenteuerlust“ und der Fagottist zog nach Singapur. „Hier haben alle einen Migrationshintergrund – das macht das Ankommen viel leichter.“ Und offenbar auch den Orchesterklang vielseitiger und flexibler – sagt zumindest Chefdirigent Lan Shui.

Oder mit den Worten seines Konzertmeisters: „Unser Potenzial ist unsere Stärke.“

Ein Potenzial, das andernorts in der Löwenstadt schon zahlreiche Erfolgsgeschichten geschrieben hat: sei es als Handelsraum – in fast allen Rankings der besten Wirtschaftsstandorte belegt Singapur einen der vorderste Plätze. Als Touristenmagnet – mehr als 17 Millionen Besucher zog es 2015 in die Shopping-Metropole, deren Silhouette solch grandiose Bauten wie das auf drei gigantische Stelzen verteilte und von einem Boot-ähnlichen Dach gekrönte Kasino-Hotel Marina Bay prägen oder die bis zu 50 Meter hohen, künstlichen Bäume im größten botanischen Garten der Welt. Oder auch als kultureller Schmelztiegel – die Bewohner haben zwar alle ihre kulturellen Eigenheiten, pflegen ihre eigenen Sprachen und kulinarischen Gewohnheiten in „ihren“ Stadtvierteln wie Chinatown, Arab Street oder Little India, am Ende aber sind alle stolz auf ihre Stadt. Nicht zuletzt, da diese ob strikter Gesetze und knallharter Strafen (300 Euro für jeden achtlos weggeworfenen Zigarettenstummel!) auch in Sachen Sauberkeit und Sicherheit Weltspitze ist: Wo sonst setzen sich Eltern mit ihren Kinder zum Picknicken auf blitzblanke Gehwege? Halten Bauarbeiter im Schatten von einem der zahlreichen Bäume ungestört ein Mittagsschläfchen und muss ein Tourist keinen Moment lang auch nur einen Gedanken an Kleinkriminelle verschwenden? „Singapur ist schon eine extrem sichere Stadt – selbst wenn man sich nachts verläuft, gibt es nie Probleme“, weiß Wichert aus eigener Erfahrung.

Der Schweiß läuft in Strömen

Allein das tropische Klima (31 Grad bei fast 90 Prozent Luftfeuchtigkeit) lässt dem Besucher bisweilen den Atem stocken – und erschwert auch den Musikern den Zugang zu den Werken. Weniger ob der tiefgekühlten Temperaturen im vollklimatisierten Konzertsaal als vielmehr ob des fehlenden Wissens um Frühling, Sommer, Herbst und Winter. „In Singapur ist immer das gleiche Wetter“, sagt Seah. „Doch bei nicht wenigen Werken ist gerade der Wechsel der Jahreszeiten entscheidend für das wirkliche Verständnis der Kompositionen.“ Gut, dass es da zumindest gelegentlich Tourneen in die europäischen Hoch- und Tiefdruckgebiete gibt.

CD-Tipp

Debussy: Images pour Orchestre Nr. 1-3, La Mer u. a.
Singapore Symphony Orchestra, Lan Shui (Leitung)
BIS

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *