Komponist Valentin Silvestrov im Porträt

Meditativer Wohlklang in Weimar

Hierzulande ist der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov nur wenigen Klassikliebhabern bekannt. Aber vielleicht ändert sich das jetzt dank der Staatskapelle Weimar, wo Silvestrov in dieser Spielzeit „Composer in Residence“ ist

Valentin Silvestrov © Ulrike Patow

Valentin Silvestrov

„Bei der Entstehung von Musik ist der Komponist im Grunde nichts weiter als ein Dämpfer auf dem Klavier. Der eine heißt Beethoven, ein anderer Mozart oder x oder y. Je nach seiner Veranlagung filtert so ein Dämpfer dieses oder jenes heraus. Er fasst etwas aus den kaum erfassbaren Wehen der Musik auf und verwandelt es in etwas Einzigartiges. Man darf darin keinen persönlichen Verdienst des Autors sehen.“ Diese höchst bescheidene, von Demut geprägte Aussage von Valentin Silvestrov verdeutlicht sehr genau, wie er als Komponist vorgeht. Und wie er zur Musik an sich steht.

Denn nach Silvestrovs Meinung ist alles bereits da, wurde alles schon einmal geschaffen. Der Komponist muss also nur genau zuhören und das erkennen, was schon da ist, um es aufzugreifen und neu in Schwingung zu versetzen. Was dann den Komponisten nicht zu einem Schöpfer neuer Klänge, sondern lediglich zu einem Katalysator macht. Ein höchst erstaunliches Musikweltbild von einem Komponisten, der sich selbst keine große Bedeutung zumisst, zugleich aber die Musik in der Ukraine geprägt hat wie kaum ein anderer, obwohl er Repressionen ausgesetzt war, solange die Sowjetunion existierte.

Valentin Silvestrov und die „Kiewer Avantgarde“

So erhielt Valentin Silvestrov, der erst im Alter von 15 Jahren zur Musik kam, 1963 vom Musikkonservatorium in Kiew kein Diplom, sondern lediglich eine Bescheinigung, dass er sein Studium absolviert hatte, da seine erste Sinfonie nicht im Stil des Sozialistischen Realismus komponiert war. Denn Silvestrov hatte sich, ebenso wie eine Handvoll seiner Studienkollegen und Freunde, die Zwölftontechnik selbst beigebracht und damit zugleich die „Kiewer Avantgarde“ mitbegründet. Dieser war er bis 1970 treu ergeben, obwohl seine Stücke deswegen in der Sowjetunion kaum – in Kiew sogar gar nicht – gespielt wurden und er Ende der 1960er Jahre sogar aus dem Komponistenverband der UdSSR ausgeschlossen wurde.

Valentin Silvestrov

Valentin Silvestrov © Roberto Masotti/ECM Records

Und trotzdem ließ sich Silvestrov nicht verbiegen, sondern entwickelte sich kontinuierlich weiter. In den 1970ern hatte das zur Folge, dass er kompositorisch eine vollkommen neue Richtung einschlug und sich bewusst von der „Kiewer Avantgarde“ abwendete. Für ihn selbst war das nur eine logische Konsequenz: „Die Avantgarde setzt einem nichts als Salz vor. Versuchen Sie mal einen Haufen Salz zu essen. Andererseits ist das Salz der Avantgarde jetzt noch da – gerade noch spürbar.“ Und in der Tat kann man diese Prise Salz bis heute immer wieder in Silvestrovs Werken wahrnehmen. Wobei bei ihm inzwischen der „Wohlklang“ ebenso im Vordergrund steht wie die eingangs erwähnte Metaebene der Musik, die bereits da ist und nur noch gefunden werden muss.

Mehr als ein Neo-Romantiker

Diese Verbindung von wohlklingender und Meta-Musik brachte Musikschaffende schnell dazu, Valentin Silvestrovs Kompositionen in den Bereich der Neo-Romantik einzuordnen. Doch das wird ihm nur bedingt gerecht. Kirill Karabits, Chefdirigent der Staatskapelle Weimar, wo der knapp 80-jährige Valentin Silvestrov in der gerade begonnenen Spielzeit nun „Composer in Residence“ ist, bestätigt das: „Silvestrovs Musik ist mir sehr nah, er schreibt eine sehr eigene, vorwiegend meditative Musik, die für die Zuhörer viel Raum zum Nachdenken und eigene Reflektionen und Assoziationen lässt.“

Über die Wertschätzung hinaus, die Karabits für seinen Landsmann empfindet, ist der Dirigent dem Komponisten auch persönlich sehr verbunden, denn sein Vater Ivan Karabits besuchte nicht nur an der Kiewer Musikakademie dieselbe Klasse wie Silvestrov. Die beiden verband auch über Jahrzehnte hinweg eine tiefe Freundschaft. So hat Silvestrov zum Beispiel sein Werk „Elegie für Streichorchester“, das übermorgen im ersten Sinfoniekonzert in Weimar zu hören sein wird, nach unvollendeten Skizzen von Karabits’ Vater nach dessen Tod im Jahr 2002 geschaffen. Fernab dieser persönlichen Verbindung möchte Kirill Karabits dem Weimarer Publikum in dieser Saison das Schaffen von einem der wichtigsten lebenden Komponisten aus der Ukraine näherbringen: „Ich bin sicher, dass die Entdeckung seiner verschiedenen stilistischen Formen, etwa die ‚Elegie’, die 7. Sinfonie oder das Violinkonzert in dieser Spielzeit eine interessante musikalische Reise für unser Publikum wird.“

Kirill Karabits dirigiert die „Elegie für Streichorchester“ von Valentin Silvestrov:

concerti-Tipp:

1. Sinfoniekonzert der Staatskapelle Weimar
So. 10.9. & Mo. 11.9., 19:30 Uhr
Mit: MDR Rundfunkchor Leipzig, Kirill Karabits (Leitung) u.a.

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